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Ferne oft so langweilig aussieht, aber nur deswegen, weil sie nicht wie eine Weihnachtspyramide mit Freuden ausgeputzt ist, die ins Auge fallen; aber der stille, leise Genuss, der unser Herz ausfüllt, ohne dass es selbst der Gegenstand unserer Liebe weiss, dies ist eigentlich die reinste Freude dieser Erde, durch keine Worte und durch kein Klapperwerk entweiht. Kandaules fühlte sich gewiss nicht glücklich, als er durchaus einen Zeugen seines Glückkes haben wollte: in den meisten Fällen ist eine solche stürmende Prunkglückseligkeit nur Eitelkeit; wir sind nur glücklich, damit uns andere beneiden sollen. – hinweg damit, und hinweg mit aller Deklamation darüber! –

Kommen Sie und sehen Sie mich selbst und mein kleines Paradies um mich her; Neid, mehr zu besitzen, Widerstreben gegen eine Eingeschränkteit, die uns doch so wohltätig und nötig ist, diese Laster sind es, die jeden Menschen aus seinem Paradiese vertreiben, das er sonst ungestört geniessen könnte: ach, und wer einmal über die glückliche Grenze gekommen ist, dem stellt sich auch ein Engel mit einem feurigen Schwerte entgegen, dass er nicht zurückkann. Unsere vorige Seligkeit sieht dann in der Ferne so dürftig aus, wie mit entblätterten Bäumen und verdorrten Gebüschen. – Leben Sie wohl, Sie sehen schon, dass ich zum Poeten geworden bin.

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Amalie Wilmont an Emilie Burton

Roger Place.

Teure Freundin, ich bin hier ausserordentlich froh und gesund; ich wünsche, dass Sie uns hier besuchten, und mit uns die frische Luft und angenehme Gegend genössen. Kommen Sie, sobald Sie können. – Ich bin in grosse Versuchung gekommen, Ihnen meinen hiesigen Aufentalt zu beschreiben, weil ich gern schwatze, wenn ich mich so recht glücklich fühle. –

Vor unserm haus ist eine grosse Allee von schönen Bäumen, die weit hinunter gehen, bis sie sich in ein angenehmes Wäldchen verlieren; unter den Bäumen trinken wir des Morgens Tee, und gehen dann spazieren. Auf der andern Seite des Hauses hat man eine schöne weite Aussicht über Wiesen und Ebenen, die alle so frisch, wie hingegossen daliegen: ich kenne schon alle Dörfer in der Nähe, und so weit mein Auge sieht, bin ich wie zu haus. Bei unsrer wohnung ist zugleich ein sehr schöner Garten mit Teichen und niedlichen Brücken, alles so hübsch hell und natürlich, nicht mit Felsen vollgepackt, oder voll ängstlicher dunkler Alleen bergauf undab, die einen nur gar nicht wieder herausfinden kann; nein, dieser Garten sieht recht aus wie das Leben eines glücklichen Menschen; dunkle Alleen mit hohen Bäumen, die sich oben wie das Dach einer Kirche wölben, die wie seine ernsten schönen Tage dastehn, in denen er sich und die Zukunft jenseits des Grabes denkt; Blumenstücke, in denen sich die Winde jagen, und blaue und rote Schmetterlinge mit ihren breiten Flügeln sich herumtreiben, das Bild seiner launigen Stunden, in denen ohne Zusammenhang eine frohe Empfindung die andre drängt; kleine Gebüsche, die zerstreut wie die heitern Tage umher stehen, wo man sich schon im voraus auf einen andern freut, der so nahe ist, dass man ihn und viele andre bequem mit den Augen abreichen kann.

Und dann die Menschen hier! – Ich gehe sonntags mit grosser Andacht in die Kirche, was ich in der dumpfen Stadt niemals konnte. Dort war mir, als wenn ich von einem Gefängnisse in das andre wanderte. Aber hier ist alles, selbst die Art, wie man zu Gott betet und ihm dankt, weit natürlicher; man kann sich hier die alten Erzählungen von der grossen Frömmigkeit, von der hohen Liebe der Menschen zu Gott und untereinander recht lebhaft denken. – O liebe Freundin! ich fühle, dass ich hier nach und nach weit besser werde, als ich sonst war, ich lerne die Menschen mehr kennen, und liebe sie mehr. In den ersten Tagen war mir alles hier freilich so einsam, von Eltern und vom Bruder entfernt, alles kam mir, wie eine Wildnis vor. – Mortimer, der viel gereist ist, und sich nicht mehr erinnern kann, wie lieb man das Haus hat, wo man geboren ist, lächelte über mich, und dies trübselige Gefühl verlor sich auch sehr bald.

Was mich am meisten froh macht, ist, dass ich nun doch oft gelegenheit habe, manchen Armen zu trösten, und auf Tage glücklich zu machen. – Ach, wie viel hab ich oft in London gelitten, wenn ich aus dem Fenster, aus dem warmen Zimmer das Elend der Menschen sah, und gern helfen wollte und nicht konnte. Ich verschenkte oft alles, was ich hatte, und schämte mich innerlich, wenn ich berechnete, wie viel mir mein unnützer Putz, Tapeten, Spitzen und dergleichen Kindereien kosteten, die ich noch alle hätte entbehren können. Ich weinte oft, wenn ich nichts mehr wegzugeben hatte, und gelobte kindisch, wie viel ich einst tun wollte, wenn ich einmal durch einen Zufall reicher würde. – Jetzt sind mir die Gemälde des Jammers aus den Augen gerückt, und ich bilde mir ein, dass plötzlich alle getröstet sind, und im Überflusse leben, weil ich sie nicht mehr vor mir sehe. Hier hab ich freiere Hand, weil ich mehr dazu anwenden darf, und weniger Gegenstände meines Mitleids finde. Es ist das schönste Gefühl, einen Armen wieder auf einen Tag beruhigt zu haben, der wie eine lange Wüste vor ihm lag, durch die er noch wandern musste. Die Männer sind doch