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, und in der Einfalt des menschlichen Herzens zu glauben, die natur schliesse uns von ihren harten Gesetzen aus, und alles werde so golden und freundlich bleiben. – Und ist dies auf der andern Seite nicht vielleicht die höchste Weisheit des Menschen? Muss ich nicht alle Zirkel um mich her aus meinem Mittelpunkte ziehen? – Ich will immer anfangen einen Brief an Dich zu schreiben, und nehme die Feder und schreibe mancherlei nieder, und vergesse Dich dabei. Dann fällst Du mir plötzlich wieder ein, und der ganze Brief wird dann durch einen Zufall abgebrochen, und es ist mir unmöglich, den Faden wiederzufinden. So habe ich schon einige Blätter vollgeschrieben, aber ich habe sie vergebens gesucht. – Wenn ich die Augen zumache, unterrede ich mich mit Dir und trage Dir allen Gram und alle Sorgen vor. Ich finde dabei nichts zu lachen, denn was tun unsre Briefe denn anders? Vielleicht dass sich in einem andern Leben die entfernten Gedanken schneller und edler zusammenfinden, als durch Sprache und tote Zeichen; vielleicht dass wir dann erst besitzen, was wir jetzt nur zum Lehn erhalten haben; vielleicht tut sich uns dann das Verständnis auf, dass alle, alle Menschen das Gute wollten und hatten, aber dass die grobe unbeholfene Aussenseite nicht gelenk genug war; und so finde ich denn, William, dass Du mir auch jetzt nicht entfremdet bist. Der Gedanke beruhigt mich, und macht mich heiter. Keine Antwort von Dir! Kein laut aus der fernen Gegend herüber! – Wie ich mich hinsehne, wie sich oft mein Geist in mir ausstreckt, als wenn er zu Dir hinüberreichen wollte. Ich erinnre mich mancher Kindermärchen, und kann stundenlang an das Wünschhütchen denken, das einen plötzlich von einem Orte zum andern versetzt; dann könnt ich Dich sehen und an Deinen Hals fliegen. Aber es ist unrecht, dass Du mir nicht schreibst, wodurch hab ich das um Dich verdient? – Kannst Du noch immer jenes Briefes wegen auf Deinen Vater zürnen? – Ich habe Dich schon um Verzeihung gebeten, und will es noch einmal tun. Mir sind die Schilderungen der Schlachten nicht fürchterlich, die sonst so leicht unsre Phantasie erschrecken. Hier fällt ein Mann zur Rechten, dort zur Linken, streifende Kugeln quetschen ganze Glieder nieder, Köpfe und blutbesprützte arme liegen umher, und der Soldat marschiert mit geradem Sinn den Gefahren entgegen, sieht nicht nach seinem Kameraden links, nicht nach seinem gefallenen Bruder zur Rechten, tritt auf den Leichnam, der vor ihm liegt. – Ich kann diesen Mut nicht bewundern, denn tun wir alle etwas anders im gewöhnlichen Leben? Freunde sterben zur Rechten und zur Linken, und wir gehen dreist und grade fort, als würde uns der Tod niemals ereilen: wir erschrecken nicht vor dem Gifte, das diesen und jenen wohl von uns Gekannten hinrichtete. Wir haben nur unsre Plane und Entwürfe im Auge, ach und bemerken es nicht, dass die Zeit hinter uns schleicht, und uns unvermerkt in Staub und Asche verwandelt. O wehe der menschlichen Eitelkeit! Wohl dem, der sich aus dem Strudel rettet, der uns alle mit sich fortwälzt! – Die höchste einzige Weisheit des Menschen ist: nicht diesem elenden Götzen zu opfern, dem, wie dem Moloch, alle unsre Kinder in die glühenden arme gelegt werden. – Ach William, es gibt kein einziges ernstaftes Geschäft in dieser Zeitlichkeit, als zu sterben. Ach ja wohl könnte der Mensch viel besser sein, wenn er immer in sich den kurzen Raum des Lebens bedächte. – Wie würden wir alles mit Liebe umfangen, wie warm jedem gegenstand, dem wir nahe sind, die Hand drücken, wenn wir immer bedächten: Ach, auch dieses Gebild zerfällt in kurzem, und du weisst dann nicht, wohin es gekommen ist; es sehnt sich nach deiner Liebe, o gib sie ihm, solange du es noch, vor dir siehst. Mein Vater steht jetzt vor mir, und mahnt mich an allen Gram den ich ihm so oft ohne Ursache machte, wie wenig ihm mein Herz in so manchen Stunden entgegenkam. Auf seinem Sarge und jetzt hab ich es recht lebhaft gefühlt, wie viel ich ihm hätte sein können. – Auch Du, William, wirst einst nach mir in den Wind seufzen, und meinen Grabhügel fragen, ob ich Dir denn auch ganz und aus vollem Herzen vergeben habe; ja, ja, geliebter Sohn, lass keinen Seufzer der Reue dann in Deinem Busen aufsteigen; ach freilich habe ich in manchen Stunden sehr auf Dich gezürnt, aber alles, alles ist jetzt fort, und mein Herz ist nur mit reiner Liebe angefüllt. Ich habe einen blick hinab ins Tal des Todes getan, und nun taumeln alle Wesen dieser Welt nüchtern und leer meinen Augen vorüber. Alles sind nur Larven, die sich einander selbst nicht kennen, wo einer dem andern vorübergeht, und ihm ein hohles Wort gibt, das jener durch ein unverständliches Zeichen beantwortet. – Wie wüst ist mir seitdem, und wie alles durcheinander verworren! alles wie trübe und unkenntliche Schatten eines veralteten Gemäldes. – Ich weiss mich kaum noch des gestrigen Tages zu erinnern, in der Zukunft wandelt mein Geist, wie einen Fremden betrachte ich mich selbst, und wünsche den Augenblick meines Todes. Nur Dich, William, vermiss ich noch, sonst nichts in der Welt, ich übersehe mein Leben und alle meine Erfahrungen gleichsam in einem Register. Unsre heftigen Begierden, unsre Entzückung und Verzweiflung entsteht