Geräusch hätte sie aus ihren Empfindungen geweckt, und Elisa konnte und wollte nur an Herrmann denken, und sich zurück träumen an seine Seite, seine Lippen auf den ihrigen gedrückt. – Der Wagen hielt endlich still, Elisa stieg aus, schaute noch einmal mit einem Seufzer nach der Gegend hin, wo Birkenstein lag, und ging zu ihrer Mutter. Hier verweilte sie nicht lange; bald sagte sie ihrer Mutter und Carolinen gute Nacht, und eilte zu Henrietten. Sie warf sich in ihre arme. Henriette, ich liebe! schrie sie, und drückte sie fester an ihren Busen.
H e n r . Heute sagt mir es Dein Mund; aber Deine Blicke sagten es mir schon lange.
E l i s a . Meine Blicke? Nein, Henriette, noch fühlte ich nicht wie jetzt! Hätte ich Liebe fühlen können, wenn ich entfernt von Herrmann war? Hätten meine Blicke beredt sein können, ehe seine Küsse mir Leben und Feuer einhauchten?
H e n r . Elisa, auch auf Dich wirkt der Zauber der Liebe so heftig?
E l i s a . O! Henriette, Du kennst nicht seine Macht! – Als ich an deiner Seite sass, Herrmann, als deine feurigen Blicke, deine stammelnden Lippen mich das seligste Gefühl kennen lehrten; als vor mir alle Gegenstände schwanden, ich nur dich sah, nur dein und meines Herzens klopfen hörte; als der erste Feuerkuss meine Lippen berührte, dein erstes geständnis das Blut in meinen Adern stärker wallen liess: da hätte ich die Frage für unmöglich gehalten?
H e n r . Schwärmerinn!
E l i s a . Immerhin, Henriette, will ich umherschwärmen in dem Gebiete der Liebe; ich habe die Tugend und Herrmann zu meinen gefährten. O, dass Du heute nicht mit uns warest, Henriette! Nicht sahest unsere Liebe, nicht fühltest unser Glück!
H e n r . Elisa, Deine allzufeurige Einbildungskraft liess mich immer die Liebe für Dich fürchten.
E l i s a . Fürchten? Warum denn fürchten? Sonst dachte ich nicht oft an die Liebe; ich begehrte nicht, sie zu kennen; doch ich glaubte nicht, dass man sie zu fürchten brauche. Aber, nun ich sie an deiner Seite, in deinen Augen, durch deinen Händedruck, Herrmann, kennen lernte; nun ihre Entzückungen meinen Busen heben, und ich durch sie dich, edelsten Mann, beglückken kann: nun dünkt mich Furcht vor ihr, so wie Furcht vor der Sonne, die Alles belebt, wie Furcht vor dem Urquell aller Wesen, der Allen Dasein gab!
H e n r . Dass sie Dir immer diese Wonne gewähren möge!
E l i s a . Sie wird es! Das Andenken ihrer vergangenen Freuden wird in trüben Tagen mich aufrichten! Werde ich meinem Herrmann entrissen, so wird banger Kummer mein los! Aber die Erinnerung unsrer Liebe wird mich durch das Leben begleiten, und mir noch in den letzten Augenblicken süss sein!
H e n r . (Lächelnd.) Wer würde in dieser Heftigkeit die sanfte Elisa erkennen? Nein, liebes Mädchen, die Liebe muss Dich nicht umschaffen! Sollte sie Dich allein unvollkommener machen?
E l i s a . Nein, Henriette, das soll sie nicht! Mein Herrmann ist so edel, so gut; er würde mich nicht mehr lieben, wenn ich aufhörte, es zu sein!
H e n r . Du würdest also endlich die Tugend nur um Herrmann lieben?
E l i s a . Das nicht, Henriette! Ja, ich fühle es, ich würde ihr selbst meine Liebe aufopfern! aber – doch warum diese Frage? – Sprich, Henriette, versäume ich meine Pflichten seit dem Tage? – Ach, ich liebte ihn schon damahls, als meine Augen ihn zuerst erblickten!
H e n r . Elisa, Du bist unruhig! Lass uns von andern Gegenständen reden.
E l i s a . Ich kann nicht, Henriette. Herrmann schwebt vor meinen Augen, sein Bild ist in meinem Herzen, und selbst wider meinen Willen würden meine Lippen seinen Namen stammeln!
H e n r . Elisa, ich hörte Dich so oft sagen: Nie müsse man sich irgend einer leidenschaft mit Heftigkeit überlassen.
E l i s a . Wahr, Henriette! ich fühle noch die Richtigkeit dieses Satzes; allein Herrmann, und eine Vereinigung mit ihm, erfüllt so ganz jeden Begriff, den ich von Glückseligkeit hatte, welchem ich zwar nicht nachhieng, weil ich ihn nie erfüllt zu sehen glaubte; aber nun ich ihn kenne, den Mann – Ach, Henriette! nun kann ich der Liebe nicht widerstehen!
H e n r . Liebe Elisa, mein Wunsch war stets, Dich glücklich zu sehen. Wirst Du es durch die Liebe, so werde ich den Tag segnen, an welchem die natur und Dein Herrmann sie Dich zuerst kennen lehrten.
E l i s a . (Henrietten umarmend.) O, Freundschaft! Auch du hast deine Freuden! Stärker, als je, Henriette, schlägt mein Herz heute für Dich.
Henriette erwiderte den freundschaftlichen Kuss; lange hielten sie sich umarmt. Möchte uns doch das Schicksal nie trennen! riefen Beide aus: O Herrmann! o Henriette! sprach Elisa, an Eurer Seite meine Tage verleben! – Gott! das wäre mehr, als eine Sterbliche erwarten könnte! das kann nicht geschehen!
Dieser Gedanke trübte ihre Stirn