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dass ich für Dich alles, selbst das Gewagteste und Schrecklichste ausführen könnte.

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Rosaline an Antonio

Und warum wurdest Du denn nun doch so verdriesslich, als ich gestern das Liedchen sang? – Was willst Du von mir? sehe ich Dich nicht gern kommen und ungern fortgehen? denke ich nicht fleissig an Dich? Hab ich nicht gestern die versprochenen Küsse gewissenhaft abbezahlt, und sogar noch einige, ich weiss nicht wie viel, mehr gegeben? Was kannst Du denn noch verlangen? – Aber Du machst mich immer mit traurig, und ich weiss gar nicht, was ich Dir zu Gefallen tun kann; Dir ist nichts recht, und Du weisst gewiss selbst nicht, was Du willst. – Siehst Du, ich kann auch einmal böse werden, aber gewiss nur jetzt, nicht, wenn ich Dich vor mir sehe, dann hab ich alles vergessen, worüber ich klagen könnte.

Meine Mutter hat heute schon ein ernstaftes Gespräch mit mir gehabt, ich soll nicht so viel bei Dir sein, hat sie gesagt. Ich sehe aber nicht, warum. Sie ist alt und ein wenig eigensinnig, fast so ein Gemüt, wie Dein Vater; Du gefällst ihr nicht recht, denn Du bist ihr etwas zu leichtsinnig. Du musst darüber nicht böse werden, sie ist schon alt, und das macht es, denn wer möchte Dich wohl sonst nicht gern leiden? Jeder Mensch, der Dich sieht, muss Dein Freund sein. Nur das ernstafte, finstre Wesen kleidet Dich gar nicht, das kann ich Dich versichern, Du kömmst mir dann mit einemmal ganz fremd vor; schaff es ab.

Auch mit Deinem Vater bist Du nicht recht gut, der meint es mit seinen Ermahnungen doch gewiss sehr rechtschaffen. Mach es, wie ich, ich lasse meine Mutter oft lange reden, und tu, als hör ich ihr zu, und denke unterdessen an Dich.

Aber wie viel hab ich nun an Dir getadelt! Ach glaube nur nichts davon, das ist grade so, als wenn ich ein Lied von bösen Menschen singe, ich kann immer nicht daran glauben. Ich habe meine Altklugheit nur vom Hörensagen. – Noch eins, sei heute abend etwas artiger, als gestern, denn sonst werde ich noch den Hund abrichten, dass er Dich beissen soll. – Adieu, und komm hübsch früh. Wie schön, dass kluge Menschen die Erfindung gemacht haben, dass Du durch ein stummes Papier mit mir reden kannst, dass ich Dir kann Antwort geben. O ja, ein liebendes Herz ist der Zauberkunst nahe.

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William Lovell an Rosa

Rom.

O Rosa, warum bin ich nicht zufrieden und glücklich? Warum bleibt ein Wunsch nur so lange Wunsch, bis er erfüllt ist? Hab ich nicht alles, was ich verlangte? und dennoch werde ich immer weiter vorgedrängt, und auch im höchsten Genusse lauert gewiss schon eine neue Begierde, die sich selbst nicht kennt. Welcher böse Geist ist es, der uns so durch alle Freuden anwinkt? Er lockt uns von einem Tage zum andern hinüber, wir folgen betäubt, ohne zu wissen, wohin wir treten, und sinken so in einer verächtlichen Trunkenheit in unser Grab. Ich schwöre Ihnen, dass mir in manchen Momenten aller Genuss der Sinne verabscheuungswürdig erscheint, dass ich mich vor mir selber schäme, wenn ich diese holden Züge betrachte, diese Unschuld, die sich auf der weissen reinen Stirn abspiegelt; es ist mir manchmal, als wenn mich eine Gotteit durch ihre hellen Augen anschaute, und ich erröte dann wie ein Knabe.

Gestern war ich in der höchsten Verwirrung; sie wollte mir ein Lied singen, das, wie sie sagte, auf ward, wie gedemütigt. Es war wirklich das Lied, welches mich zuerst auf die idee meiner Verkleidung führte, und aus dem ich sogar meinen Namen Antonio entlehnt habe. Kann die bitterste Satire mich tiefer erniedrigen, als dieses kindliche, fromme, unschuldige Wesen? Nie hab ich vor einem Menschen so in aller Nackteit gestanden, nie bin ich so durch und durch beschämt worden. Bei jedem andern Mädchen würde ich überzeugt sein, sie habe mich vollkommen erraten; allein ich schwöre Ihnen, dass es hier nicht der Fall ist.

Und was ist denn nun von einer andern Seite mein ganzes ängstliches Gefühl? Wozu alle diese seltsamen Windungen? Ich liebe sie, und sie liebt mich.

Sie haben nie ein Wesen, wie diese Rosaline, gekannt, und Sie kennen daher auch die schönste Blüte des Vergnügens nicht. Sie sollten sie sehen, wie sie mir entgegenläuft, und denn wieder stillesteht, und plötzlich tut, als habe sie nur irgendwas gesucht; die List, die sie bei aller frommen Unschuld hat, und die jedem Mädchen mit auf die Welt gegeben wird, und die, wenn ich so sagen darf, die Unschuldigen noch unschuldiger macht. Die Mutter schlief neulich in ihrem Lehnstuhle, und ich küsste sie, indem sie neben mir sass; von ungefähr schallte der Kuss etwas stärker, und die Mutter wachte auf; in demselben Augenblicke aber hatte sie ihren kleinen Hund schon ein wenig gezwickt, so dass er schreien musste, und die Mutter keinen Argwohn schöpfte.

Ja, ich mache sie selbst glücklich, wenn ich sie über ihr eigenes Wesen aufkläre, sie wird sich selbst im Kelche der Wonne berauschen, und mir noch für mein höchstes Glück Dank sagen.

Werden Sie nicht bald nach Rom zurückkehren? Ich vermisse täglich Ihre Gesellschaft, vorzüglich