Nacht, keine Schatten bewegten sich auf dem grünen Rasen. Ich konnte es nicht unterlassen, dicht zum verlassenen haus hinzugehn, und meine arme, wie in Gedanken nach dem verödeten Gebäude auszustrecken: ich konnte es nicht begreifen, warum die Hütte jetzt unbewohnt war; alles in meinen Erinnerungen war so ungewiss und doch so quälend, ich trat schnell vom haus hinweg, und die Welt lag so dürr und ausgestorben da, ich hörte Menschenschritte, die dumpf und unerquicklich in der Einsamkeit widerhallten, Vögel mit ziehenden Gesängen und rauschende Bäume, alles, alles umher, wie mühsam zusammengebracht, um die Totenstille zu unterbrechen. Jeder Ton hatte seinen Klang verloren, der uns entzückt und begeistert, jeder Gegenstand die Bedeutung, die ihm unsre erhitzte Phantasie beilegt. Die Berge standen fern hinauf wie Totenhügel, das ganze Menschengeschlecht kam mir arm und bejammernswürdig vor, wie sie alle mit den Füssen schon in ihren Gräbern wandeln, und immer tiefer und tiefer untersinken, nach hülfe schreien, und kläglich die hände ausstrecken, aber kein Vorübergehender sie hört und keiner sich der armen Verlassenen erbarmt. Keine Dämmerung und Morgenröte wollte sich an meinem Horizonte emporringen, unermüdet lag die melancholische Nacht mit ihren Flügeln über mir; ach und ich konnte nicht weinen und schluchzen, ich konnte meinen heissen dürren Jammer nicht in Tränen und Töne auflösen, kein Mitleid mit mir selbst stieg wie eine Blume in meinem Herzen auf, um mich mit ihrem poetischen Dufte zu laben, keine goldene Täuschung kam meinen müden Sinnen zu hülfe; ich fühlte mich wie in einem Gefängnisse unter Millionen Elenden verriegelt, dürr und kalt die Mauern um uns her, ach ich glaubte nicht der einzig Verstossene zu sein, und konnte mich darum nicht trösten.
Ich hatte vergessen, wen ich erwartete, als mir eine schreckliche, ach nur zu bekannte Gestalt näher trat. Die Furchtbarkeit meiner Empfindung kam in sichtbarer Bildung auf mich zu, und ich entsetzte mich innig. – Was soll ich hier von kindischen Träumereien reden, an die ich selbst nicht glauben kann, warum soll ich mich wie ein Knabe gebärden, wenn mich ein seltsamer oder auch nicht seltsamer Zufall überrascht? – Aber es mag sein, mir ist als habe mein Vater schon diesen wundervollen Andrea gekannt, den ich nun zum dritten Male mit innigem Entsetzen und in immer nähern Beziehungen auf mich gesehen habe.
Ich weiss nicht, was ich gesprochen haben mag, ich weiss ebensowenig, was jener sagte, und was mich umgab. Wie wenn alle meine seltsamsten Träume wirklich würden, wie wenn ich jetzt zum eigentlichsten Leben erwachen wollte, wie wenn die ganze natur mich plötzlich festielte, und jeder Baum und jeder Stern mit geheimnisvollen Winken auf mich hindeutete; wie wenn sich jedes Rätsel von der Kette, die es lange zurückhielt, losreissen wollte – so Rosa – o ich habe keine Worte für dies Gefühl – so wie einem Verbrecher, der sich plötzlich in seinen widersprechenden Lügen gefangen fühlt, und dem nun das Wort im mund erstarrt – so war mir in meinem inneren.
Im innersten Grausen sprach ich beherzt, ja frech, so wie im Rausche; der Alte schien verwundert. Ich sagte tausend Dinge, die ich nie gedacht habe, und die ich auch nur in diesen Augenblicken zur Hälfte dachte; ich war mir meiner selbst nur dunkel und ungewiss bewusst, und es stand kein fremder Mann vor mir; ich sprach nur zu mir selber, und wie Wolken, Lichter und Schatten flatterten Gedanken durch meinen Kopf, wie wunderbare Töne von fremden ziehenden Vögeln erscholl es in meinem inneren, wie Mondschein, mit dem der Glanz der Morgenröte kämpft, und beide ihre strahlenden Gewebe durcheinanderspinnen, so seltsam erleuchtet war mein Gemüt.
Wir gingen auf und ab, und ich hörte ihn sprechen wie einen fernen Wasserfall, wie rätselhafte Donner, die beim Sonnenschein aus der Ferne den gewölbten Himmel hinaufklimmen. – Wir verliessen die Ruinen und ich folgte ihm schweigend nach seiner wohnung.
Ein blasses Licht erhellte sein altes, abgezehrtes Gesicht, in dem jede Falte und jeder Zug eine andere Sprache redeten. Wie wenn sich plötzlich der wohlbekannte Bruder an der Seite des Bruders in einen alten Mann umwandelt, so müsste jener die Empfindungen haben, die mich peinigten. Er ward mir so bekannt und blieb mir doch so fremd, ich musste ihn lieben und hassen, o ich hätt ihn erwürgen mögen, um nur des Kampfes, um nur der Zweifel loszuwerden. – Und ich kannte ihn dennoch, und sein Bild war von Jugend auf tief meiner Phantasie eingeprägt!
Es ist ein mühsames Geschäft zu leben, unaufhörliche Zweifel und Furcht, Pein und Angst, das ganze Heer der Erinnerungen, alle jagen uns durch furchtbare Waldlabyrinte, wo wir in jedem dunklen Gange, in jeder neuen Krümmung ein seltsames und grauenvolles Unding erwarten; wir haben nicht Zeit zu überlegen, nicht Zeit, vor uns zu sehen, nicht Atem, um zu klagen – bis wir niederstürzen, und alle Furchtbarkeiten zugleich über uns herfallen, und das ereilte wild zerfleischen. Bis man erwacht, heissen unsre Phantasieen Träume, bis dahin unser Dasein Leben.
Ich trat ans Fenster. Ein kleiner Rasenplatz und Rosalinens Hütte gerade vor mir; ich sah in dem kleinen Garten deutlich die wankenden Malven stehen, und der Mond stieg jetzt dunkelrot herauf, und sah zuerst in ihr Fenster hinein, und fand sie nicht. – Der Alte muss mich hier oft gesehen haben, wie ein Geist hat er mich umgeben, ich schämte mich nicht vor ihm