1795_Tieck_095_77.txt

.

Sie fangen an mit Ihrer geschichte recht amüsant zu werden. Es ist ja alles so schön, wie man es nur im besten Romane verlangen kann. Ich wünsche Ihnen Glück, denn es ist gewiss, dass nichts uns unser trocknes, prosaisches Leben so poetisch macht, als irgendeine seltsame Situation, in die wir uns selber versetzen. Im grund besteht unser ganzes Leben nur aus solchen Situationen, und ich tadle Sie daher gar nicht, wenn Sie sich Ihre Empfindungen so lebhaft als möglich machen. Fahren Sie nur fort, ebenso aufrichtig gegen mich zu sein, als bisher, so werden mir Ihre Nachrichten viel Vergnügen machen. Sein Sie aber auch, wenn es irgend möglich ist, aufrichtig gegen sich selbst: denn sonst entsteht am Ende eine gewisse fade Leere, die man sich mit Entusiasmus auszufüllen zwingt; dies sind die widrigsten Epochen des Lebens. Man quält sich dann, das Interesse noch an denselben Gegenständen zu finden, weil es uns scheint, als machten sie unsern Wert aus. Jede Illusion aber, die kein Vergnügen macht, muss man emsig vermeigewöhnen, die äussern Gegenstände um sich nur als Spiegel zu betrachten, in denen man sich selber wahrnimmt, um in keinem Augenblicke des Lebens von ihnen abzuhängen. Je mehr alles um uns her von uns abhängt, um so sklavischer es uns gehorcht, um so höher steht unser Verstand. Denn darin kann die Vernunft des Menschen unmöglich bestehen, seltsame Dinge zu erfinden, oder zu begreifen, sondern damit er durch sie ihm gleichgeschaffne Wesen nach seiner Willkür lenke. Auf die Art kann der kluge Mensch allen gebieten, mit denen er nahe oder fern in Verbindung steht. Die herrschaft des Verstandes ist die unumschränkteste, und Rosaline wird gewiss bald unter dem Gebote meines verständigen Freundes stehen, wenn er sich nicht von ihr beherrschen lässt, und selbst seine Vernunft unterdrückt. Ich wünsche Ihnen Glück, um nie in diesen Fall zu kommen.

32

William Lovell an Rosa

Rom.

Es ist gewiss, dass man unter unschuldigen Menschen selbst wieder unschuldig wird. Jetzt kommen mir manche meiner Ideen zu gewagt vor, die mir sonst so natürlich schienen; ich bin hier in der kleinen Hütte demütiger, ja ich fühl es, dass ich ganz einer von den Menschen werden könnte, die ich mir bisher gar nicht deutlich denken konnte; die in einer engen dunkeln stube geboren, nur so weit ihre Wünsche richten, als sie um sich sehen können; die mit einem Gebete erwachen und schlafen gehen, Märchen hören und im stillen überdenken, mit einem dumpfen, langsamen Fleisse eine Handarbeit lernen, und nichts so sehnlich als den Abend und die Schlafstunde erwarten. O Rosa, wenn man dies Leben näher kennenlernt, so verliert es sehr viel von seiner drückenden Beklemmung. Wir machen aus unserm Leben so gern ein ununterbrochnes Vergnügen, und suchen Unannehmlichkeiten mühsam auf, um die Freude durch den Kontrast zu würzen: bei diesen Menschen aber ist jedes unerwartete Vergnügen ein Weihnachtsfest, wie ein plötzes hell und frisch in ihre Seele hinein. Ich werde mich künftig hüten, die Menschen mit dumpferem Sinne so sehr zu verachten.

Wenn ich in meinem kleinen Besitztume jetzt auf und ab gehe, über das Feld und nach der Stadt hinübersehe, Rosalinens stimme von nebenan höre, und ich mich so recht ruhig und glücklich fühle, der Tag ohne Verdruss und Widerwillen sich schliesst; so komme ich manchmal auf den Gedanken, in dieser Lage zu bleiben, hier ein Bauer zu werden, und das reinste, frischeste Glück des Lebens zu geniessen. – Vielleicht bliebe ich hier immer froh und zufriedenvielleicht! – ach, die Wünsche, die Neigungen des Menschen! – Welcher böse Genius hat diesem Bilde, als es vollendet war, so viel der widersprechenden Triebe beigemischt!

Doch hinweg davon. O Rosa, nennen Sie mir ein Schauspiel, das dem an Reiz gleichkäme, wenn sich eine schöne, unbefangne Seele mit jeder Stunde mehr entwickelt. Wir sind jetzt bekannter miteinander, ich und Rosaline, ich habe sie täglich gesehen und gesprochen, mein anscheinendes Unglück hat sie gerührt. – Sie ist so das reine Bild einer Mädchenseele, ohne die feinere Ausbildung, die die Erscheinung zugleich verschönert und entstellt. Da uns die Verschiedenheit des Standes kein Hindernis in den Weg gelegt hat, so sind wir auf einem recht vertrauten fuss miteinander. – Wir sitzen oft im finstern Winkel, und sprechen über unser Schicksal, sie erzählt mir Familiengeschichten, oder wunderbare Märchen, die sie mit ausserordentlicher Lebhaftigkeit vorträgt; dann singt sie wieder ein kleines Volkslied, und begleitet es mit den Tönen der Laute. – Es gibt keine Musik weiter, als diese kleinen, tändelnden, fast kindischen Lieder, die so gleichsam im simpeln gang des Gesanges das Herz auf der Zunge tragen, und wo nicht Töne, wie ungeheure Wogen steigen und fallen, und sich in einen wilden Zug mischen, der kreischend sich durch alle Tonarten schleppt, und dann in ein Chor aller stürmenden Instrumente versinkt. Das Herz bleibt um so leerer, je voller das Ohr ist; die Seele kann nur diesen stillen Gesang so recht aus dem grund geniessen, hier schwimmt sie mit dem silbernen Strome in ferne dunkle Gegenden hinunter, die leisesten Ahndungen erwachen in den Winkeln, und gehen still durch das Herz, und Rückerinnerung eines früheren Daseins, wunderbares Vorgefühl der Unsterblichkeit rührt die Seele an.

Wenn ich ihr gegenübersitze – o wie Feuer weht mich ihr Atem an! Ich habe ihr schon an den Busen