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sehe gar nicht warum. Schämen Sie sich zu gestehen, dass Ihre leidenschaft nun nach dem Genusse nicht mehr jenes stürmende, drängende Gefühl ist, voller Ahndung und Ungewissheit? Sagen Sie es nur dreist heraus, denn die Schuld davon liegt nicht an Ihnen, sondern an der Einrichtung unsrer natur, der wir uns unbedingt unterwerfen müssen. – Erinnern Sie sich, was ich Ihnen mit prophetischem geist schon in einem meiner frühern Briefe sagte, dass man sich nie zwingen müsse, mit Entusiasmus die Leere auszufüllen, die sich oft plötzlich in alle unsre Gefühle reisst, denn dies ist die höchste Qual des Lebens, die wahre Tortur der Seele. geben Sie sich und Ihren Empfindungen nach, denn alle Ihre Schwüre, alle Ihre poetischen Beteurungen haben Sie im grund gar nicht getan, sondern es sind nur notwendige Äusserunnicht gesprochen, sondern Ihre leidenschaft; diese ist jetzt fort, und mit ihr das Wesen, das Sie so sprechen liess. – Doch mündlich ein mehreres. In wenigen Tagen bin ich selbst in Rom; dann will ich doch auch Ihre Gotteit sehen und sprechen. –

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Willy an seinen Bruder Tomas

Rom.

Gottlob, Bruder, der Tag der Erlösung ist nun endlich da. Ach, mir ist recht froh und leicht, fast so, wie wenn ich manchmal von einem recht schlimmen Traume aufwache, und mich im warmen sichern Bette wiederfinde; ich kann nun doch endlich nach England zurückreisen. Ein Franzose, ein Bekannter meines Herrn, auch so einer von den Herzensfreunden, reist nach England; je nun, er ist immer noch gut genug, dass ich mit ihm reisen kann, und doch nun meinen lieben Bruder wiedersehe. Ich hätte auch hier das gotteslästerliche Leben nicht mehr aushalten können, das kannst Du mir glauben, lieber Tomas; ich war hier ganz, wie unter Heiden und Türken geraten, und hatte keinen einzigen frohen Augenblick. Mein Herr ist verloren, der böse Feind hat ihn gänzlich und ganz und gar eingenommen; lauter Unglück hat er angestiftet. Da ist hier ein armes, blutarmes und unschuldiges Kind, ein hübsches Mädchen, das hat er verführt, das merk ich so aus ihrem stillen, jammernden Wesen. Ich mag Dir nur nicht alles schreiben, wie ich es denke, kann nicht dafür, lieber Bruder, die Gedanken kann man sich nicht geben und nicht nehmen, sie kommen ganz ungerufen, und quälen uns oft ebenso, wie Mükken und Stechfliegen. Die sind hier sehr häufig, und auch so bei mir die schlimmen Gedanken. – Nun ich denke, Gott wird mich schon wieder zurechtbringen, sobald ich nur wieder auf unserm frommen, väterlichen Boden stehe. O wie freue ich mich, Dich und meinen alten Herrn, den guten Herrn Lovell wiederzusehn! – Grade, wie sich ein Kind auf den Heiligen Christ freut, so ist mir zumute. – Lebe wohl bis dahin, bester Bruder.

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Rosaline an Antonio

Wo bleibst Du doch, Antonio, dass ich Dich gestern gar nicht gesehen habe? Willst Du mich denn ganz allein lassen? – Ach, ich habe viel zu Gott und seinen Engeln gebetet, aber mir ist keine Erhörung geworden, recht ohne Trost bin ich vom Himmel, wie eine Sünderin, abgewiesen. – Die saiten auf meiner Laute sind gesprungen, und ich mag keine neue aufziehn: meine Laute, die ich von Kindheit auf kenne, die ich sonst so innig liebte. Siehst Du, so weit ist es schon mit mir gekommen. Die Tränen sind eine Gabe des himmels, ich kann manchmal ordentlich gar nicht weinen, wenn ich es auch so gerne möchte. – O komm, komm, Antonio, ich bin sonst wie ein Kind, das sich im wald verirrt hat. Alles erschreckt mich, aber wenn Du da bist, ist es wieder wie ein Frühlingsschein um mich her. – Wenn ich Dich heute nicht sehe, kann ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen; mir fällt so mancherlei ein, wovor mir graut. – Ach, wohl dem armen Pietro, dass er tot ist! –

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Rosaline an Antonio

Ja wohl möchte ich sterben, sterben, Antonio. Du kömmst also nicht und siehst nach der kranken Rosaline, der Du sonst so viel von Deiner innigen Liebe vorgesprochen hast? – Ach, bleib noch ein paar Tage länger, und Du kömmst dann vergebens, um sie zu suchen. – Wer ist nun treulos? Hab ich es nicht immer gefürchtet, dass Du so sein würdest? – Wenn ich erst tot bin, so will ich Dir erscheinen, Dich gewiss auffinden, und Deine Seele martern. – Dein Vater ist auch fort; Gott, wie mag das alles zusammenhängen? – Ich will den Brief zu Dir hinübertragen, ich weiss nicht, ob Du ihn erhalten wirst. Ach, was kann es mir auch helfen? – Mein Bild, das Du gezeichnet hattest, lag bei Dir auf dem Boden, man hatte schon daraufgetreten, es war ganz unkenntlich, ach, und es sieht mir jetzt gewiss sehr ähnlich. – Siehst Du, so ist Deine Liebe! – Ach, Antonio, wenn Du schon so bist, welche Ungeheuer müssen dann die übrigen Männer sein! – Ich habe Dein Halstuch mitgenommen, und bewahr es wie ein Heiligtum. – Ach Du geliebter Bösewicht, wohl verstehe ich es jetzt, was ich sonst nicht begreifen konnte, wenn Menschen sich vom Bösen versuchen liessen; Deine Gestalt, Dein Wesen hat er