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entlehnt, sogar den weissesten Arm konnte ich noch auf meinem schnellen Rückzuge bemerken. – Ich wagte es nicht, näher zu kommen, und sah nur Schatten hin und her fahren und über den Rasen hinzittern.

Die Lautentöne waren jetzt verstummt, und als ich endlich wieder näher trat, sah ich eben die Alte durch eine kleine Tür in die angrenzende kammer wanken. Das Mädchen stand mit herabrollenden Locken in der Mitte des Zimmers, und löste halbschläfrig das Busentuch auf. – O Rosa, ich habe bis jetzt noch gar kein Weib gesehen, ich habe nicht gewusst, was Schönheit ist; gehen Sie mit Ihren Antiken und Gemälden; diese lebendigen, schöngeschlungenen zarten Umrisse hat noch kein Maler darzustellen gewagt. – Plötzlich sah sie auf, wie aus einer Zerstreuung erwachend, und trat ans Fenster. In demselben Augenblicke taten sich Fensterladen vor, und das Licht und die herrliche Szene, die es beleuchtet hatte, verschwand.

Ich fuhr wie aus einem Traume auf; wie man im Bette nach dem gegenstand fasst, von dem man geträumet hat, so sah ich mich betäubt nach allen Seiten um, sie zu entdecken. – Ich taumelte in die Stadt zurück, und träumte die ganze Nacht nur von dem schönen unbekannten Mädchen.

Heute am Morgen war mein erster Weg durch die Porta Capena. Es war mir schwer, die Häuser zu entdecken, so in Träumen verloren war ich gestern. Endlich fand ich sie auf. – Aber es war mir doch alles anders. Ein kleiner Garten, fast nicht grösser, als mein Zimmer, ist neben dem haus mit einem bäuerischen Staket umgeben, darin stand das Mädchen; ich kannte sie gleich wieder, und mein Herz schlug schon, noch ehe sie mein Auge sah. – Aber aller Verstand und alle Überlegung verliess mich, ich wagte es kaum, das göttliche geschöpf zu grüssen; sie dankte fremdwarum lächelte sie mich nicht an? – Ihr Lächeln muss wohltun, wie die Frühlingssonne. – Sie war fort, als ich wieder umkehrte. – Ich habe keine Ruhe, ich werde heute am Abend wieder dort sein; wenn ich in der Gegend stehe, ist mir zumut, wie in meiner Kindheit, wenn ich die schönen und abenteuerlichen Märchen hörte, die die jugendliche Phantasie gänzlich aus dieser Welt entrücken. –

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Emilie Burton an Amalie Wilmont

Bondly.

Meine Meinung, geliebte Freundin, meinen Rat wollen Sie haben? Wissen Sie auch, welche gefährliche Rolle Sie mir da zuteilen? Denn ohne Zweifel ist es gefährlich, beim wichtigsten Schritt des Lebens den Ratgeber spielen zu wollen, und wenn ich recht aus dem Herzen Ihnen schreiben soll, wie ich denke, so muss ich fürchten, Ihnen Schmerz zu erregen. Aber wahre Freunde sollen nur einen Busen und ein Herz haben, und darum will ich es wagen, zu Ihnen ganz wie zu mir selbst zu sprechen.

Liebste, ich habe längst für Sie dem Himmel im stillen gedankt, dass der charakterlose Lovell sich von Ihnen zurückgezogen, dass er Sie vergessen hat. Ihre Jugend, Ihre Unerfahrenheit und Wohlwollen hat Sie über ihn und Ihre Empfindungen getäuscht. Er ist ein Elender, der keine Liebe verdient, am wenigsten meiner Freundin zartes und treues Herz. Ja, Geliebte, sehen Sie Ihre Verblendung für ihn als Krankheit an, und tun Sie zu Ihrer willigen Genesung die letzten Schritte, wenn auch Ihr Herz noch etwas dabei leiden wahrhaft liebt. gehen Sie dreist einem sichern ruhigen Glück entgegen, und nach einiger Zeit werden Sie sich wundern, dass Sie jetzt nur irgend zweifeln konnten. sehen wir doch auf das Spielzeug unserer Kindheit mit Lächeln hinab. Ja, Geliebte, nicht Ihre Empfindungen, aber den Gegenstand Ihrer Empfindungen werden Sie verachten lernen: wenigstens weiss ich gewiss, dass ich in Ihrer Lage so fühlen und handeln würde. Nun vergeben Sie mir aber auch aus vollem Herzen, wenn ich Sie irgend kränke, so wie ich aus vollem Herzen gesprochen habe.

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Mortimer an Karl Wilmont

London.

Mit Erstaunen hab ich von Deiner Schwester gehört, dass Du schon wieder, und zwar von neuem nach Bondly gereist bist! O Du unsteter Landstreicher! Möchtest Du doch auch erst einen Ort gefunden haben, wo Du Lust bekämest, Dich anzusiedeln. So bist Du mir nun schon wieder entlaufen, ehe ich noch angefangen habe, Dich recht zu geniessen.

Wünsche mir Glück, Karl, denn alles was ich wünschte, ist nun in Erfüllung gegangen. Deine Schwester hat sich plötzlich entschlossen, sie will die Meinige werden. Ich danke Gott, dass es endlich so weit gekommen ist. – Die Verlobung ist bei Deinen Eltern gestern gefeiert, und in einem Monate ungefähr zieh ich nach dem kleinen Landgute in der Nähe von Soutampton, und feire dann meine Hochzeit mit Amalien. – Ich versetze mich schon ganz in die stillen häuslichen Szenen, und erträume mir nicht das Glück aus einem Feenlande, sondern rechne nur auf ein kleines, irdisches Glück, und das wird mir nun gewiss nicht fehlen. reizendsten Spaziergänge; ich will nun dort nach meinem Herumstreifen den ländlichen Freuden leben.

Was Deine Schwester so plötzlich bestimmt hat, weiss ich nicht. Meine ausdauernde Liebe, mein Gefühl, das sich immer gleich blieb, scheint sie endlich überzeugt zu haben, dass nur dies die wahre Liebe sei. – Ich habe Dir heute nichts mehr zu sagen. Lebe wohl.

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Karl Wilmont an Mortimer

Bondly.

Ja wohl bin ich wieder Dir und der Stadt entlaufen.