seltsame Wesen! Mein Mortimer gehört nicht zu den härtesten, und doch scheint er in manchen Stunden für dergleichen ganz gefühllos. Ich hatte neulich einen ordentlichen Streit mit ihm. Schon seit einigen Wochen trieb sich hier eine arme Französin herum, sie schien aus einem guten bürgerlichen haus, und erzählte viel von ihren Eltern, die ihr früh in der Jugend gestorben waren, und von mancherlei Unglücksfällen, die sie seitdem erduldet hatte. Ich will gerne glauben, dass manches davon erdichtet war; aber verdient ein Unglücklicher darum weniger unser Mitleid, weil er es nicht jedem Fremden vertrauen will, durch welche Schwächen er so unglücklich ward? Ich dachte mich in die Lage der Frau hinein, und wollte sie in meine Dienste nehmen, aber Mortimer setzte sich dagegen, und zwar aus keinem bessern grund, als weil sie ausgezeichnet hässlich und dabei einäugig sei, er sagte, dass er einem solchen Wesen nie trauen könne. – Bedenken Sie, liebe Emilie, bloss weil sie hässlich war! – Aber ich gab mich nicht eher zufrieden, bis mein kleiner Eigensinn die Oberhand behalten hatte; und so ist jetzt die Düpüis, oder Charlotte, wie wir sie auch nennen, Aufwärterin in meinem haus. – Wollten wir alle Physiognomien, die uns nicht anziehen, als fremde, widerwärtige Wesen betrachten, wie oft würden wir ungerecht sein! – Aber ich muss aufhören zu schwatzen; leben Sie wohl, teure Freundin. –
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ich beneide Ihnen Ihr ruhiges, anspruchloses Glück, und wünschte, ich könnte ein Zeuge davon sein, aber die Krankheit meines Vaters, die mit jedem Tage bedenklicher wird, vernichtet alle ähnliche Pläne und Entwürfe. Sein mürrisches Wesen, mit seiner Schwachheit verbunden, der Groll, den er auf die ganze Welt geworfen hat, verderben mir alle Laune; indessen trag ich diese Schwäche des Alters gern, und sehe alles nur als eine notwendige Äusserung seiner Krankheit an. – Aber dann hat mir noch ein Brief von Lovell so alle Munterkeit, alle Energie des Herzens genommen, dass ich mich recht innig bedrängt fühle, von tausend Empfindungen angefallen, die ich bisher gar nicht kannte. Ich bemerke jetzt zuerst einen ungeheuren Irrtum, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat, der jetzt zum ersten Male in seiner ganzen Grässlichkeit auf mich zutritt; ich fühle es, dass ich bisher einsam gelebt habe, und meinen Schatten für meinen Freund hielt, und ihn liebte; sind wir denn alle nicht vor dieser Selbsttäuschung gesichert, dass wir nur selbst aus ihnen herauslesen? – Ich lege Ihnen Lovells Brief bei; bis jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen, ich sah im geist alle den jugendlichen Leichtsinn, gepaart mit der Reue und einer inneren Langeweile, wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug, und mir noch poetischer schrieb, um sich selbst zu betäuben; ich sah jede Miene und Gebärde, und nahm darum nicht alles ganz so ernstaft, wie es auf dem Papiere stand. Aber plötzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden, er hat gleichsam die ganze Larve abgenommen und erscheint nun in seiner natürlichen Gestalt: dieser Menschenhass, diese Verachtung seiner selbst, o sagen Sie, würden Sie zu einem solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden können? Diesen Brief kann ich unmöglich beantworten, und wozu auch die Antwort, da ich es innig fühle, dass er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat? Eine Frau, die ihren Mann geliebt hat, kann den Scheidebrief nicht mit einer tiefern Rührung betrachten, als mit der ich diesen Brief ansehe. – Ich bin voller Schmerzen und Unruhe; leben Sie recht wohl; den besten Gruss an Ihre Gattin.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Sie haben recht, Rosa, dass uns das Ungewöhnliche und Seltsame sehr oft näher liegt, als wir gemeiniglich glauben, ja, dass es oft mit dem Gewöhnlichen ganz dasselbe ist, nur dass es sich hier in einer andern Beziehung zeigt, als dort. Ich habe soeben den Brief Balders vor mir, und vergleiche ihn mit einigen Ideen meines Vaters, die er kurz vor seinem tod niederschrieb, und ich finde, dass beide dasselbe nur mit andern Worten sagen, dass ich alles selbst schon ausserordentlich oft gedacht, nur niemals ausgedrückt habe. Die verschiedenartigsten Meinungen der Menschen, zwischen denen ungeheure Klüfte befestigt scheinen, vereinigen sich wieder im Gefühle, die Worte, die äussern Kleider der Seele, sind es nur, die sie verschieden erscheinen lassen. Unsre kühnsten Gedanken, unsre frechsten Zweifel, die alles vertilgen, und gleichsam durch eine ungeheure Leere streifen, durch ein Land, das sie selbst entvölkert haben, beugen sich wieder unter einem Gefühle, das die verlassne Wüste anbaut. Die verschiedenen Gedankensysteme der sich so oder so aufbaut, und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt, je nachdem es ihm gutdünkt. So wie dieser die Tragödie, jener die Komödie liebt, ein andrer das lyrische, ein andrer das didaktische Gedicht; so macht sich der eine die stoische, der andre die epikurische Philosophie zu eigen: aber alles sind nur die Aussenwerke des Menschen, das Gefühl ist er selbst, das Gefühl ist die Seele, der Geist, die Philosophie der Buchstabe dieses Geistes; tote Zeichenschrift, wenn der Mensch sich nicht am Ende über alle Philosophie und Systeme, selbst über das System der Systemlosigkeit erhebt. Dieses Gefühl stösst so Zweifel als Gewissheit um, es sucht und bedarf keiner Worte