1795_Wobeser_112_27.txt

vor seinen Augen.

F r . v . B . Herrmann, was ist Dir?

H e r r m . (Steht auf.) Sie hier, meine Mutter?

F r . v . B . Warum sind Deine Blicke so fürchterlich? Du bist blass, Du zitterst? O, mein Sohn! welch ein Unglück droht Dir?

H e r r m . Das schrecklichste, Mutter, welches den elenden Erdensohn treffen kann! Elisa ist verloren, ewig verloren für mich!

F r . v . B . Herrmann, sei ein Mann!

H e r r m . Ich fühle, dass ich es bin. Denn der Schmerz dringt langsam, aber desto tiefer in meine Nerven, und Verzweiflung rollt wild in meinen Adern!

F r . v . B . Unglücklicher Herrmann! Deine Liebe zu mir führte Dich hierher, und hier musstest Du die Quelle Deines Grams finden!

H e r r m . O, hätte ich es gewähnt, als ich Elisa'n hier zum Erstenmale erblickte, ich wäre geflohen, ich hätte ihren Zauberblicken mich länger nicht genähert! Aber wer hätte ihr widerstanden? Wer Unglück geahndet in der Gesellschaft eines Engels? – So liebevoll schmiegte sie sich an Ihren Busen, so sanft blickte sie auf mich, so offen, so vertraulich war ihr Gespräch! – O, Augenblicke der Wonne, nie kehret ihr mehr zurück!

F r . v . B . Aber woher entstand diese plötzliche Veränderung?

H e r r m . Von der Grausamkeit ihrer Mutter; sie opfert sie Carolinen auf; sie muss einem reichen Herrn von Wallenheim ihre Hand geben, damit Caroline dessen Vetter heiraten kann, welches sonst der Vater nicht zugegeben hätte.

F r . v . B . Das arme Mädchen, wie viel wird ihr Herz leiden!

H e r r m . Ach, Mutter, und ich mache sie so unglücklich! Hätte sie mich nicht gesehen, hätte ich ihr meine Liebe nicht entdeckt, nicht Alles angewandt, die ihrige zu gewinnen, so wäre sie jetzt ruhig, so gehorchte sie jetzt willig dem Befehle ihrer Mutter! – Und nunAch, wie sie kämpfte, wie sie litt!

F r . v . B . O, dass ich Eure Liebe so tief Wurzel fassen liess! Dass ich Dich nicht wegschickte, Herrmann, ehe dieses alles so weit kam!

H e r r m . Mutter! machen Sie sich keine Vorwürfe, dass Sie nicht der Zukunft Schleier entüllen konnten! Sie wollten mein Glück, von fern liess das Schicksal es mich erblicken, um es mir zu entreissen!

F r . v . B . Herrmann, muss Erfahrung Dich erst lehren, dass der unaufhörliche Wechsel der Freude und des Leidens das ewige los aller Sterblichen ist? Der gemeine Haufen der Menschen erwartet Trost von der Hand der Zeit, aber der Weise kommt ihr durch Standhaftigkeit zuvor.

H e r r m . Ach! Mutter, Sie verloren nicht alles, was das Leben Ihnen teuer machte!

F r . v . B . Ich verlor es einst. Aber keine Trennung hebt je unsere Pflichten als Mensch auf, darum müssen wir uns fassen, um fortwirken zu können.

H e r r m . Ich fortwirken? Nein, Mutter, der Unglückliche hört auf zu wirken!

F r . v . B . Mein Sohn, mein Herrmann, verdrängte die Liebe zu Elisa'n jede andere Liebe aus Deinem Herzen? O, es gibt noch ein Wesen, dessen Wohl ganz von dem Deinigen abhängt!

H e r r m . Teure Mutter! – Ach, verzeihen Sie dem ersten Ausbruch meines SchmerzesIch fühle es, das Glück meines Lebens ist dahin!

F r . v . B . Aber Deine Ruhe muss es nicht sein! – Komm mit mir in das Haus, weine an meinem Busen; ich bin nicht unempfindlich gegen Deinen Schmerz.

Herrmann folgte seiner Mutter; aber Ruhe war diese Nacht von seinem Lager verscheucht. Er durchstrich am andern Morgen früh alle Gänge, welche er einst an der Hand seiner Elisa durchging. Ich kann nicht länger in Birkenstein bleiben, rief er endlich aus; hier, wo ich sie nie mehr sehen werde, ist das Leben mir eine unerträgliche Qual! Gefasst war nun sein Entschluss, das Königreich wollte er verlassen, und weit von seinem vaterland Ruhe oder den Tod suchen. Er entdeckte diesen Vorsatz seiner Mutter; sie widersetzte sich ihm nicht; denn sie wusste, dass Zerstreuung das beste Heilungsmittel ist. Noch war er in ihrem Zimmer, als ein Bote aus Hohnauschloss kam; er brachte der Frau von Birkenstein einen Brief; er war von Elisa'n. Herrmann küsste das Siegel, die Aufschrift. Also heute, noch heute, du Innigstgeliebte, hast du dich mit mir beschäftiget? Hast meinen Namen noch gedacht, ihn noch genannt? – So sprach er, und eine Träne entschlüpfte bei diesen Worten seinem männlichen Auge. Frau von Birkenstein las indess folgende Zeilen: "Verehrungswürdige Frau,

Mit welchem Gefühl soll ich heute mich Ihnen nähern, da ich bisher gewohnt war, Sie als Mutter zu betrachten, zu verehren? Welcher Worte soll ich mich bedienen, Ihnen zu sagen, dass das Band zerrissen ist, welches meinem Herzen so teuer war? – O, ich wähnte es nicht, als ich das Letztemal von Birkenstein ging, dass ich es nie wieder betreten würde! Denn