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verzeihen Sie mir, meine Mutter, (noch sprechen meine Lippen unwillkührlich diesen Namen aus), ich darf nicht mehr nach Birkenstein kommen; ich darf nicht den Abschiedskuss auf Ihre Lippen drükken; ich würde auf ihnen die Spur von Herrmanns Küssen suchen. – Ach, es war eine Zeit, da umschlossen Ihre arme uns Beide! – Sie ist dahin, und das Andenken an sie ist nun Verbrechen für mich. – Oft ermahnten Sie mich zur Tugend; seine Pflichten aufs strengste erfüllen, ist die höchste Tugend; ich will suchen, sie zu erreichen. Ich darf also den Ort nicht wieder sehen, an welchem Alles mich an meine Liebe, an den Mann erinnern würde, dessen Namen ich nicht mehr aussprechen darf. O, wie gerne weinte ich noch einmal an dem mütterlichen Busen, an welchem jetzt auch mein Herrmann Tränen des Schmerzes vergiesst! Aber der Gedanke, Verbrechen, schreckt mich zurück! In wenigen Wochen bin ich das Weib eines Andern, und dann ist Gedanke an ihn schon Sünde. – Also nur diese Zeilen dürfen Ihnen Lebewohl sagen! Meine Blicke werden Sie nie mehr sehen; aber mein Herz wird Sie ewig lieben! – trösten Sie meinen Herrmann! Ach, dass er noch glücklich werden möchte! Dieses ist das einzige, was ich jetzt vom Himmel erflehe! – Leben Sie wohl, meine Mutter! meine Freundinn!

Elisa von Hohnau."

Frau von Birkenstein benetzte diesen Brief mit ihren Tränen; sie gab ihn Herrmann. Ich noch dein Herrmann? rief er aus, nachdem er ihn durchgelesen hatte. Einziges Mädchen! Das Andenken. Deiner Liebe soll mir Trost sein. – Ach, Wallenheim ist noch unglücklicher als ich! (Zur Frau von Birkenstein.) Meine Mutter, lassen Sie mir diesen Brief; er ist der letzte Beweis ihrer Liebe. Wenn stiller Kummer an meinem Herzen naget, dann will ich ihn lesen; er wird mir Stärke geben! Frau von Birkenstein gewährte ihm seine Bitte, und Elisa'n antwortete sie folgende Zeilen: "Teure Elisa!

Welch ein Ausdruck soll Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt machen? – O, meine junge Freundinn, ich fühle Ihren Schmerz, ich sehe Herrmanns Leiden, und weine um den Verlust einer Tochter! – Jede freudige Hoffnung meines Alters ist verschwunden. – Doch gerne wollte ich die Ruhe meiner übrigen Tage dahingeben, wenn ich sie dadurch in Ihr Herz zurückrufen könnte. Ich klage mich jetzt an, wegen der Nachsicht gegen meinen Sohn, dass ich seine Liebe duldete; aber ich war Mutter, und wünschte sein Glück, und meine Zärtlichkeit sprach lauter, als die Klugheit, welche mir hätte vorhersagen können, dass Elisa von Hohnau nie das Weib meines Sohnes werden würde. Verzeihen Sie mir dieses, Elisa! – Ach, wer kann Sie kennen, und nicht wünschen, Sie Tochter zu nennen! – Mein Herz ist zerrissen, bei dem Gedanken, dass ich Sie nicht mehr sehen soll; und doch erkenne ich, dass dieses notwendig ist. Ihre Lage würde mich zittern machen, wenn Sie eines der gewöhnlichen Weiber wären! Mit einem Herzen voll Liebe gegen einen Andern einem mann, den Sie nie kannten, Ihre Hand zu geben! – Wie viel Standhaftigkeit gehört hierzu, um tugendhaft zu bleiben! Aber ich kenne Sie, meine Freundinn; ich weiss, Sie werden Ihren Pflichten jede leidenschaft aufopfern, welche Ihnen an ihrer Ausübung hinderlich sein könnte, und noch verehrungswürdiger werden Sie dann sein, meine Freundinn! Die achtung des Mannes, den Sie zum glücklichsten Gatten machen werden, und der Beifall Ihres Herzens, wird Ihre Belohnung sein, und Sie der Tage voll Kummer vergessen machen, welche Sie jetzt verleben. Auch mein Herrmann wird sich dann bestreben, durch Bekämpfung seiner leidenschaft, der Liebe würdig zu sein, welche die Edelste Ihres Geschlechts einst für ihn hegte. Sie werden ihn dann als Freund wiedersehen, und vielleicht ist es mir noch erlaubt, Sie noch einmal zu umarmen! Ich werde indess Ihre mütterliche Freundinn bleiben, und Sie als meine Tochter lieben. Jeder meiner Wünsche wird für Ihr Glück und meines Sohn's Ruhe sein! – O, lassen Sie mich bald hören, meine süsse Elisa, dass meine Wünsche nicht vergebens waren; dann werde ich sterbend noch mich freuen, und dem ewigen Geber alles Guten danken, dass er das letzte Gebet erhörte von

Kunigunde von Birkenstein."

Herrmann sagte seiner Mutter, dass er am andern Tage von Birkenstein abreisen, und nur dann zurückkehren wolle, ihr das letzte Lebewohl zu sagen, wenn Elisa Hohnauschloss verlassen haben würde. Frau von Birkenstein hiess Alles gut; sie verschloss den Gram, welchen sie bei dem Gedanken der nahen Trennung von ihm empfand; sie wünschte nur seine Ruhe, und wollte seinen Kummer nicht vermehren. Mögen ihn doch meine mütterlichen arme, so sprach sie zu sich selbst, nicht mehr umschliessen, und er nur fern von hier Glück und Ruhe finden! So reiste er am andern Morgen ab, von ihrem Segen und von seiner Liebe begleitet. Noch sah er in der Ferne den Turm von Hohnauschloss hervorragen. Ewiger Friede auf dir, himmlische Bewohnerinn dieses engen Bezirks, welchen du zum Aufentalte der höchsten Freuden machtest! Ach, bald verschwindet diese Turmspitze! Elisa, ewig entferne ich mich von dir! – O, als ich noch mit dir jene Anhöhen erstieg, von welchen wir die natur in ihrer Pracht erblickten, sie bewunderten, ihren Schöpfer preisten