dann angenommen. – Ich kann nicht weiter, ich muss laut schluchzen; sollt ich Dich denn auch heute nicht wiedersehn?
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Rosaline an William Lovell
Ja, ja, nun ist mein Unglück gewiss. – Gott, ich werde es nicht überleben. – Welche Ostern hab ich gefeiert! es sind die letzten, das fühl ich. – Du bist also nicht der, für den Du Dich, ausgibst? O Himmel! Mein Antonio ist ein Betrüger! – Mein Antonio? – Nein, Du bist nicht mein; Du bist mir fremd, Du bist vornehm, Du kannst nie der meinige werden. Und jetzt könnt ich Dich auch nicht mehr lieben. – Ach, wo ist alles, alles so plötzlich hingekommen, was ich für Dich empfand? Hast Du mich denn wirklich nicht auf dem platz der Peterskirche gesehen? O gewiss, denn Deine Augen waren immer nach mir hingerichtet. Aber Du schämst Dich jetzt meiner – Du – ich sollte Dich nicht so nennen, denn Du bist nicht meinesgleichen, Du liebst mich nicht. – Mein Herz klopfte ängstlich – ich kannte Dich gleich am Ziehen der rechten Augenbraune, an der Art zu lächeln – an dem kleinen Flecke am mund, ich wollte mich zu Dir drängen, ich konnte nicht; ich dachte in Ohnmacht zu sinken. – Ich konnte nicht den Heiligen Vater ansehn, als er den Segen sprach, denn ich sah nur Dich, Dich einzig und allein in der ungeheuren Volksversammlung; meine Mutter stand hinter mir, und blieb zurück, als ich mich vordrängte. – Ach wohin wollt ich mich drängen? – Lebe wohl, ich sterbe bald, der Segen des Heiligen Vaters ist meine Einsegnung zum grab gewesen. – Und Du warst so froh – ach, Antonio – vergib, dass ich Dich immer noch bei diesem schönen Namen nenne – Antonio – o was kann ich sagen! Mein Kopf schwindelt. – Soeben sang meine Mutter still vor sich hin eins von unsern alten Liedern. – Ach, diese Lieder kennen mich nicht mehr, sie wollen mich nicht mehr trösten. – Nein, ich will auch nicht getröstet sein, ich will verzweifeln, ich will wahnsinnig werden, und so zu Dir rennen, so Dir mit fliegenden Haaren wild vor die Augen treten, und Dich verlachen, wenn Du mich dann nicht mehr kennst. – Ich glaube, mir ist im kopf eine Ader gesprungen, ich blute heftig, und bin wie betäubt. O Ungetreuer, mit diesem Blatte empfängst Du zugleich meine Blutstropfen; bald soll man meine Leiche vor Dir vorübertragen; freue Dich dann Deines Werks! –
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Rosaline an William Lovell
Verwünschungen, Flüche hinter Dir her! – Sie werden Dich ereilen und ergreifen. – Nein, ich kann nicht länger im haus bei meiner Mutter bleiben, ich kann nicht länger in dieser Welt bleiben, wo jeder Baum, jeder Grashalm mich an Dich erinnert. – Mir ist seltsam, ich will durch die Welt wandern, und Dich suchen, und wenn ich sterbe, sieh! dann treff ich Dich doch jenseits; denn Du musst auch sterben, da kannst Du meinen Vorwürfen nicht entlaufen. – O weh Dir, Antonio, dass Du sterben musst; dann wird Dir das Verzeichnis Deiner Sünden, aller, von der kleinsten, bis zur grössten, verlesen. Mir ist der Tod ein Trost, Dir wird er wehe tun. – Ich hab es schon lange heimlich geglaubt, aber keinem Menschen und auch Dir nicht sagen mögen, dass Du an Pietros tod schuld bist. – O wehe Dir, wenn es so ist! – Ich werde hingejagt vom unbekannten geist in Tod und Grab, es brennt in meinen Eingeweiden, und die Fluten der Tiber sollen diese Flammen löschen. – Aber ich muss Dich noch sehen vorher, ich will Dir Deine Briefe zurückbringen; ich will – ach, ich weiss selbst nicht, was ich will – sterben gewiss.
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Leonore Silva an William Lovell
Ach, gnädiger Herr! Sie verzeihen es wohl einer alten Frau, wenn sie sich untersteht, Ihnen zur Last zu fallen. – Meine Tochter, die letzte Stütze meines Alters, ist tot; Gott mag ihrer Seele gnädig sein! Sie ist in die Tiber gesprungen, gestern am Abend; vorher ist sie die ganze Stadt durchlaufen, und hat immer nach Ihnen gefragt. Dann haben sie einzelne Leute in den Gärten vor der Porta St. Angelo gesehen, sie hatte die Haare los, und schrie und sang, man hielt sie für verrückt, konnte sie aber nicht einholen. Mit der Dämmerung und dem aufgehenden mond ist sie in die Stadt zurückgekommen. Auf der brücke St. Angelo stand sie endlich still, und sah ins wasser, sie deutete auf den Mondschein, und sagte: sie wolle jetzt in das goldene Paradies; ein Mann, der dort stand, hat es ganz deutlich gehört: so stürzte sie sich vom Geländer hinunter. – Man zog sie tot ans Land. – Ach, lieber gnädiger Herr, nun bin ich ganz verlassen, erzeigen Sie mir doch die Ehre, mich noch einmal zu besuchen, und eine arme, alte, verlassne Frau etwas zu unterstützen. Gott sei Rosalinens Seele gnädig: ich bete fleissig einen Rosenkranz zu ihrem Heil, und auch für Sie, dem Gott gnädig sein wolle, wenn Sie mir gnädig sind. Helfen Sie mir die wenigen traurigen Tage leben. Meinen Gram, meine Klagen will ich Ihnen nicht vorschwatzen