ist, aber vielleicht liesse sich in dieser Ahndung der Wahrheit (denn das sind gewiss immer diese Spiele der Phantasie) ein sehr tiefer Sinn erforschen, wenn meine Beobachtung ebenso fein wäre, als der Sinn, der diese Erscheinung hervorbrachte, wenn ich nicht von den Armen des Irdischen zu fest gehalten würde, und sich immer wieder neue Bilder zwischen mein Auge und den beobachtenden Gegenstand schöben: kurz, wenn ich mich in einer ebenso glücklichen Himmelsverklärung, in einem ähnlichen Traume kommentieren könnte.
11
Karl Wilmont an Emilie Burton
Roger Place.
Erschrecken Sie nicht, ums himmels willen nicht, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief eröffnen und die Unterschrift gewahr werden; lesen Sie ihn lieber zu Ende, und tun Sie, als wüssten Sie nicht von wem er käme; o erstaunen Sie wenigstens so sehr, dass Sie in Gedanken immer weiterlesen, und sich nur beim Schlusse von Ihrer Verwunderung erholen können. hören Sie mich wider Ihren Willen, so wie ich wider meinen Willen unaufhörlich an Sie denken muss. – Und doch – was werde ich Ihnen nun sagen? – Meine Feder und mein Kopf stockt; ich hatte keine Ruhe, ich wurde hin- und hergetrieben, und eine unbekannte Gewalt mahnte mich, an Sie zu schreiben – nun gut, und hier sitze ich, und weiss wahrhaftig nicht eine Silbe, nachdem ich den Anfang niedergeschrieben habe. –
Meine Gedanken wandern von Osten nach Westen und von Süden nach Norden, und gehen nach allen Richtungen, und kommen aus allen Richtungen, wie die Ameisen in den Stock meines Kopfes zurück, und wunder welche neue Systeme und Erfindungen, welche unendliche Rechnungen und Auflösungen von algebraischen Rätseln sie mit sich führen – und wenn ich sie nun am Eingange mustere, so schleppt sich dieser mit Ihrem Bilde, dieser mit einem lahmen Sonette, jener mit einem künstlichen Seufzer, dieser mit einer Anekdote, die Sie irgendeinmal erzählt haben – ach, und können Sie mir etwas Schöners bringen? Ich lege alles auf den Winter und die teure Zeit hin, und denke mich in der Einsamkeit daran zu erquicken. Ach, eine bittersüsse Erquickung!
Ich möchte manchmal alle Leute, die das Unglück und unsre verdammten Verhältnisse erfunden haben, zum Henker wünschen! Müssen wir denn in dieser öden lumpigen Welt noch so tun, als wenn wir wunder wie viel gewonnen hätten, wenn man uns die schwarzen Brandstellen zeigt, an denen vorher so herrliche Bäume standen? Es ist jetzt in der ganzen Welt ein unglückliches Jahr, ein Misswachs an Glück, das Unkraut, das zwar auch Blüten hat, hat den Weizen verdrängt – und keiner von den Arbeitern will es merken, und wenn einer hie und da über die herrliche Ernte die Achseln zuckt, so wird er noch obendrein für einen Felddieb erklärt, und mit Hunden gehetzt und mit Verwünschungen verfolgt.
Ich reiste von London hieher, um ruhiger zu werden, und ich bin nun unzufriedener, als je. O Emilie, verzeihen Sie den rauhen Ton meines Briefes, verzeihen Sie den ganzen Brief, ach verzeihen Sie mir, dass ich so unbeschreiblich an Ihnen hange. –
Wir sprechen täglich von Ihnen und von Ihrem lieben Bruder, wir ersetzen uns durch häufige Erzählungen von Ihnen Ihre Gegenwart, so gut wir es können: aber ich denke leider nur desto öfter an Sie, je mehr von Ihnen gesprochen wird, um so mehr fühl ich Ihre Entfernung. –
Wir pflanzen und säen im Garten, und haben alle eine glückliche Hand. Meine Schwester wird hier ganz zur Bäuerin, und lebt in ihren Stauden und Blumen, und pflegt jede mit einer mütterlichen Sorgfalt; ich suche indes von einem Ende des Gartens zum andern, im feld und im benachbarten wald ein Etwas, das ich selbst nicht kenne; ich strebe Sie zu vergessen, und mich Ihrer recht lebhaft zu erinnern.
Es wird Abend, und mein Trübsinn nimmt zu, je mehr die Sonne hinuntergeht: o noch eine Bitte, teuerste Freundin, wenn Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben, so würdigen Sie mich einer kleinen Antwort, wenn es auch nur einige Worte sind, die Sie meiner Schwester einlegen, damit ich doch so stolz sein kann, dass ich etwas von Ihrer Hand besitze, das einzig und allein an mich gerichtet ist.
Ich siegle schnell und schicke den Brief fort.
12
Emilie Burton an Karl Wilmont
Bondly.
Ich fühle es zwar recht gut, dass ich nicht schreiben sollte, allein es ist derselbe Fall, wie mit Ihnen, ich tu es wider meinen Willen. Lieber, seltsamer Freund, warum machen Sie sich mutwillig Ihr Leben so unruhig und freudenleer? Wenn ich Sie überführen könnte, dass Sie unrecht haben, so sollte mich ein sehr langer Brief gar nicht gereuen, aber ich glaube, dass Sie sich selbst alles ebenso gut und noch besser sagen, was ich Ihnen sagen könnte, daher ist meine Weisheit überflüssig. Es ist zwar schon eine alte Bemerkung, dass die Menschen nie so sind, wie sie sein sollten und könnten; allein versuchen Sie es einmal, diese Bemerkung durch Ihre Handlungen zu widerlegen, und Sie werden finden, dass es weit leichter ist, als man gemeiniglich glaubt. Wenn ich mündlich mit ihnen sprach, waren Sie oft gutmütig genug, mir recht zu geben und zu tun, als hielten Sie sich für überzeugt, aber ich wette, dass Sie jetzt, indem ich Sie nicht sehe, die Achseln über mich zucken. – So sind die Männer, ihre Freundschaft