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Aber ich verdiente auch wahrhaftig nicht den unbedeutendsten blick von Emilien, wenn ich eine so schöne gelegenheit ungenutzt gelassen hätte. – Du weisst, dass der alte Burton seines Prozesses wegen in London war: da er gerade einige Häuser in der Nachbarschaft besuchte, kam er auch zu uns. Er war ausserordentlich vergnügt, und dann sind die Menschen gewöhnlich höflich und freundlich; er liess sich mit mir in ein weitläuftiges Gespräch ein, und da ich ihm unter andern erzählte, ich hätte schon längst die schönen Seen in Nortumberland besuchen wollen; so schlug er mir vor, es jetzt beim schönsten Frühlingswetter zu tun, und ihn bis Bondly zu begleiten. Ich versprach es, ohne mich zu bedenken, und musste Wort halten; und so rollte ich schon am folgenden Morgen mit leichtem Herzen durch die Vorstadt von London. Und wie vergnügt bin ich darüber, dass ich nicht ein so grosser Narr gewesen bin, zurückzubleiben. Emilie Wir haben viel miteinander gesprochen, wir sind sehr zärtlich gewesen, und es kommt mir nun ganz närrisch vor, dass ich ordentlich wieder abreisen soll. Indessen darf ich doch nicht zu lange hierbleiben, um mir kein Dementi zu geben; ich muss sogar nach Nortumberland reisen, um dem Vater und allen Menschen nicht wie ein Narr vorzukommen.

Wie manches in der Welt muss man nicht bloss andern Leuten zu Gefallen tun! – Indes mag auch dies unangenehme Geschäft noch vorübergehn, wie so viele andere; es ist hier schön, ich will die paar Tage, die ich hier zubringe, recht geizig geniessen, und für die Zukunft den Himmel sorgen lassen. Denn wie es am Ende noch mit meiner Liebschaft ablaufen soll, kann ich wahrhaftig nicht einsehn.

Wer weiss aber, wie wunderbar sich manchmal alles fügt! – Ich habe Leute gekannt, die auf einen Gewinst, den sie im Lotto hofften, Schulden machten; sie waren weise, und ich will ihnen nachahmen. Und Du bist also mit meiner Schwester jetzt wirklich verheiratet? Ich wünsche Dir Glück aus vollem Herzen, und werde Euch nächstens auf Eurem angenehmen Landhause besuchen. Lebe wohl, Du gesetzter Mann, aus den Bergen in Nortumberland erhältst Du wieder einen Brief von mir.

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Amalie Wilmont an Emilie Burton

London.

Ich bin Ihrem Rate gefolgt, liebste Freundin, um nur endlich der marternden Unruhe loszuwerden. Ich bin mit Mortimer verlobt, und fühle mich recht froh und leicht. – Sie haben recht, es sind meistenteils nur kränkliche Einbildungen, mit denen wir uns ängstigen, Sorgen, deren zehnter teil nur aus Wirklichkeit besteht, das übrige ist Traumgestalt. Ich denke mir jetzt mein zukünftiges Leben recht schön und froh. Mortimer ist weit herzlicher, als ich je von ihm geglaubt hätte, denn er freute sich über meine Einwilligung so sehr, dass es mich bei einem so gescheiten mann ordentlich überraschte. – Er findet mich gewiss viel zu gut und verständig; ich weiss es zu gut, dass ich kindisch und voller Torheiten bin: ach, wenn er sich nur nicht so mit mir betrogen findet, wie ich mich an Lovell geirrt habe.

Wir werden beide künftig recht einsam wohnen, in keiner grossen Stadt, selbst von einer grossen Heerstrasse abgelegen. Ach, so wird ja nun endlich doch mein Lieblingswunsch erfüllt, in der freien natur zu leben. keiner grossen Gesellschaften; ich wünsche, dass uns niemand besuche, als gute Freunde, so wie Sie und Ihr Bruder, dann wollten wir dort einmal das schöne Leben von neuem führen, das ich bei Ihnen im vorigen Frühjahre genoss, als ich zuerst Lovell kennenlernte.

Doch, ich wollte ja nicht mehr an ihn denken. Ich soll mich ja mehr in meiner Gewalt haben, wie Sie mir selbst geraten haben. Ich finde auch, dass ich es so ziemlich gelernt habe: nur manchmal widerstreben mir törichte Erinnerungen. – O ich werde gewiss, auch wenn ich zuweilen an Lovell denke, an Mortimers Seite glücklich sein. – Er kommt mir jetzt immer vor, wie ein gestorbener Bruder, und ich muss noch manchmal weinen, aber es sind nicht mehr die brennenden Tränen, die ich ehemals vergoss.

Sie sehen, dass ich immer bleibe, wie ich war. Ich habe Sie schon oft um diesen schönen graden Sinn beneidet, den ich nie erlangen werde. –

Mein Bruder hat Ihren Vater nach Bondly begleitet, und mich dünkt, ich habe die Ursache erraten. – Sind Sie gar nicht begierig, sie zu wissen? – Doch still, ich darf wohl über meine, aber nicht über die Geheimnisse andrer Leute schwatzen. Das letztere ist unerlaubt, wenn das erste nur kindisch ist.

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Rosa an William Lovell

Tivoli.

Sie dauern mich mit Ihrer neuen Liebschaft. Rosaline mag nach Ihrer Beschreibung ein ganz hübsches Mädchen sein, aber Sie sind und bleiben doch wahrhaftig ein Schwärmer. – Und die Not, bekannt mit ihr, und von ihr erhört zu werden! – Lieber Lovell, haben Sie denn Ihren ganzen Cursum mit so geringem Nutzen gemacht? – Es ist höchst unrecht, dass Sie noch von irgendeinem Mädchen können in Verlegenheit gesetzt werden.

Wenn Sie einmal so sehr von ihr entzückt sind, so müssen Sie alles versuchen, ihr näherzukommen. Es gibt nichts Verdriesslichers, als Leute zu sehen, die ein Gut über alles wünschen, und nicht die kleinsten Mittel anwenden, seiner habhaft zu werden. Ich wollte, ich könnte Pandarus sein, um meinen armen Troclus zu beruhigen. Wenn gar nichts helfen