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Henriette, weisst Du wohl, dass es schon acht Uhr ist? und eine Stunde gehen wir von hier bis Hohnauschloss.

E l i s a . Schon so spät? Aber in Birkenstein beflügelt Freude die Zeit.

H e r r m . (Lebhaft.) Nicht in Birkenstein, sondern da, wo Sie sind! sie ist mit den Grazien, ihren Schwestern, immer in Ihrem Gefolge.

Verwirrt schlug Elisa die Augen nieder: mit Entzücken heftete Herrmann seine Blicke auf sie; lose lächelte Henriette, und Frau von Birkenstein betrachtete einige Augenblicke diese Gruppe mit Aufmerksamkeit. – Henriette unterbrach endlich diese Stille: O, über die ewigen Complimente! sprach sie; sie könnten uns endlich noch so gut gefallen, dass sie uns am Ende gar hier fesselten. Wohlan, Elisa! wir wollen uns der Gefahr mit Gewalt entreissen.

Elisa lächelte, und Beide nahmen nun Abschied von der Frau von Birkenstein. Herrmann bat, dass sie ihm erlauben möchten, sie zu begleiten, und Elisa und Henriette, Beide so gewissenhaft in der Beobachtung äusserer Anständigkeit, hielten doch dieses nicht für unschicklich, sondern Elisa reichte ihm ihre Hand. Man sprach wenig auf dem Wege; Henriette bemühete sich vergebens, die Unterhaltung lebhaft und allgemein zu machen; es gelang ihr nicht. Vor Hohnauschloss trennten sich die beiden Freundinnen von Herrmann. Er blieb stehen, bis dass er sie aus dem gesicht verloren hatte, und ging dann nachdenkend nach Birkenstein zurück. Was wird Deine Mutter sagen, sprach Henriette, nachdem Herrmann sie verlassen hatte, dass wir so spät zu haus kommen?

E l i s a . Ich weiss nicht, ich fürchte ihren Anblick.

Ihr Herz schlug ihr, als sie in die tür trat; man sagte ihnen, dass Frau von Hohnau mit ihrer Tochter schon im Speisesaale wären; zitternd eilten sie hinein. Der blick der Frau von Hohnau war finster. Warum, sprach sie, kommt ihr so spät zurück?

E l i s a . (Mit zitternder stimme.) Liebe Mutter, wir wussten nicht, wie viel Uhr es war.

C a r o l i n e . (Welche die Uhr an ihrer Seite erblickt, spöttisch.) Warum hattest Du denn die Uhr mitgenommen, Schwester?

E l i s a . (Verwirrt.) Ich? die Uhr? Ich hatte nicht weiter daran gedacht.

F r . v . H o h n . Warum bist Du denn so verlegen? Ich will wissen, wo Du gewesen bist?

C a r o l . (Immer spöttisch.) Hätte sich etwa ein junger Nachbar eingefunden, der sie auf ihren Spaziergängen überrascht, und ihnen die Zeit verkürzt hätte?

Röte überzog Elisa's Wangen, allein ihre stimme wurde fester; Carolinens unedles Betragen gab Elisa'n die Würde der Tugend, und frei antwortete sie ihrer Mutter: Wir sind in Birkenstein gewesen.

F r . v . H o h n . Ich werde Euch bitten, nicht mehr ohne mich Besuche abzustatten.

Elisa bat ihre Mutter um Verzeihung, dass sie, ohne es zu wollen, sie beleidigt habe, und Frau von Hohnau antwortete ihr kalt, es wäre schon gut. Caroline lächelte spöttisch, Elisa klagte nicht, zurück in ihrem Zimmer unterhielt sie sich nur mit Henrietten, von Birkenstein und Herrmann. Henriette benachrichtigte sie, dass Herrmann schon seit einem Jahre in B... beim Kammergerichte angestellt wäre, und Hoffnung habe, bald eine Stelle zu bekommen.

E l i s a . Ich werde mich dessen freuen. Der junge Mann verdient gewiss glücklich zu sein. Er hat eine solche offene Physiognomie, seine Züge sind so sanft, sein ganzes Wesen zeigt Güte und Menschlichkeit.

H e n r . Dein Urteil ist sehr schnell, liebe Elisa, Du sahest ihn nur einmal.

E l i s a . O, hätte ich ihn nur einen Augenblick gesehen, er wäre hinreichend gewesen, mich zu überzeugen!

H e n r . Das sagtest Du nicht im Ernste. Ich will Dir zugestehen, dass Herrmanns Ansehen für ihn spricht; aber Du bist zu klug, um deswegen von seiner inneren Güte überzeugt zu sein.

E l i s a . Ach, Henriette! wenn unser Herz ein günstiges Urteil fällt, ist es dem verstand nicht erlaubt, dessen Ausspruch anzunehmen?

H e n r . Wenn Du jetzt bei dieser Frage nicht interessirt wärest, wie würdest Du sie beantworten?

E l i s a . (Nach einer Pause.) Ich erkenne es, Henriette, Du hast Recht! Erst will ich Herrmann beobachten, und allein meine erkenntnis soll das Urteil fällen. –

Auch Herrmanns Herz urteilte günstig von Elisa, und ihre Gestalt schwebte ihm im Traume vor. Er eilte gleich am andern Morgen unter die Linde, wo er sie am vorigen Tage zuerst gesehen hatte, und seine Mutter fand ihn im tiefen Nachdenken versunken. Er war zerstreut; Herrmann, sprach Frau von Birkenstein, Elisa hat eine schnelle Veränderung in Dir bewirkt.

H e r r m . Mutter, ich liebte noch nie; ich glaube auch nicht, dass ich jetzt schon liebe, aber ein Mädchen, wie Elisa, sah ich noch nie.

F r . v . B . Sei vorsichtig, Herrmann! Nie kann Elisa die Deine werden! –

Herrmann und Elisa begegneten einander nach einigen Tagen; er war entschlossen, sein Herz vor der Liebe zu bewahren