1795_Tieck_095_98.txt

wie Tapeten voll seltsamer Geschichten gewirkt, hing die ganze natur um mich her. Vergangenheit und Zukunft waren auf eine wunderbare Weise dargestellt, ich ahndete eine Menge von trüben und fröhlichen Empfindungen gleichsam im

Es fällt mir oft ein, warum ich gerade so und nicht anders empfinde, und warum ich vorzüglich auf diese Frage geführt bin, die mir gewiss in keiner andern Seelenstimmung beifallen würde. Die Vorstellung unserer Individualität ist die seltsamste, die uns überraschen kann.

Ich bin äusserst begierig, um endlich den wunderbaren Mann kennenzulernen, von dem wir fast täglich gesprochen haben. Ich kann mir sehr gut einen Menschen vorstellen, der eine unumschränkte Gewalt über alle Gemüter hat, die ihn umgeben; aber es muss das interessanteste Studium sein, einen solchen näher kennenzulernen, selbst zu fühlen, auf welche Art er an unsern Ideen und Gefühlen reisst, und sich so gleichsam zu ihm hinaufzuheben, indem wir lernen, wie er auf uns wirkt, und er begreift, wie er auf uns wirken kann. Ich wünsche seine Bekanntschaft, und fürchte mich doch vor unsrer ersten Unterredung. Sie haben gewiss viel zu freundschaftlich das Wort geführt, und er findet mich vielleicht einfältig und abgeschmackt, denn sosehr ich auch eine Zeitlang die höhere achtung vor allen Menschen hatte, so war es mir doch leichter, mit ihnen umzugehn, und mein Benehmen freier, als jetzt, da ich die meisten verachte. Wenn ich einen Mann von Verstand zum ersten Male sehe, bin ich leicht in Verlegenheit, ich fühle mich so entfernt von ihm, die fremde Art, dieselben Gedanken, die ich habe, zwar auch zu denken, aber in seinen Begriffen anders zu ordnen, macht mich verwirrt, und durch die Bemühung, mich ihm recht verständlich zu machen und näherzubringen, werde ich immer weiter von ihm entfernt, vorzüglich aber, wenn ich noch obenein bemerke, dass er sich nach mir bequemen will. – Ich wollte, man könnte sich immer erst nach einigen Vorreden kennenlernen, so wie man manche Schriftsteller nur nach einigen vorausgeschickten, allgemeinen Ideen verstehen kann. –

2

Rosa an William Lovell

Ihre Besorgnisse, lieber Freund, sind ungegründet; der Mann, von dem wir gesprochen haben, gehört nicht zu jenen verständigen Leuten, die mit dem Fragmente ihrer Vernunft so ungeschickt umgehn, es so linkisch handhaben und widerwärtig regieren, dass man von ihrer Aufklärung keinen Genuss empfängt, sondern nur Verworrenheit der Begriffe, und Resultate, die fremd und unpassend unter den eigenen Mobilien unsers Gehirnes stehen. Diesem mann wird es leicht, sich alle Gedanken, selbst die entferntesten, zu vergegenwärtigen, und sie zu seinen eigenen zu machen; für ihn gibt es keine fremde Seele, und darum behandelt er keine mit der Verachtung, die wir so oft an andern sogenannten verständigen Menschen, mit so tiefem innerlichen Widerstreben gewahr werden. Wenn ich Ihnen sage, dass er Sie vielleicht schon besser kennt, als Sie glauben, so ist dadurch wahrscheinlich alle Ihre Furcht gehoben, und damit Ihre Bekanntschaft nicht beim ersten Male jene steife, widerwärtige Art erhalte, mit der man nach hergebrachten Formeln, wie in einem Spiele, sich seltsam genug die gegenseitige Vertraulichkeit abgewinnen will, so sollen Sie ihn auf einem Spaziergange treffen, wenn Sie heute abend nach Sonnenuntergange die Ruinen vor dem Kapenischen Tore besuchen.

3

William Lovell an Rosa

O Freund, welche seltsame Nacht hab ich gehabt! – Wie verhüllte Spiegel hing es in meinem inneren; heute ist der Vorhang hinuntergezogen, und ich erblicke mich selbst in veränderter Gestalt, und tausend sonderbare Gegenstände um mich her.

Ich kann immer noch nicht zur Ruhe und zur Besinnung kommen; ich weiss noch immer nicht, was ich denke oder schreibe; ich liege noch wie in einem Traume, und hefte mein Auge auf das Papier und die hingeschriebenen Worte, um zu erwachen.

Ein andermal, morgen, will ich Ihnen erzählen, wenn ich etwas beruhigter bin. Ich werfe mich ins Bette, um mich vor dem Grauen zu verbergen, das mir nachschleicht.

4

William Lovell an Rosa

Rom.

Ich habe zu Ihnen geschickt, und vom Boten leider vernehmen müssen, dass Sie schon wieder nach Tivoli abgereist sind, ich hätte Sie so gern gesprochen und Ihren Rat und Beistand erbeten.

Ich habe in dieser Nacht nur wenig geschlafen, und bin im Schlafe von unangenehmen Träumen verfolgt. Ach Freund, ich kann Ihnen unmöglich sagen, was ich alles empfunden und gelitten habe, mir ist, als wenn sich vom gestrigen Abende eine Epoche durch mein ganzes künftiges Leben ausstrecken würde; viele Ahndungen sind mir nähergetreten, und tausend ungewisse Zweifel haben sich inniger mit meiner natur verbunden.

Ich ging vor das Kapenische Tor. Der letzte Schimmer der Abendröte glänzte in dem durchsichtigen Moose, das zwischen den Gebäuden hängt, alles umher vereinigte sich zu grossen massen, und die Schatten kamen immer grösser von Osten her; ich wandelte mit stillem Erstaunen und vorbereitender Furcht unter den Ruinen, und dachte an meinen Vater hier stattliche Landhäuser waren. – O ich bin heute ruhig genug, um Ihnen alles weitläuftig zu beschreiben, das helle Morgenlicht glänzt über mein Papier, und ich schildere Ihnen meine gestrige Empfindung nur wie eine poetische Fiktion.

Ach ist nicht alles nur Erfindung und Gedicht, was vergangen ist? Die Gegenwart ist nur ein Traum, die Vergangenheit dunkle Erinnerungen aus dem Traume, die Zukunft eine Schattenwelt, deren wir uns einst auch nur mit Mühe erinnern werden.

In Rosalinens Fenstern brannte kein Licht, keine Lautentöne erklangen durch die