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, da war ich gewiss der Glücklichste der Sterblichen! und nun? – Grosses Wesen! Nun bin ich das Elendeste deiner Geschöpfe! So sprach Herrmann. Helle Tränen glänzten in seinem Auge; er blickte zurück; verschwunden war die Turmspitze, an welcher sein blick mit schmerzlichem Vergnügen hieng; er streckte seine arme nach der Gegend aus. Ewig! so rief er donnernd, und nun sank sein Haupt; seine Empfindungen wurden stumpf. Fort rollte der Wagen; die natur voränderte ihre Scenen um ihn; Herrmann bemerkte es nicht. Er kam in B... an; das laute Getümmel auf den Gassen weckte ihn nicht aus seiner Betäubung. Ewige Trennung von Elisa'n! – dieses war der einzige Gedanke, welcher ihn beschäftigte, und nichts vermochte ihn davon abzuziehen. –

Elisa hatte indess Alles angewandt, um ihren Schmerz zu bekämpfen. Henriette verliess sie nicht; aber Elisa versagte sich den Trost, an ihrem Busen zu weinen; sie sprach den Namen ihres Geliebten nicht mehr aus. Oft suchte sie Zerstreuung an ihrem Clavier; aber sie sang nicht mehr die Arien, welche ihr Herrmann gern hörte. So vergingen ihr vier Tage; am fünften kam ihre Mutter am Morgen zu ihr. Sie schien die Blässe auf Elisa's Wangen nicht zu bemerken, und nach dem Morgengrusse sprach sie zu ihr: Elisa, wann wird es Dir endlich gefällig sein, den Herrn von Wallenheim zu sprechen?

E l i s a . Wenn Sie es befehlen, meine Mutter.

B . v . H . So geschehe es noch heute; man merkt es, dass Deine Krankheit nur vorgegeben ist, und dieses ist nicht sehr schmeichelhaft für Deinen künftigen Gatten.

E l i s a . Weiss er es denn nicht, dass bloss unbedingte notwendigkeit mich zwingt, ihm die Hand zu geben?

B . v . H . Ich habe es ihm nicht gesagt; ich schrieb gleich nach Deiner Einwilligung an seinen Vater, und sagte ihm, dass Du nur einige Tage Bedenkzeit verlangt hättest, welche ich Dir zugestanden hätte, und dass Du jetzt bereit wärest, meinen Willen zu erfüllen. Ich hoffe, sprach er, dass fräulein von Hohnau dieses nicht ungern tut? Ich versicherte ihn vom Gegenteil, und sagte ihm zugleich, dass eine kleine Unpässlichkeit Dich verhinderte, das Zimmer zu verlassen. Er erkundigt sich fleissig nach Deiner Gesundheit, und gestern haben er und ich Briefe vom alten Wallenheim empfangen. Er wünscht seinem Sohne Glück, dass er alle Schwierigkeiten überwunden hat, und erlaubt ihm, bis nach Vollziehung der Hochzeit hier zu bleiben.

Elisa seufzte, die Baroninn von Hohnau befahl ihr, beim Mittagsmahle zu erscheinen, und verliess das Zimmer. Gott! was waren da Elisa's Empfindungen! Sie stand lange unbeweglich da, bis endlich Henriette hinein kam.

E l i s a . Ach, Henriette, heute soll ich ihn nun sehen! Werde ich stark genug sein, seinen Anblick zu ertragen, den Antrag zu hören, den er mir machen wird?

H e n r . Frägt Elisa mich das, welche immer stark zu Allem war, was Pflicht von ihr heischte?

E l i s a . Ach, bisher war es mir so leicht, gut zu sein; ich folgte nur dem Hange meines Herzens. Aber nun empören sich alle meine Empfindungen gegen meine Pflichten.

H e n r . Und nun wirst Du beweisen, dass feste Grundsätze alle Leidenschaften besiegen, und dass, wenn man unwandelbar fortgeht auf dem Wege zum Guten, man Kraft hat, alle Hindernisse zu überwinden.

E l i s a . O, meine Freundinn! ich fühle es, dass diese anhänglichkeit zum Guten mir jetzt Trost gibt; ich müsste unterliegen, wenn nicht der Gedanke mich unterstützte: Ich tue meine Pflicht!

H e n r . Er begleite Dich beständig, meine holde Freundinn, und Du wirst erfahren, dass der Satz wahr ist: dass für den Rechtschaffenen der Freuden mehr, und der Leiden weniger in der Welt sind.

Elisa umarmte ihre Freundinn mit einem Seufzer; ihr Bestreben war nun, die erforderliche Gemütsruhe zu erlangen, um mit Wallenheim zu sprechen. Bisher hatte sie Herrmanns Gemählde an ihrem Halse unter dem Tuche getragen, heute band sie es ab, küsste es, benetzte es mit ihren Tränen, und verschloss es. O, dass ich zugleich meine Liebe aus meinem Herzen verbannen könnte! sprach sie. Einige Augenblicke hieng sie dem Gedanken an Herrmann nach; aber dann entriss sie sich ihm, ergriff ein Buch, und las mit anstrengender Aufmerksamkeit, bis dass Henriette ihr rief, mit ihr zu Tische zu gehen. Blässe überzog jetzt ihre Wangen; aber sie fasste sich schnell, und trat voller Würde in das Zimmer. Wallenheim näherte sich ihr augenblicklich, und fragte nach ihrer Gesundheit. Höflich, aber kurz, waren ihre Antworten. Sie erhielt ihren Platz neben ihm. Alle waren fröhlich; aber sie vermochte es nicht zu sein; ihr blick war ernst; allein achtung und gefälligkeit bezeigte sie Wallenheim. Ihre Mutter schlug nach Tische einen Spaziergang im Garten vor, und als Wallenheim ihr seinen Arm anbot, konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren: Ach, so oft durchstrich ich die Gänge an Herrmanns Seite! Diese Rückerinnerung ihres vorigen Glücks war in diesem Augenblicke ihr schmerzhaft; ihr Busen hob sich höher; sie zitterte; aber Wallenheim bemerkte diese Bewegung nicht. Elisa war ihm gleichgültig, und sein