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H . Elisa, so viel Widersprüche bin ich nicht gewohnt!

E l i s a . (Wirft sich zu den Füssen der Baroninn, und ergreift ihre hände.) O, meine Mutter! ich bestrebte mich immer, meine Pflichten zu erfüllen; jeder Ihrer Winke war mir Befehl, welchen ich nie uberschritt, und mein ganzes Leben soll Gehorsam gegen Sie sein! – Ich entsage Birkenstein, aber ich kann keinem andern mann meine Hand geben!

B . v . H . (Entzieht Elisa'n ihre hände, und wendet sich von ihr.) Du sollst sie Wallenheim geben! – Caroline liebte nicht; versprach sich nicht wider meinen Willen; ich werde sie Dir nicht aufopfern.

E l i s a . (Mit einem Ausbruche von Tränen.) Gott! so muss ich das Opfer sein! Meine Mutter, bin ich denn nicht auch Ihre Tochter?

B . v . H . Eine widerstrebende, ungehorsame Tochter!

E l i s a . O, meine Mutter! mit der Vernunft gab mir der Schöpfer das Recht, selbst mein Glück zu wählen. Indem ich Ihnen gehorche, widerstehe ich dem ersten Gebote der natur, welches mich zum Glücke ruft!

B . v . H . Das erste Gebot der natur ist kindlicher Gehorsam.

E l i s a . Ich weiss es! Allein er hört da auf, wo das ganze Glück des Lebens, wo die Tugend selbst auf dem Spiele steht, ohne dass die Urheber unserer Tage Vorteil davon ziehen. Werden Sie glücklicher sein, wenn Sie mich unter der Last des Kummers gebeugt sehen werden? Wird Ihr Ohr, ermüdet von meinen Seufzern, noch den Tönen der Freude offen sein?

B . v . H . Und wenn mir dieses alles Caroline auch sagte?

E l i s a . Tat ich Ihnen nicht einen Vorschlag, welcher uns Beide befriedigen könnte? Nehmen Sie ihn an! Und wenn ihn Wallenheim ausschlägt, kann Philipp nicht den Tod seines Oheims erwarten?

B . v . H . Sein Oheim ist noch nicht alt, und er drohet ihn in ein Kloster zu stecken, wenn er Carolinen nicht gänzlich entsagt. Und das ersterewürde von Deiner Seite ein sehr unschicklicher Schritt sein.

E l i s a . Meine Lage rechtfertigt ihn, und fremdes Urteil ist mir gleichgültig, wenn ich weiss, dass ich recht handle.

B . v . H . Allein, hoffe nicht Birkensteins Weib zu werden!

E l i s a . (Mit erstickten Tränen.) Ich habe Ihnen schon gesagt, meine Mutter, ich entsage ihm! – (Nach einer Pause.) Darf ich schreiben?

B . v . H . Du erzwingst meine Einwilligung! Schreibe!

Elisa verliess das Zimmer, wankend ging sie in das ihrige, und sinnlos warf sie sich in einen Sessel. Lange sass sie da; betäubt waren ihre Empfindungen, und trocken ihr Auge. Nur Seufzer drängten sich aus ihrem Busen; ihr Auge war gegen Himmel gerichtet, und schien hülfe von der unbekannten Macht zu erflehen. Ein Ring von Herrmanns Haaren geflochten, und den sie erst am vorigen Tage von ihm erhielt, erweckte endlich ihre Empfindungen. Ihr blick fiel auf ihn, sie drückte ihn mit Inbrunst an ihre Lippen, und eine Flut von Tränen rollte von ihren Wangen. Sie weinte lange. Herrmann, rief sie endlich aus, so habe ich dir denn entsagt! So habe ich denn mit einem Worte alle Freuden von deinen und meinen Tagen verscheucht! O, dass ich nicht die Last deines Kummers tragen kann! Dass ich dich unglücklich mache, indem ich elend werde! – Das alles forderte Pflicht von mir? – Ich gehorche! – Nie, nie soll meine Liebe über die Tugend siegen. – Ich will Leiden tragen lernen. – Von dir getrennt, Herrmann, werde ich meine Tage verweinen; aber ich werde mir sagen: Ich erfüllte das Gebot meiner Mutter; nie streuete ich Unmut auf ihre Tage. – O, dann werde ich noch in meinen Tränen Trost finden! Aber einem Andern meine Hand geben? – Neinich will bei meiner Mutter bleibenich will Carolinens Glück sehenmich dessen freuenAch! es kostete mir ja Alles! – Aber namenlos würde mein Elend, wenn ich Wallenheim – o, der Name ist mir verhasst! – Liebe schwören müsste! – Dagegen will ich alle meine Kräfte aufbieten. – Ich will es tragen das harte Geschick, von Herrmann getrennt zu sein! – O, mein Vater! Du ahndetest es, als Du sterbend mich noch Ergebung in den Willen des Schicksals und Standhaftigkeit lehrtest! – Wohl! Ich will Dir folgenich will sie erfüllen jede Pflicht, die Du mir auferlegtestAber mich in einen Abgrund stürzen, aus welchem nur der Tod mich retten kann? – Nein, das kann nicht Mutterbefehl! – Herrmann! Herrmann! Du sollst mich nicht in den Armen eines Andern sehen! –

Nun stand sie auf, setzte sich an ihren Schreibtisch, und schrieb folgende Zeilen an den Herrn von Wallenheim: "Mein Herr,

Unbekannt werden Ihnen diese Züge sein, wie mir bisher Ihr Name war! Ihr Name, den ich nun zitternd ausspreche! – Doch nein, voll des Vertrauens auf die Güte, welche der Schöpfer in jedes menschliche Herz pflanzte, nähere ich mich Ihnen, und wage, Sie, jetzt Gebieter meines Schicksals, um