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Elisa, verzeihe! Ach! wer kann der Allgewalt der Schönheit widerstehen!

E l i s a . (Ihn umarmend.) O, mein Herrmann! Dank sei der gütigen Vorsicht, dass ich Kraft hatte, mich Deinen Armen zu entreissen! Jetzt weine ich Tränen der Freude, und einige Augenblicke vielleicht noch, vergösse ich Tränen des Schmerzes!

H e r r m . Edle Seele! Nur an Deiner Seite kann mir der Wollust Reiz gefährlich werden; aber auch Du kannst ihn mich besiegen lehren!

E l i s a . O Tugend! Diese Gewalt verdank' ich dir! Nie werde du von mir entweihet! Lassen Sie uns nicht öfter der Gefahr trotzen, Herrmann. Ach, im arme der Liebe ist die Tugend so wankend! – Nie wollen wir uns mehr allein sehen.

Herrmann schwieg, sein Herz murrte; aber er verehrte Elisa'n, und jeder ihrer Aussprüche war ihm heilig. Er sah in ihren Blicken die heitre Zufriedenheit, welche jede edle Tat gewährt, und sie schien ihm schöner, als da zum Erstenmale ihre Lippen ihm Liebe stammelten. Nur der Wollüstling wird trauren, dass das Mädchen nicht in seinen Armen Unschuld und Tugend zurückliess, nicht der Mann von Gefühl. Auch die besten Menschen können straucheln; auch ihnen zeichnet die leidenschaft ihre Zauberbilder vor, und so verblendet, reisst sie sie mit sich fort; aber bald lässt Gefühl für das wahre Schöne sie ihren Irrtum erkennen; sie kehren zurück, und freuen sich ihres Sieges. So freuete sich auch Herrmann, als er seine Elisa noch in der vollen Blüte der Unschuld, und mit dem süssen Bewusstsein, die heftigste leidenschaft besiegt zu haben, vor sich erblickte. Die Stärke des Gefühls liess ihn ausrufen: Nein, Elisa, selbst in Deinen Armen würde ich die Wonne nicht empfinden, die jetzt das selige Gefühl der Tugend mir gibt!

E l i s a . (Mit tränendem, gegen Himmel gerichtetem blick.) Wohl mir, Tugend, du bist kein Traum! Du lebest in der Brust des edelsten Mannes! Und dieser Mann ist mein! liebt michwerde mein los nun, welches es wolle! Ich habe des Glücks Grösstes gekannt!

H e r r m . O, Elisa! Warum kann ich nicht alle Mädchen der Erde um Dich versammeln, Dich ihnen zeigen, und ihnen sagen: Werdet wie Elisa, und Welten werden euch verehren!

E l i s a . Entusiastischer Schwärmer! – Auch dem Weisesten hält die Liebe ihr Vergrösserungsglas vor.

H e r r m . Nicht dem, der Dich liebt, Elisa! Deine Strahlen blenden nicht; nur nach und nach erblickt man den Glanz, der Dich umgiebt.

E l i s a . (Legt ihre Hand auf seinen Mund.) Still, Herrmann. Sie wissen, aus Ihrem Mund ist das Lob mir gefährlich! Ich könnte mich erheben, undlassen Sie mich immer Ihrer würdig bleiben.

H e r r m . Welch ein Ausdruck! – Doch Sie sollen nicht allein die Stufen der Vollkommenheit ersteigen; auch ich will hinanklimmen, und durch Ihren Anblick gestärkt, mich bestreben, dem Gipfel mich zu nähern.

E l i s a . Dieser Vorsatz veredelt uns, mein Herrmann, und macht uns des Glücks würdiger, welches unsere Liebe uns gewährt. Er wird selbst, wenn das Schicksal uns trennen sollte, uns Standhaftigkeit verleihen.

H e r r m . Elisa, warum mischen Sie diesen bittern Gedanken in den Kelch der Freude?

E l i s a . Ach, er drängt sich zuweilen mit aller Gewalt in mein Herz, um es mit Angst zu erfüllen! (Eine Pause.) Doch es ist unweise, sich der Zukunft wegen zu ängstigen; sie liegt ja im Schleier verborgen, und wir können ihn doch nicht aufheben! – (Sie küsst Herrmann.) Lassen Sie mich von Ihrer Stirne die trüben Wolken wegküssen, welche ich aufsteigen liess!

H e r r m . (Sie mit Wehmut an seine Brust drükkend.) Ach, Mädchen! Du lässest mich fühlen, dass Trennung von Dir mehr als zehnfacher Tod wäre!

E l i s a . Nicht weiter davon, mein Herrmann. Noch bin ich Dein, und mein Herz sagt mir, Dein werde ich bleiben.

H e r r m . Holdes geschöpf! Mögest Du wahr reden! –

Sie waren jetzt am Eingange von Hohnauschloss, und mussten sich trennen. Heiter kehrte Elisa zurück; ihr Gefühl war Freude, und edle Selbstzufriedenheit; die süsseste Belohnung, welche Tugend gewährt.

Elisa hielt ihr Versprechen, und sah Herrmann nicht anders, als in Henriettens Begleitung.

Nach einigen Tagen reiste die Baroninn von Hohnau mit Carolinen zu ihrer Schwester, und war vierzehn Tage abwesend. Dieses waren Tage der Wonne für Herrmann und Elisa; fast täglich ging Elisa nach Birkenstein; mit mütterlicher Zärtlichkeit empfing sie Frau von Birkenstein, und an ihrem Busen weinte oft Elisa Tränen der Liebe und der Freude. Zuweilen führten Herrmann und Elisa die gute Mutter auf die Anhöhe, auf welcher sie sich zuerst ihre Liebe gestanden. O, Mutter! hub dann Herrmann an, hier fing mein Glück an; hier drückte ich den ersten Kuss auf Elisa's zitternde Lippen; hier sah ich, dass Liebe ihre Wangen rötete!

E l i s a . Und was empfand ich da! Menschensprache kann dieses nicht ausdrücken!

Es glänzten Tränen