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Deine sparsamen und wortkargen Briefe lassen es mich befürchten. Ich habe Dir bis jetzt unausgesetzt das verlangte Geld geschickt, ohne bisher ein Wort darüber zu verlieren, ob Du gleich in jedem Vierteljahre mehr als im vorigen gebraucht hast. Du findest hierbei auch den Wechsel, den Du so ungestüm gefordert hast; nur zwingen mich diesmal die äussern Umstände, einige Worte hinzuzufügen, die Dir und mir gleich unangenehm sein müssen.

Ich habe seit mehrern Jahren nur in Dir und in der Aussicht einer schönen Zukunft gelebt: aber seit einem halben Jahre hat sich Dein Herz von Deinem Vater abgewandt; ich wüsste kaum, dass Du noch lebtest, wenn Deine Briefe, in denen Du mich, wie ein ungestümer Gläubiger um Geld mahnest, mich nicht mittelbar davon benachrichtigt hätten. Ich gab Dir alles gern, denn ich habe mein Vermögen von je als war dabei überzeugt, dass sich das Herz meines William wieder erweichen würde, und so liess ich Deinen Torheiten freien Lauf.

Wenn Du aus diesem Briefe schliessest, dass ich wieder krank bin, so irrst Du nicht, ich bin es, und vielleicht gefährlicher, als je. Ich fühle die Lebenskraft gleichsam nur noch tropfenweise durch meinen Körper rinnen, darum kehre bald nach England zurück, teurer Sohn damit ich Dich noch wiedersehe, und mir wenigstens noch ein Glück auf dieser Erde übrigbleibt.

Ich kann nicht umhin, meine anfängliche Drohung zu erfüllen, denn Du musst ja doch einmal alles erfahren. Meine schöne erträumte Zukunft, der Glanz unsers Hauses, Deine Grössealle meine Hoffnungen sind dahin, und auf ewig zernichtet! – Ich habe meinen Prozess verloren, und Burton ist jetzt Herr meiner Ländereien. Wie es möglich geworden, auf welchen Wegen er dahin gekommen ist, das alles kann ich nicht begreifen: aber genug, dass es geschehen ist! – Mir bleibt nun nichts weiter übrig, als die kleinen beiden Güter in Hampshire, wo ich in dem alten verfallenen haus freilich noch zum Sterben Raum genug finde. – Ich sehe es schon voraus, wie sich alle meine Bekannten, die mir bisher schmeichelten, zurückziehen werden. Man kümmert sich so wenig um den Unglücklichen, der sich aus der grossen Welt verliert, alles ist kalt und empfindungslos, wie die Lichter am Firmamente, wenn ein Stern heruntersinkt. Dies ist das passendste Bild meines Unglücks.

Burton besuchte mich schadenfroh einige Tage vorher, ehe das Urteil meines Prozesses gesprochen ward. Er war ungewöhnlich freundlich, er betrachtete das Haus und den Garten aufmerksam, schon als sein Eigentumund ich will ihm auch mein hiesiges Gut verkaufen, um nicht in der Nähe von London zu leben.

Tröste Dich, mein Sohn, und wenn Du vielleicht von diesem Schlage weniger getroffen sein solltest, als ich, so versuche Deinen Vater zu trösten. Ich ziehe in zwei Wochen von hier fort; Du weisst also, wohin Du Deinen Brief zu adressieren hast.

Dass Du jetzt weniger Aufwand machen musst; dass es das letztemal ist, dass ich Dir einen so ansehnlichen Wechsel schicke, brauche ich wohl nicht erst hinzuzufügen. – Ach, mein Sohn! stände Dein Glück in meiner Hand! – Doch ich will abbrechen. Lebe wohl.

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William Lovell an Rosa

Rom.

Ich habe mancherlei Nachrichten aus England, die mich interessieren sollten, allein ich kann einzig an die schöne Rosaline denken. Himmel! welch ein Mädchen. Ich sehe unaufhörlich die hellen braunen Augen vor mir, ich kann nichts anders denken, als ihren gang und ihren schlanken Wuchs. Ich habe sie seitdem mehr als einmal gesprochen; aber alles ist vergebens. Sie hat eine Menschenscheu, die unüberwindlich ist, sie geht mir aus dem Wege, und wenn ich vor ihr stehe, schlägt sie die Augen zur Erde, und sieht mich nicht einmal an. – Es ist, als wenn ich zu dem Mädchen hingezaubert wäre, ich habe noch nie ein geschöpf mit dieser Heftigkeit, ich möchte sagen, mit diesem Wahnsinne geliebt. Sowie ich nur die Augen schliesse, steht sie vor mir; ich bin seit einigen Tagen wie verrückt.

Ich mag weder Bianca noch Laura sehen; jedes andre Mädchen erscheint mir langweilig und abgeschmackt. – Ach, Rosaline! Ich möchte nach ihrem haus hinüberfliegen, oder unsichtbar neben ihr weil Sie sie nicht kennen.

O wie lebt man anders, wenn man ein Wesen kennt, für das man lebt! Alles steht mir in Bezug mit Rosalinen. – Die menschliche Seele ist doch ein kleines, armseliges Ding: denn ganz dasselbe sagt der Dichter und der religiöse Schwärmer auch von seiner Kunst. Der Philosoph findet allentalben seine Systeme wieder, der Gelehrte zieht alles nach seinem MittelpunkteOh, so will ich denn einzig für sie leben! Sie soll die Sonne sein, um die wie Planeten meine Gedanken und Gefühle laufen.

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Willy an seinen Bruder Tomas

Rom.

Ich bin jetzt hier, Tomas, so Gott will, etwas besser dran, darum werde ich auch wohl noch eine Zeitlang hierbleiben. Mit meinem Herrn steh ich wieder auf einem recht guten Fuss, er hat mir alles ganz ordentlich abgebeten, und er ist seit etlichen Tagen weit freundlicher mit mir, als er zeit seines Lebens gewesen ist. Es ist gar nicht möglich, Tomas, dass man auf ihn recht böse sein kann, ich habe sogleich alles vergessen und vergeben. – Mir ist wieder ganz wohl und leicht, aber doch gar nicht so, wie im vorigen Jahre; ich reise doch sobald