e r r m . (Nachdem er sich gesetzt hatte, zur Baroninn von Hohnau.) Gnädige Frau, die Bitte eines Unglücklichen führt mich zu Ihnen, ein Bauer aus Birkenstein ...
B a r o n i n n v . H . (Einfallend.) Ich hoffe nicht, Herr von Birkenstein, dass Sie sich dieses Diebes annehmen wollen?
H e r r m . (Sanft.) Er ist ja ein Mensch, und ist unglücklich, sollte ich ihm denn nicht beistehen, wenn er meiner hülfe bedarf?
B . v . H . Sie aber nicht verdient.
H e r r m . (Mit Wärme.) Wann hört der Beistand auf, den der Mensch dem Andern leisten soll, wer wagt das zu bestimmen? – Doch erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen sein Verbrechen und die Veranlassung dazu zu erzählen, und Sie werden sehen, dass hier Gerechtigkeit Härte sein würde. Vor zwei Jahren starb der Vater des jungen Harberg; auf seinem Sterbebette sagte er seinem Sohne, dass er seit vielen Jahren einem andern Bauer zwanzig Taler schuldig wäre; er habe aber die Schuld abgeschworen; doch nun erwache sein Gewissen, und er könne nicht ruhig sterben, wenn er ihm nicht verspräche, die Schuld zu bezahlen. Harberg hinterliess zwar seinem Sohne nichts; allein der Jüngling hatte lange gedient, war sparsam und ordentlich gewesen, und hatte gerade so viel gesammelt, als die Schuld seines Vaters betrug; er brachte die Summe augenblicklich dem Gläubiger seines Vaters und dieser segnete ihn sterbend. Er bekam nun den Hof des Verstorbenen; allein er fand in demselben weder Hausgeräte noch Vieh; er musste borgen, um das Notwendige kaufen zu können. Der Mann, welcher der Gläubiger seines Vaters gewesen, und in guten Umständen war, gerührt durch seinen Edelmut, bot ihm seine Tochter zum weib an; allein der junge Harberg liebte schon lange, und wurde wieder von einem redlichen, aber dürftigen, Mädchen geliebt. Er wollte nicht treulos werden, und schlug die Tochter des alten Jacobs aus. Er heiratete das Mädchen, das er liebte, arbeitete fleissig, und bezahlte auch immer etwas von seiner Schuld; allein der schlechte Einschnitt im vergangenen Jahre liess ihn nun wieder Mangel fühlen. Sein Weib kam vor vierzehn Tagen nieder, und war dem tod nahe; noch liegt sie auf dem Krankenlager; er besass noch kaum soviel, um einige Brode backen zu können; sein Vieh hatte schon seit einigen Tagen gehungert; er hatte weder Stroh noch Heu, und im ganzen dorf wollte ihm kein Mensch etwas leihen; er konnte sein Vieh, das Mittel seiner Unterhaltung, nicht sterben lassen, und die Not zwang ihn, die Wiese abzumähen, welche Ihnen, gnädige Frau, gehört, und an Birkenstein gränzt. Sie haben ihn verklagt, der Richter hat ihn zum Ersatze, und zur vierwöchentlichen Gefängnissstrafe verdammt. Der Ersatz macht zwanzig Taler; hier sind sie; aber ein Wort von Ihnen kann ihn von der Gefängnissstrafe befreien, welche ihn in seinen gegenwärtigen Umständen zum Bettler machen würde.
B . v . H . Ich werde an den Richter schreiben; allein in der Folge wird selbst Ihre Fürbitte den Dieben nichts helfen; das Laster muss bestraft werden.
H e r r m . Ist Armut, worein Edelmut stürzte, Laster? O, gnädige Frau! der gerechteste Richter ist die stimme der Menschlichkeit!
B . v . H . Mit diesen schönen Phrasen, wenn sie in Tribunälen gälten, würde der Staat sehr schlecht verwaltet werden.
H e r r m . O, dass doch so wenig Menschen sich überzeugen können, dass Güte und Menschlichkeit mehr Tugenden bewirken, als Strenge! Was hilft es, dass wir es in allen Schriften lesen, so lange wir noch Härte in den Herzen der Menschen finden! Nein, gnädige Frau, wenn erst Billigkeit, Untersuchung der Tatsache, und Nachsicht mehr, als ungerechte gesetz, gelten werden, dann erst kann man hoffen, die Menschen besser und glücklicher zu sehen!
E l i s a . (Leise zu Henrietten.) Edler Mann! Höre ihn, Henriette, welche reine Menschenliebe aus ihm spricht!
Die Unterhaltung nahm nun eine andre Wendung; die Baronin von Hohnau hatte sich durch seine Worte beleidiget gefunden; er bemerkte es, und es tat ihm wehe. Er wollte nicht ihrem Stolze schmeicheln, aber er konnte Elisa's Mutter nicht auf sich zürnen sehen. Gnädige Frau, sagte er endlich mit einer Freimütigkeit, welche in Elisa's Augen ihn noch erhabener machte, ich sprach zuvor mit Eifer, die Sache der Menschheit flösst ihn mir immer ein; meine Worte aber waren nicht an Sie gerichtet; denn musste ich nicht voraussetzen, dass das sanfte weibliche Herz jede Aeusserung der Güte und Liebe billigte?
Die Baroninn von Hohnau ward beschämt durch Herrmanns Betragen. Wir verstanden einander nicht recht, anwortete sie; wie könnte ich in Ihnen Menschenliebe tadeln? Nur muss sie recht geleitet werden.
Bald darauf brach Herrmann seinen Besuch ab; er hat um die erlaubnis, ihn wiederholen zu dürfen, und erhielt sie.
B . v . H . (Nachdem er hinaus war.) Ein artiger junger Mann!
C a r o l . Nur etwas zu frei.
E l i s a . (Mit sanftem Tone.) Du tadelst beständig Schwester!
C a r o l . (Spöttisch.) Und Dir gefällt man sehr