stürzen wollen, und diese Reize mit unzähligen Küssen bedecken; ich träume oft so lebhaft vor mir hin, dass ich nachher ungewiss bin, ob ich es nicht schon getan habe. Es reisst mich eine unbekannte Kraft zu ihr hinüber, die Töne ihrer Laute klingen mir oft schmerzhaft im kopf nach – und bald, bald muss es sich ändern, oder ich verliere den Verstand.
Als ihre Mutter neulich schlafen gegangen war, und ich mit ihr vor der tür sass, entdeckt ich ihr meine Liebe. Sie war gerührt und zärtlich, und sagte mir sehr naiv, dass sie schon einen Bräutigam habe, und mich daher nicht lieben dürfe, wenn sie auch herzlich gern wolle. Es ist ein armer Fischer, der jetzt einer kleinen Erbschaft wegen zu fuss nach Kalabrien gegangen ist; sie beschrieb ihn mir sogleich, und gestand mir ganz unverhohlen, dass er so hübsch nicht sei, als ich.
Sie rührte mich, als sie mir die Einrichtung ihrer künftigen kleinen Wirtschaft beschrieb. Wie beschränkt sind die Wünsche dieser Menschen! Wenn ich an meine Verschwendung denke, wie ein weggeworfner oder verspielter teil meines Vermögens dies herrliche geschöpf glücklich machen würde! – Ich lerne viel in diesen Hütten, Rosa, ich glaube, ich lerne hier mehr ein Mensch sein, und mich für das Unglück der Menschen interessieren. – Und sie sollte hier für einen armseligen Schiffer aufgeblüht sein? Für einen Verworfenen, der sich vielleicht glücklich schätzen würde, wenn er mein Bedienter werden könnte? – Nimmermehr! – Dagegen muss ich Vorkehrungen treffen, und ich denke, das Beste ist schon geschehen. Wir nennen uns du. Gestern sass sie auf einem niedrigen Schemel, und schaukelte sich während dem Erzählen; plötzlich wollte sie fallen, ich fing sie auf, und fühlte die schöne Last in meinen Armen. Ich drückte sie an mich und sie wand sich verlegen und errötend von meinem ungestümen Busen.
Sie ist sich mit ihren dunkeln Trieben selbst ein Rätsel: sie kommt mir in manchen Augenblicken mit ihrer Unschuld wie eine heilige Priesterin, oder wie eine unverletzliche Gotteit vor; – und dann wieder die feurigen Augen! Der mutwillige Zug um den Mund! –
Ich habe neulich in der Ferne für mich ein paar schalkhafte italienische Liedchen gesungen, und ich ertappte sie gestern, wie sie eben, wie unwillkürlich, die ersten Takte griff, und den Anfang sang. – Plötzlich hielt sie inne, ward ohne zu lachen, rot, und legte die Laute fort, gleichsam wie eine gefährliche, nicht genug verschwiegene Freundin. – Ich kenne nichts Schöners, als diese ungeschminkte natur zu studieren; o sie wird, sie muss die Meinige werden! – Stammelnd hab ich ihr die Ehe versprochen, und, das weiss Gott! wenigstens halb im Ernst. –
Soeben sehe ich sie vor die tür treten, ich gehe zu ihr; – leben Sie wohl.
33
Rosaline an Antonio
Du bist schon wieder fort, Lieber, und ich glaubte Dich so gewiss zu treffen. Ich liess Dich gestern gern die Laute mitnehmen, und tat, als merkt ich es nicht, weil ich sie heute wieder abholen wollte. – Du böser Mensch! mich vergebens kommen zu lassen! – Dein Vater sieht immer so verdriesslich aus, ich glaube, es will ihm noch gar nicht bei uns gefallen: ich scheue mich vor ihm, weil er mich immer so ernstaft ansieht. – Komm doch ja heute abend, ich will Dir ein neues Lied spielen, das ganz wie auf Dich gemacht ist. Komm ja und bleib hübsch lange. Die Abende sind jetzt so schön, und wir wollen denn noch miteinander singen. Aber Du musst nicht wieder böse werden, ich will ja auch kein Wort wieder vom armen Pietro sprechen.
34
Antonio an Rosaline
Nein, Liebe, sprich nicht wieder von ihm, denn sein Name geht mir immer wie ein Dolchstoss durchs Herz. Ich hoffe immer noch, dass er nie wieder zurückkommen wird; wer weiss, was ihm begegnet ist, da er gar keine Nachrichten von sich gibt. – Tut es mir nicht selber weh, dass ich so oft von Deiner Seite muss? Du hättest mich aber gewiss getroffen, wenn ich daran gedacht hätte, dass Du kommen könntest.
O Rosaline, lass die Gesänge, die den kranken Rest meines Herzens zerschmelzen, und meine Seele ganz mit sich nehmen. lebe ich nicht schon ganz bei Dir, nur allein in Deiner Gegenwart? Keine Arbeit will mir jetzt von der Hand gehen, da ich immer nach der Gegend hinsehe, in welcher Dein Haus steht. – Ach, wenn Du mich doch so lieben könntest, wie ich Dich liebe! o Rosaline, welche Aussicht würde sich mir eröffnen! – O ja, ja, singe das Liedchen, wenn es so wie auf mich gemacht ist, und wenn von einem weichherzigen Mädchen und einem erhörten Liebhaber darin die Rede ist, o so lass es auch denn noch auf mich passend werden. Ich sehe Dich gewiss heute abend, ich bleibe mit Dir vor der tür sitzen – ach, könnt ich zeitlebens nur um Dich sein, könnt ich ewig den süssen Ton Deiner stimme hören! Alles, was ich vernehme, klingt mir wie Dein Gesang, so tief bin ich in Träume versunken, ich fahre auf, wenn man meinen Namen nennt, wenn jemand mich ruft. – O glaube es, glaube es, teures Mädchen, dass ich nie ohne Dich würde leben können: