vorgegangen ist; vieles steht verjüngt, wie in der Kindheit vor mir, ja ich bin wieder zum kind geworden, und gehe nun durch dasselbe rosenrote Tor wieder aus dem Leben hinaus, durch welches ich eintrat. So ist mein ganzer Lebenslauf nur ein Kreis gewesen, indem ich immer glaubte, in grader Richtung fortzugehen. Die Welt mit allen Freuden und Leiden liegt hinter mir, wie ein weites Gebirge, das der Nebel unkenntlich macht, nur das Tal, in welchem ich Ruhe finden soll, sehe ich deutlich vor mir. Schwarze, im Winde flatternde Totengewänder mit tiefen steifen Falten, Gräber und Totengerippe stehen vor meinen Augen, ohne dass ich mich, wie sonst, davor entsetze: ist nicht alles um uns her Tand und Spiel, womit wir uns so ernstaft beschäftigen? Wie wir die Trümmer alter Paläste besuchen und ausmessen, so sollten wir mit Künstleraugen das Knochengebäude des Menschen betrachten, und das erhabene Kunstwerk bewundern, von dem uns dort in nackter Entblössung gleichsam die Latten und Grundlinien hingelegt sind, wie die Contoure einer Zeichnung neben dem Menschen, dem vollendeten Gemälde. Wie ein veraltetes Kleid legen wir den Körper ab, Blumen, Gräser und Insekten nähren sich von unserm Stoff, so wie wir von der Pflanzennatur unser Dasein erbetteln, aber der Geist schwingt sich aufwärts, und sieht mit Ruhe auf die Verwesung seines Körpers hinab. O könnt ich den raschen Jüngling, könnt ich Dich, lieber Sohn, nur einen blick so in die Welt und ihren durchheinandergezogenen verwirrten Wirbel hineinwerfen lassen, wie ich jetzt alles sehe. Der Künstler wirft oft eine wunderbare Erleuchtung in unsre Seele, indem er längst bekannte und oft gesehene Gegenstände in seinem Gemälde so ordnet und zusammenstellt, ein eigenes Kolorit und seltsame Zufälligkeiten hinzufügt, dass seine Darstellung eine neue und wundersame Bedeutung erhält. Aber für meine Gefühle und Ideen hat die gewöhnliche Sprache, das fühl ich, keine Worte, ich müsste eine Art von Gedicht schreiben, um Dich etwas näher in meine Atmosphäre zu ziehen, so wie vielleicht alles recht Gute und Verständige immer ein Gedicht sein müsste, weil das, was den Menschen ganz befriedigen soll, sein Gefühl und seinen Verstand zugleich ausfüllen muss. Reine Sätze der Vernunft auf die gründlichste Weise hintereinandergestellt, lassen die grössere Hälfte im Menschen leer, und noch niemand ist auf diese Weise geändert oder gebessert worden. Könnt ich Dir doch, wie durch tausend Hohlspiegel, das Bild so zuwerfen, wie ich es vor mir sehe, o William, Du würdest es nicht der Mühe wert finden, zu leben, alles das tief verachten, was die gewöhnlichen Menschen Fröhlichkeit und Lebensgenuss nennen. Nichts macht mich ernstafter, als ein lachendes Gesicht, als jene hohe Festtage im menschlichen Leben, wo man recht darauf sinnt, und sich zwingt, alles Gewöhnliche abzulegen; aber die neuen Kleider veralten ebenfalls, und werden verächtlich in einen Winkel hingeworfen. Die Zeit rinnt Tropfen für Tropfen unmerklich und unaufhaltsam fort, und alles ist dann leer und vorüber, in den Wind zerstreut und verflogen, dass der Mensch sich wie berauscht umsieht, und nicht begreifen kann, wo alles ihm unter den Händen fortgekommen ist, was er innig an sein Herz geheftet glaubte. – Ein Bauer hat heute hier in meinem dorf Hochzeit gemacht, der Zug ging vor meinem haus vorüber, und ich musste ihnen aus dem Fenster Glück wünschen, ja die freudetrunkenen Menschen liessen mir nicht eher Ruhe, bis ich mich in ihre wohnung tragen liess, um an dem Getümmel, an den Anstalten, die schon seit Wochen gemacht waren, und nun endlich, endlich gebraucht und verbraucht wurden, teilzunehmen. Für die beiden Neuvermählten war dieser Tag nun der wichtigste, seit die Welt steht; sie meinen, dass von diesem Tage ein Abschnitt durch die Zeit in ganz Europa gehe, dass alles um ihre Hochzeit wisse, und jede Seele sie beneide: sie geben sich der stürmenden Freude und dem lauten lachen preis, ach! und bedenken nicht, dass sich alle Empfindungen, frohe und traurige, in uns nur, wie in einem Behältnisse sammeln, dass dies Vermögen ihrer Fröhlichkeit in einigen Stunden verschwendet wird, und dass sie dann in einer nüchternen Leerheit darben, und fröhliche Minuten erbetteln, die sie jetzt wegwerfen. Wenn ihr bei der Feldarbeit schwitzt, und unter dem Joche der Dürftigkeit seufzt, ach so werdet ihr sehr bald den heutigen Tag vergessen, eure Kinder werden euch nicht so entzücken, als an dem Tage ihrer Geburt, wenn sich nach und nach die Leiden entwickeln, die ihr um ihrentwillen duldet; die seidnen schöngeschürzten Quäste auf eurem Bette werden alt und unkenntlich, und den Kindern zum Spiele heruntergerissen werden, die die Braut gestern mit so emsiger Zierlichkeit aufsteckte, die neugeweisste stube wird von der Lampe und vom Feuer schwarzgeräuchert, eure glatten Gesichter legen sich in Falten, Zwietracht und Zank, Krankheit und Gram hemmen den Strom eures Lebens, der euch jetzt so eben und glänzend erscheint. – Ach, William, ich dachte an den frohen Tag zurück, der mich mit Deiner Mutter verband; wie alles sich verwandelt hat, und nichts in mir dem Lovell ähnlich sieht, der ich an jenem Tage war. Ein rauher Wind bläst über den Wald her, die halb abgelösten Tapeten rauschen und klatschen im Nebenzimmer, der Regen schlägt gegen die Fenster. Und doch, William, wenn ich Dir nur die Anstalten zu Deiner Hochzeit hätte besorgen helfen, ach ich wäre gewiss schwach genug gewesen, alles zu vergessen