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Anfang. Elisa hielt das Kind über die Taufe; sanfter Ernst und Wohlwollen war während dieser Zeit auf ihrem gesicht verbreitet. Ich werde ihre zweite Mutter sein, sprach sie zur jungen Frau, indem sie ihr ihre Tochter wieder gab.

H a r b . (zu Herrmann, nachdem die Taufe vollzogen ist.) Gott weiss es, gnädiger Herr, Sie haben mir viel Gutes getan, und was ich empfinde, kann ich Ihnen nicht sagen! (Er wischt sich einige Tränen von seinen Wangen.) Aber kann ich Ihnen mahl mit meinem Leben dienen, so befehlen Sie! Weib und Kind will ich vergessen, und für Sie sterben! Sie haben sie mir erhalten, und haben mich wieder zum ehrlichen Kerl gemacht!

H e r r m . (Gerührt.) Ich freue mich, Harberg, Ihn wieder glücklich zu sehen! Sei Er immer gut, dann wird Er das erste auch sein.

H a r b . Das weiss ich nun schon aus Erfahrung, und wer in Birkenstein mehr als einmal sündiget, der muss ein Schurke sein!

(Zwei Bauern, die gegenwärtig sind.) Da spricht Er ein wahres Wort! Wo eine gute herrschaft ist, die einen unterstützt, da sind gewiss nicht viel schlechte Kerl! Das können Sie uns glauben, gnädige Frau, wir liessen Alle unser Leben für Sie; aus Liebe für Sie, möchten wir nichts Böses tun!

(Alle Anwesende.) Nein, gewiss, gewiss nicht!

Gerührt dankte Frau von Birkenstein Allen für diese Aeusserungen der Liebe. Seid gut! seid glücklich! sprach sie, dann werde ich es auch sein!

E l i s a . (Nach einer Pause, zur Frau von Birkenstein.) Würdige Frau, wenn ich je ein Glück beneiden könnte, so wäre es das Ihrige! Welche himmlische Wollust muss es sein, die Menschen zu bessern, sie gut und glücklich zu machen!

F . v . B . Ja, liebe Elisa, des Bild des Glücks und der Ordnung gefällt uns immer; gern verweilen wir bei demselben; aber doppelt süss ist es, sich als Schöpfer desselben zu sehen. Die Freude erscheint uns dann noch in einem hellern Gewande, und die Tugend noch grösser. Man schreiet über das Verderben der Menschheit, und wie leicht kann man den Menschen das Gute liebenswürdig und annehmlich machen, wenn man jede seiner Pflichten erfüllt. Dieses ist mein einziges Verdienst. Einfach, von der natur selbst eingegeben, sind die Mittel, welche ich anwende, das Gute zu befördern, und Freude zu verbreiten. Ich liebe die Einwohner von Birkenstein, und unterstütze sie; denn ihre Bedürfnisse sind so klein, dass, ob ich gleich nicht reich bin, ich sie doch befriedigen kann. Dieses gewann mir ihre Liebe, und ihr Bestreben, mir zu gefallen. Ueberzeugt, dass sie stets auf meinen Beistand rechnen können, wenden sie keine unrechtmässigen Mittel an, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Sie tun das Gute, weil es zu ihrem Nutzen gereicht, und lieben einander, weil kein Eigennutz sie trennt. So leicht kann man den grossen Haufen zum Guten gewöhnen, wenn man Mangel von ihm entfernt, und das Laster ihm schädlich werden lässt. Dieses sollten jene Menschenbesserer bewirken. Dieses sollte das Bestreben jedes Mannes, jedes Weibes, in jeder Klasse, in jeder Sphäre werden; dann würden wir bald den grössten Haufen der Menschen, so wie in Birkenstein, gut und fröhlich sehen. – Aber leider! finden wir mehr heftige Declamationen über Sittenverderbniss und Menschenelend, als tätiges Bestreben, es zu verringern!

Harberg und sein Weib zogen nun Herrmanns und Elisa's Aufmerksamkeit auf sich. Er hielt sie lange umarmt, und rief endlich; Hanne, wie glücklich bin ich, dass ich dich wieder habe! – Sie weinte, blickte auf ihn, und auf das Mädchen, welches in ihrem Schoosse lag, und drückte sie wechselsweise an ihren Busen. Es ist für dein Kind, sprach sie, dass ich so viel ausgestanden habe; meine Liebe hat mir alles überstehen helfen. Gott gebe uns nur seinen Segen, dass unser Mädchen fromm und gross werde! Bei diesen Worten reichte sie ihm seine Tochter; er nahm sie in seine arme, drückte Mutter und Kind an sein Herz, und vergoss Tränen der Freude. Auch Herrmanns und Elisa's Augen füllten sich mit Tränen, leise Seufzer drängten sich aus ihrer Brust. Sie fühlten Beide die Allgewalt der Liebe und der natur, und Beider Herzen sprachen leise: In Herrmanns, in Elisa's Armen, würde auch ich so glücklich sein! – Mit diesen Empfindungen verliessen sie diese wohnung der Unschuld und der Zufriedenheit, als eben ein Bote der Frau von Birkenstein einen Brief brachte, welcher eine augenblickliche Antwort erforderte. Frau von Birkenstein entschuldigte sich bei Elisa'n und verliess sie. Gleich hinter dem Garten der Frau von Birkenstein war ein Park, in welchem Elisa gern verweilte. Herrmann hatte dieses von seiner Mutter gehört, und schlug Elisa'n vor, zusammen in den Park zu gehen, indess seine Mutter schrieb. – Schweigend gingen sie nun durch die dunkeln Gänge wohlduftender Linden, und nur zuweilen unterbrach der Luftbewohner Abendgesang die feierliche Stille um sie. Sie erstiegen eine Anhöhe; die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Erde; noch sahen sie sie durch die Zweige majestätischer Buchen brechen, welche am fuss des Hügels standen, auf welchem sie sassen. Herrmann