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als möglich fort, ich kann nicht hierbleiben.

Sieh Tomas, die ganze geschichte hat, so wie man zu sagen pflegt, ihren Haken. Mein Herr ist da vor dem Tore einem Mädchen gut, da wohn ich jetztach, nein Tomas, glaube nichts Böses von mir. Ich kann wahrhaftig nicht dafür, dass ich es meinem Herrn versprochen habe, dass ich mich so sehr weit eingelassen habe. Ich stellte ihm alles ganz ordentlich und christlich vor, aber da half kein Reden und Ermahnen, scheid zu geben, so dass ich am Ende gar nicht mehr wusste, was ich sagen sollte, und wie ein alter Narre vor ihm stand, so weichherzig hatte er mich gemacht. Er sagte, dass er dem Mädchen so ganz wunderer gut sei, dass er sterben würde, wenn ich ihm nicht den Gefallen täte, und, da konnte ich's denn nicht übers Herz bringen. Nun war mir die Freude auch noch etwas Neues, dass ich wieder gut Freund mit ihm war; das hat denn auch viel dabei getan.

Nun wohn ich hier vor dem einen Tore recht hübsch, aber zwischen lauter eingefallenen Häusern und alten Steindenkmalen, da hat man die vergängliche menschliche Eitelkeit und die Nichtigkeit aller Dinge recht vor Augen, und kann so ernstafte Betrachtungen wie auf einem Kirchhofe anstellen. Aber ich weiss doch auch recht gut, dass es nicht ganz recht ist, und ich gräme mich in manchen Stunden recht sehr darüber, dass ich den Schritt getan habe; aber der Mensch ist doch ein gar zu schwaches geschöpf, und denn bin ich meinem Herrn Lovell gar zu gut, als dass ich ihm was abschlagen könnte, wenn er mich so recht herzbrechend darum bittet. – Je nun, Gott muss ja bei so vielen Sachen ein wenig durch die Finger sehen, so mag er mir denn auch einmal von seiner Gnade etwas zukommen lassen.

Lebe wohl, lieber Bruder. Du hast mir lange nicht geschrieben, tu es doch nächstens einmal wieder, und sage mir Deine Bedenklichkeiten darüber, und wie man es ändern müsste. – Bis dahin lebe wohl.

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William Lovell an Rosa

Rom.

Ich habe Ihnen seit einigen Tagen keine Nachrichten gegeben, weil ich so vielerlei einzurichten und zu besorgen hatte, dass mir wirklich keine Zeit übrigblieb.

Ich habe nach vielen Umständen meinen alten Willy beredet, in die benachbarte leerstehende Hütte neben Rosalinen einzuziehen; dort gilt er für meinen Vater, einen alten Venezianer, der hiehergekommen ist, um in Rom sein dürftiges Auskommen zu finden. Ich heisse Antonio. – Ich bin nun den grössten teil des Tages in einer gemeinen Tracht, die mich recht gut verstellt, bei Willy. Wir haben schon mit unsern Nachbarinnen Bekanntschaft gemacht, die gegen Leute, die so arm wie sie scheinen, ausserordentlich zuvorkommend sind. So ist alles im schönsten zug, und ich verspreche mir den glücklichsten Fortgang.

Was das Mädchen närrisch ist! Sie hat nun schon viel mit mir gesprochen, und ist ausserordentlich zutraulich und redselig. Sie ist von einer bezaubernden lebhaften Laune, und bat mich, wenn ich nicht sehr irre, gern. Doch ich zweifle noch, denn in nichts in

Wenn ich ein Maler wäre, schickt ich Ihnen ihr Bild, und Sie sollten dann selbst entscheiden, ob ich wohl zu viel von ihr spreche. Wie versteinert betracht ich oft die reizendste Form, die je aus den Händen der schaffenden natur ging, den sanften, zartgewölbten Busen, der sich manchmal bei einer häuslichen Beschäftigung halb entüllt, den schönsten kleinen Fuss, der kaum im Gange die Erde berührt. –

So lebe ich denn hier zwischen den Ruinen, entfernt von der Stadt und allen Menschen ein sonderbares, traumähnliches Leben. Einen grossen teil des Tages bin ich in der Hütte, und sehe Rosalinen im kleinen Garten arbeiten; ich sehe in der Ferne Leute, die stolz vorüberfahren undreiten, und ich bedaure sie, denn sie kennen Rosalinen nicht; sie jagen mühsam nach Vergnügen, und denken nicht daran, dass die höchste Seligkeit hier in einer seitwärts gelegenen Hütte wohnt. Mittags und abends ess ich bei Rosalinen, das haben wir gleich am zweiten Tage miteinander richtig gemacht; wir sparen, wie die Alte bemerkte, beide dabei. – Ach, Rosa, wie wenig braucht der Mensch, um glücklich zu sein! Ich gebe, seitdem ich hier wohne, nicht den hundertsten teil von meinem Gelde aus, und bin froh. – Daran denkt man so selten in jenem Taumel; – aber wie viel gehört auch wieder zum Glücke! – würde ich diese dumpfe Eingeschränkteit ertragen, wenn mir Rosaline nicht diese Hütte zum Palaste machte? O jetzt verstehe ich erst diesen so oft gebrauchten und gemissbrauchten Ausdruck.

Es tut mir leid, wenn ich fortgehen muss, um zu tun, als wenn ich irgendwo arbeitete. Einmal habe ich schon auf den einsamen Spaziergängen, die ich dann mache, die Alte getroffen, die in einem Korbe dürre Reiser sammelte. Ich muss mich also in acht nehmen, und ich kleide mich daher oft bei Willy um, und schleiche nach der Stadt.

Warum liebt sie mich nicht so, wie ich sie anbete? – Mein Leben ist ein rastloses Treiben ungestümer Wünsche, wie ein Wasserrad vom heftigen Strome umgewälzt, jetzt ist das unten, was eben noch oben war, und der Schaum der Wogen rauscht und wirbelt durcheinander, und macht den blick des Betrachtenden schwindlicht.

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Rosa an William Lovell

Tivoli