, und stieg vom Pferde, um mit ihm zu sprechen. Der Schändliche sprach von Rosalinen, wie er von einem Mittagsessen sprach, ohne alle Teilnahme, er wolle sie bloss des ganz kleinen Vermögens wegen heiraten, das ihre Mutter besitze. Ich fragte, ob sie schön sei, und der Niederträchtige, dem meine Gesellschaft nicht gelegen sein mochte, brach in die gemeinsten und ekelhaftesten Zweideutigkeiten aus. Ich konnte mich nicht länger halten. Er schimpfte in pöbelhaften Ausdrücken und da ich ihm drohte, fühlte ich plötzlich die Faust des Nichtswürdigen an meiner Brust, indem er mit der andern Hand ein Messer zuckte. Da bewältigte ich mich nicht mehr, ich riss ihm den Dolch weg, verfehlte ihn aber und streifte ihn den Hals damit hinunter.
Die Nacht und der heutige Tag sind mir in einem ununterbrochenen Schwindel verflossen. Ich erwarte den Schurken in jeder Minute. – Ich hätte vielleicht einen Handel mit ihm treffen können, dass er weiter keine Ansprüche auf Rosalinen machen solle, wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre: ich weiss nun nicht, wie alles sich endigen wird. Warum hab ich den tückischen Bösewicht nicht ermordet, der meinem Leben drohte? Ich begreife diese Schwäche nicht, und dann ist es mir wieder lieber, dass es nicht geschehen ist.
Wäre Pietro nicht dazwischengekommen, so hätt ich Rosalinen geheiratet, wäre mit ihr nach England gezogen, und hätte ihr und der natur gelebt. –
Wenn ich es noch tun könnte! Was hindert mich, mich der Mutter zu entdecken? Aber der Bräutigam: er wird nun vielleicht etwas länger bleiben, da ihn die Wunde wahrscheinlich am Gehen hindert, und diese paar Tage will ich noch in Rosalinens Gesellschaft geniessen. – Ich bin zu müde, leben Sie wohl.
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich habe mehrere Tage hindurch in einer Verworrenheit aller Begriffe und Empfindungen gelebt; ich mochte Ihnen nicht schreiben, weil ich zu träge war. Jetzt aber will ich Ihnen den Verfolg meiner Liebe melden, und ich bin auf Ihre Antwort äusserst begierig.
Ich habe soeben eine Flasche Cyperwein getrunken, und meine Hand zittert, indem ich schreibe; ich bin äusserst froh und zufrieden, und mir ist so leicht, dass ich bei jedem Absatze aus vollem Halse lachen muss. Willy sieht mich von der Seite mit misstrauischen Augen an, und scheint dabei halb eingeschlafen. Das Leben ist das Allerlustigste und Lächerlichste, was man sich denken kann; alle Menschen tummeln sich wie klappernde Marionetten durcheinander, und werden an plumpen Drähten regiert, und sprechen von ihrem freien Willen. – heute am Morgen kam die Nachricht von Pietros tod; man hatte den Leichnam an der Landstrasse gefunden, und ein Vorübergehender hatte ihn zufälligerweise erkannt. Sagen Sie, was seinem tod sein sollte, wenigstens kann ich es nicht glauben. An jener unbedeutenden Streifwunde kann unmöglich ein so rauher, eisenfester Mensch verbluten: und wenn es der Fall sein könnte, so hatte es der Schurke reichlich an mir verdient.
Es war ein gross Geheul im haus, vorzüglich von der Alten; Rosaline grämte sich auch, aber ich bemerkte deutlich, wie sie sich im stillen von leisen Gedanken trösten liess. Ich ging fort, weil mir die Szene zur Last fiel, und fand Nachmittag Rosalinen allein in Tränen gebadet. Die Alte war ausgegangen, und kam vor dem Abende nicht wieder. O wie sie schön war, als sie auf dem Fussschemel sass, und den Kopf auf den weissen Arm auf dem Sessel stützte! Wie sich die Umrisse aller Glieder aneinanderschmiegten, und das reizendste Bild, wie hingegossen, dalag! Ich vergass alles, und verschlang die vereinigte Schönheit mit gierigen Blicken. Sie sank weinend in meine arme, und ihre Tränen lockten die meinigen hervor. Ich fühlte ihr Herz klopfen, ich küsste sie, sie war ganz Schmerz, und liess mich alles tun, was ich wollte. Meine Augen verschlangen die Reize, und sie sah mich seufzend an. O Rosa, ich werde von neuem trunken, wenn ich mich nur dieser Szene erinnre. – Wir sprachen von ihrem Unglücke, durch die Tränen war sie weicher geworden. – Bald wurden ihr meine Scherze zu dreist, sie stand auf und lief in ihre kammer, ich folgte ihr nach. Sie bat, sie weinte von neuem, und drückte mich dann heftig in ihre arme, indes ich mich damit beschäftigte, sie auszukleiden. Welche himmlische Reize entwickelten sich nach und nach unter meinen geschäftigen Händen! Die letzte Hülle sank, und sie stand nun nackt mit schamhafter Röte und brennendem Auge vor mir in einer grünen Dämmerung die mediceische Venus, indem vor dem Fenster das grüne Weinlaub zitterte, und einen Flimmerschein durch das Gemach warf. Wir sanken auf das Lager und ich war der Glücklichste der Menschen.
O mag alles um mich dunkel und ungewiss liegen, kein ander Gefühl gibt uns Befriedigung, kein Genuss des Geistes erquickt uns. Nur hier, hier versammlet sich alles, was durch unser ganzes Leben an Freuden und seligen Empfindungen zerstreut liegt. Nur dies ist der einzige Genuss, in welchem wir die kalte, wüste Leere in unserm inneren nicht bemerken; wir versinken in Wollust, und die hohen rauschenden Wogen schlagen über uns zusammen, dann liegen wir im Abgrunde der Seligkeit, von dieser Welt und von uns selber abgerissen. – Nein, nur für sie, für Rosalinen allein will ich jetzt leben; Pietro ist ausgeblieben, und ich nehme sie mit mir, ich hab es versprochen