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Mitleiden anzuflehen! – Ohne mich zu kennen, glaubten Sie mich würdig, die gattin Ihres Sohnes zu werden. – Ich erkenne es in seinem ganzen Umfange, dieses edle Vertrauen, und wäre mein Herz frei gewesen, so würde ich mich bestrebt haben, es zu verdienen. Aber schon lange fesselt mich Uebereinstimmung der Neigungen und der denkart an einen edlen Jüngling. Und wie kann ich nun, mit einem Herzen voll unaussprechlicher Liebe gegen ihn, Ihrem Sohne die Hand geben, mich schuldig, und ihn unglücklich machen? Das kann ein Vater nicht wollen. Er darf nicht die Mutter seiner Kinder unglücklich machen, sonst würden einst Ihre Enkel Ihnen meine Tränen vorwerfen! Aber Sie verlangen, mich als gattin Ihres Sohnes, oder das Band zerrissen zu sehen, welches meine Schwester an Ihren Neffen knüpfte! Sie wollen sie trennen, sie, welchen die Liebe einander zurief und vereinigte! Und ich, ich sollte es sein, welche Kummer auf die Tage meiner Schwester verbreitete? Welche dem Herzen ihrer und meiner Mutter jede Freude raubte, indem sie die blühende Tochter dahin welken sah? – O, wohin ich blicke, wartet meiner Verbrechen und Elend! – Ihre Güte allein kann mich retten! Ein Wort von Ihnen sichert mein und meiner Schwester Glück! – Aber der Wille meiner Mutter, welche mich bestimmte, die gattin Ihres Sohn's zu werden, legt mir eine Pflicht auf, die ich erfüllen will. Meine Hand kann ich dem Herrn von Wallenheim nicht geben; aber mein Vermögen sehe ich als das Seinige an. Ich entsage Allem, was ich besitze, und mache ihn zum Herrn desselben. Es ist mir süss, ihm diesen Beweis meiner achtung zu geben, und kränken würde es mich, wenn Ihre Grossmut ihn ausschlüge! – Das erwarte ich nicht; denn es ist nicht ein Sold, den ich geben will, um Ihre Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester mit Ihrem Neffen zu erlangen – O nein! das Glück so vieler Geschöpfe kann nicht mit Gelde bezahlt werden! Und über jeder Belohnung, als über die, welche Tugend gewährt, ist der, welcher so viel Segen über seine Mitgeschöpfe verbreitet! Nur unser Dank, nur unser spätester Segen kann Ihnen lohnen, nie unser Geld! – Das Meinige gehört nach allen Rechten Ihrem Sohne; es verwerfen, hiesse mich verachten! –

Ich habe Sie nun in meinem Herzen lesen lassen; ich habe Ihnen alle meine Gesinnungen entdeckt, muss ich nun noch Ihren Ausspruch fürchten? O, bedenken Sie, dass das Glück meines Lebens von ihm abhängt! dass er es ist, welcher jeden meiner Tage zu Tagen der Wonne machen wird! – Mehr wage ich nicht hinzuzusetzen. Wenn Ihr Gefühl nicht für mich spricht, so bin ich verloren!

Elisa von Hohnau."

Diesen Brief brachte sie ihrer Mutter, und bat sie zugleich, in ihrem Zimmer bleiben zu dürfen, bis dass sie eine Antwort von Herrn von Wallenheim würde erhalten haben. Die Baroninn von Hohnau erlaubte es ihr, verbot ihr aber, an Herrmann zu schreiben, und auch Henriette erhielt Befehl, nicht ohne Carolinen das Haus zu verlassen. Beide gehorchten; die sanfte Elisa murrte nicht, auch klagte sie nicht länger vergebens; sie bestrebte sich, ihren niedergeschlagenen Geist wieder aufzurichten. Unaufhörlich war sie beschäftiget; sie suchte jedes Gfühl zu betäuben; las ernste philosophische Schriften, um ihre Gedanken von Herrmann und von ihrer Liebe abzuziehen. Oft hatte sie sonst gesagt: Ein jeder Mensch wird physikalisch und moralisch gezwungen, sich dem gesetz der notwendigkeit zu unterwerfen; aber nur der Weise erkennt es, und ergiebt sich ihm ohne Murren und Widerstand; denn er weiss, dass keine Macht im ganzen Weltall es aufheben kann. – Dieser Worte erinnerte sie sich jetzt. Ach, sagte sie sich mit einem Seufzer, ich muss nun das ausüben, was ich sonst als weise und gut erkannte! – Selten nur sprach sie mit Henrietten von ihrer Liebe, und so erlangte sie, Ruhe in ihrem Herzen zu erhalten. Aber Wallenheim ihre Hand geben? – Diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Dann flog von ihren Lippen das heitre Lächcln, welches ihr Antlitz zum Bilde der Unschuld und der Tugend machte.

Ihre Mutter hatte ihren Brief dem Herrn von Wallenheim geschickt, und am sechsten Tage nach seiner Absendung, erhielt Elisa eine Antwort. Die Baroninn von Hohnau brachte sie ihr, und Caroline begleitete sie. Elisa war bei ihrer Freundinn; zitternd erbrach sie den Brief; er entielt folgende Worte: "Gnädiges fräulein, Ich konnte Sie nicht zwingen, die gattin meines Sohn's zu werden; aber nie werde ich in die Verbindung meines Neffen mit Ihrer Schwester willigen. Ich beharre stets auf meinem Entschluss, und was ich einmal für gut erkenne, das ändere ich nie. – Die Welt würde mich als den eigennützigsten Mann betrachten, wenn ich Ihr Geld annähme; das kann also nicht geschehen. Und da mein Sohn nicht das Glück gehabt hat, Ihnen zu gefallen, so soll er unverzüglich mit meinem Neffen zurückkommen. Dieses habe ich ihm auch geschrieben. – Ich bedaure übrigens, dass ich nicht das Glück haben kann, mit Ihnen und Ihrer Familie verbunden zu sein, und dass Sie mir jede gelegenheit geraubt haben, Ihnen zu beweisen, wie sehr Sie lieben würde

Ihr

ergebener Diener,

Franz von Wallenheim."

Elisa sank auf einen Stuhl, nachdem sie ihn durchgelesen hatte; sie reichte ihn ihrer Mutter: Er entält