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sollte (woran ich zweifle), müssen Sie ihr die Ehe versprechen; am dritten Tage glaubt sie das Märchen, und am vierten ist sie die Ihrige. Am zehnten spätestens wird sie Ihnen denn doch nicht mehr wie eine Gotteit erschei

Nehmen Sie meinen Brief nicht übel; ich bin hier durch einen Zufall in eine Stimmung versetzt, in welcher mir Ihre Anbetung eines kleinen unbedeutenden Mädchens notwendig kindisch erscheinen muss.

Wenn mancher von unsern armseligen Bekannten dies Billet sähe, würde er mich mit hochweiser Miene Ihren Verführer nennen, und wunder meinen, wie viel er dabei dächte. Ich höre von so manchen Menschen dies unschuldige Wort auf so unschuldige Leute anwenden, dass ich jetzt immer darüber lachen muss. Es gibt keinen grösseren Unsinn, als zu glauben, dass der Verstand auf unsre Gefühle und Handlungen Einfluss habe, und nun gar, dass eine fremde idee jemals die meinige werden könne, wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe. –

Leben Sie wohl, und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht. Ich werde dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komödie ansehn; zeigen Sie sich daher im dramatischen Fache, wenigstens als ein ebenso guter, wo möglich noch besserer Dichter, als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben.

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William Lovell an Rosa

Rom.

Es ist alles vergebens. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfältig vorgekommen, als seit einigen Tagen. – Oder sollte das seltsame Ding, was in einem land Schande, im andern Ehre bringt, woran keiner glaubt, und wogegen die ganze natur sich empörtsollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich einmal kein Vorurteil sein? Und doch ist es nicht möglich, mein Benehmen ist nur linkisch und ungeschickt. Das Mädchen mit diesen glänzenden Augen muss Temperament haben, nur verstehe ich nicht die Kunst, Sinnlichkeit, Eigenliebe und Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen.

Spotten Sie übrigens, wie Sie wollen, es ist gewiss ein himmlisches geschöpf!

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William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig, dass ich mich jetzt besser befinde, und dass ich nunmehr bei kälterem Blute Deinen Brief gründlicher zu verstehen glaube. Was Du gegen meine Ideen sagst, ist sehr wahr und gegründet; allein jeder Mensch hat seine eigene Philosophie, und die langsamere oder schnellere Zirkulation des Blutes macht im grund die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus. Daher hast Du in Deiner person völlig recht, und ich in der meinigen nicht unrecht. Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele, dass sich ihr einfacher Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann; ich gebe Dir zu, dass keine von allen die wahre sei, aber ebensowenig kannst Du behaupten, jene ist ganz verwerflich, weil jedes Auge jede Farbe anders sieht, und Du das vielleicht blau nennst, was mir als rot erscheint.

Doch wir wollen darüber nicht weiter disputieren. Du irrst aber darin völlig, wenn Du meinst, dass meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind. verachtet, die nur das Echo andrer sind, denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen; in die Klasse dieser kläglichen Geschöpfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben; und dann liesse sich wohl immer noch die Frage aufwerfen, ob es bei einem Menschen von einigem verstand möglich sei, ihn zu einer andern Denkungs- oder Handelsweise zu verleiten, bei der seine sogenannte Moralität litte.

Schilt mich nicht wieder einen Sophisten, denn ich will nun einmal recht kalt und gemässigt sprechen. – Denke Dir den Fall, dass man einen guten unbefangenen Menschen nach und nach so betäubt, dass er unvermerkt in irgendeine Handlung hineintaumelt, die unsere strengere Moral nicht guteissen kann; bei diesem Umstande ist nur zweierlei möglich. Entweder er ist nach begangener Tat ebenso unschuldig, als vorher, er hat sie, ohne den Vorsatz Böses tun zu wollen, ausgeführt: nun so ist er zwar im Angesichte des buchstäblichen Gesetzes schuldig, aber wahrlich nicht in den Augen der Vernunft, die nicht bloss die grobe äussere, meistenteils nur zufällige Erscheinung, sondern den inneren boshaften Sinn bestraft, selbst wenn dieser keine Handlungen hervorbringt. – Der zweite Fall ist also nun dieser: dass schändliche Handlungen aus einem schändlichen Vorhaben entstehen. – Wie kann aber meine Seele fremde Überzeugung wirklich als die ihrige annehmen? Wo willst Du den Punkt, den Moment auffinden, in welchem eine reine Seele zu einer schlechten wird? Geschieht es durch einen Zufall: wie ist es möglich, dass sich dadurch ein Flekken im geist erzeugt, da er nur immer gute Gedanken und Vorsätze fassen kann? – Durch die Meinung eines andern? Er wird mit reinem Sinne den fremden nicht begreifen, und wenn er ihn begreift, so setzt dies schon voraus, dass er selbst verdorben sei. – Du wirst Dich aus diesem Labyrinte von Widersprüchen nicht herausfinden können; nimm also meine Meinung an, und gib mir zu, dass Deine Furcht gänzlich ungegründet ist.

Aber unmöglich kann mein verständiger Eduard zu den Toren gehören, die nur ihresgleichen lieben können; ich weiss, wie entfernt er von diesem Sektierergeiste ist, daher brauch ich nicht zu heucheln, wenn ich von seiner Meinung abweiche, um nur seine Freundschaft nicht zu verlieren. Ich darf mich daher ebenso dreist wie sonst unterschreiben, meines geliebten

Freundes zärtlicher Freund William Lovell.

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Walter Lovell an seinen Sohn

London.

Lieber Sohn!

Ich weiss nicht, ob Du noch immer auf Deinen unglücklichen Vater zürnest,