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nur daher, weil wir uns selbst und den kleinen Punkt unsers Lebens, auf dem wir grade stehen, zu sehr vor Augen haben, über unser kleines Unglück denken wir nicht daran, dass in demselben Momente viele Tausende unendlich elender sind, als wir, dass sich der Nachbar indessen freut, und in dieser Fröhlichkeit vielleicht schon unbemerkt die Quelle künftiger Trübsale sprudelt. – Alles ist mir jetzt gleich, nur nach Dir sehnt sich noch mein schwaches, väterliches HerzDu bist krank, mein Sohn, es leidet keinen Zweifel, sonst würdest Du schon vor mir stehen. Mein Herz arbeitet schwer in mirnur unwillig tut es die letzten mühseligen Schläge, der Tod hat es mit seiner kalten Hand berührt, und die Lebenskraft hinweggenommendas Licht des Tages flieht. – Lebe wohl. –

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William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Ja wohl verfliegt alles und geht hinweg, und ich bin der betrübte Zuschauer des Possenspiels. Mein Vater ist also tot, und Amalie verheiratet? – O möge es beiden gut gehen, das ist alles, was ich zu dieser Nachricht sagen kann. – Was ist es denn nun mehr? Ist es nicht so, und muss es nicht so sein? – Der Toren, die sich die Haare ausraufen, wenn ein Vorfall eintrifft, der notwendig ist, und der in der natur der Dinge gegründet liegt! Tod könnte nicht ohne Leben und Leben nicht ohne Tod sein. – Mag es dahingehn, was mir einst so wert und teuer war, denn was können wir in dieser Welt unsern Besitz nennen?

O ihr Menschen mit euren gepriesenen grundsätzen! den Pfeilern, an denen ihr euch lehnt, und die sogenannten schwächeren Menschen um euch her verachtet! – Was ist denn diese eure gepriesene Vernunft? Diese Seelenstärke, mit der ihr euch brüstet? Alles ist nur Feigheit, weil ihr euch selbst und euren Gefühlen nicht vertraut; oder vielmehr ihr habt kein Gefühl, aller menschliche Instinkt ist in euch untergemeln, die ihr mühsam erfunden habt, um eure Blösse zu decken!

Welcher Mensch ist denn der edlerederjenige, der stets nach dem Gefühle handelt, das ihn gerade in diesem Momente beseelt und ergreift, das ihn wie ein Gott im Busen vorwärts treibt, und er nun geht, ohne mit feiger Ängstlichkeit hinter sich zu blicken? Oder der, der nur als ein Sklave nach einem gesetz sucht, nach dem er handeln müsse, weil es ihm lästig fällt, frei zu sein, und er also auch die Freiheit nicht verdient? Der Mensch ist nur denn geadelt, wenn er aus stillen unbewussten Gefühlen auf die Art gut ist, wie das Tier durch Instinkt, Nahrung und Gesundheit erwirbt, wie die Pflanze von innen herauswächst, ohne ihren Willen. –

Die Grundsätze werden von den Menschen nur erfunden, um in einer trägen Bequemlichkeit ihr Leben so vor sich hin zu treiben, und in jedem Moment das Ganze übersehn zu können. Sie haben es in irgendeinem Augenblicke ihres Daseins recht lebendig gefühlt, dass kein Gedanke und keine Vorstellung fest und unerschütterlich in uns stehen, dass eine strömende Empfindung, die oft plötzlich hereinbricht, das niederreisst und hinwegführt, was oft seit Jahren mühsam aufgebaut wurde; darum haben sie etwas ersinnen wollen, was die Gefühle wie mit eisernen Klammern aneinanderhält, sie haben die meisten saiten der Laute zerrissen, um alle Töne im Gedächtnisse zu behalten, und sich durch keinen Klang überraschen und verwirren zu lassen. – Aber wohl dem Menschen, der diese dürre Bahn verlässt, auf der er sich erniedrigt fühlen muss, der sich vor keinem Gefühl und Gedanken in sich selber entsetzt, der alle Segel seines Geistes anspannt, und alle Flaggen im Winde fliegen lässt, ihm allein ist es vergönnt, sich selber und seine geheimen Wunder in der Brust kennenzulernen; er findet tausend Widersprüche in sich selber, alle Töne schlagen in ihm an, und er bildet aus allen eine reiche Harmonie, die freilich dem gröberen Ohre unverständlich ist; er sammlet alle die Tausend der seltsamen Erfahrungen, um sich endlich über sein eigenes Wesen zu beruhigen.

Ich habe mit Andacht die Blätter von der Hand meines Vaters gelesen; seine stimme tönt wie die stimme eines unsichtbaren Geistes jenseit eines breiten Stromes zu mir herüber; er sagt in seiner Verklärung mit andern Worten eben das, was ich soeben behauptet habe. –

Ihr edlen und Vollendeten! die ihr aus dem verklärten Himmel mit Hohn auf die Welt hinunterseht, und doch so sehr den gefallenen Engeln ähnlich seid! – Warum hast Du mir keine Silbe von dem verlornen Prozesse meines Vaters geschrieben? – Er ist verloren, und mein Vater und Amalie sind mir auch verloren! – Du konntest es aber nicht unterlassen, mir die Krankheit Deines Vaters zu melden, weil Dir die Hoffnung Deiner baldigen unumschränkten Freiheit zu sehr im Sinne lag; eine heimliche Freude führte bei dieser Stelle Deine Feder, das wirst Du mir nie ableugnen können, wenn Du aufrichtig bist. Um Dich aber vor Dir selbst zu rechtfertigen, gebieten Dir Deine Grundsätze die Wartung des Kranken, die Liebe eines Sohnes für ihn – o mehr kannst Du ja gar nicht tun, Du beweinst dann noch seinen Todund welch ein vortrefflicher Mensch bist Du! – O hinweg mit diesen grundsätzen, mit allem ähnlich klingenden Galimatias! – Larven, die den Eigennutz verbergen sollen, die der Dünkel erfunden hat, um sich zu verschönern. O glaube mir, man kennt die Menschen, wenn man sich