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oder ob Dieselben nicht überhaupt zuvor die Dokumente in Augenschein nehmen wollten, um ihre Rechtmässigkeit zu prüfen. Ich darf sie aber auf keinen Fall der Post anvertrauen, und Ew. Gnaden haben mir, einen Boten zu senden, ausdrücklich untersagt: es bleibt mir also kein andrer Weg übrig, als Ew. Gnaden zu ersuchen, die Reise hieher selber zu machen, oder mich nach Bondly kommen zu lassen; oder ich könnte Ihnen auch auf dem halben Wege bis Nottingham entgegenkommen. Ganz, wie Sie es befehlen.

Bis ich das Glück gehabt habe, Ew. Gnaden persönlich zu sprechen, bleibt dieser ganze Vorfall übrigens ein Geheimnis.

Dass ich es nicht am Diensteifer habe fehlen lassen, wird ein so scharfsichtiger Beobachter, als Ew. Gnaden sind, gewiss nicht zu bemerken unterlassen haben; wie sehr ihn Dieselben werden zu schätzen wissen, dies zu erfahren, hängt von der ersten mündlichen Unterredung ab, der ich mit grossen Erwartungen entgegensehe. – In der tiefsten Verehrung habe ich die Ehre mich zu nennen

Ew. Gnaden treuergebenster Diener

Jackson.

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William Lovell an Rosa

Rom.

Sie fragten mich gestern, was mir fehle. – Was hilft es mir, wenn ich nicht ganz aufrichtig bin? – Ich will es Ihnen gestehen, dass ein Brief des jungen Burton mir allen Mut und alle Laune genommen hatte. Die Vergangenheit kam so freundlich auf mich zu, und war so glänzend, wie mit einem Heiligenschein umgeben. Sie werden sagen: Das ist sie immer, und zwar aus keinem andern grund, als weil sie Vergangenheit ist. Aber nein, es lag noch etwas anders darin, ein Etwas, das ich nicht beschreiben kann, und das ich um alles nicht noch einmal fühlen möchte.

Sie werden vielleicht die Erfahrung an sich gemacht haben, dass nichts uns so sehr demütigt, als wenn uns plötzlich über irgendeine Sache oder person die Augen aufgetan werden, die wir bis dahin mit Entusiasmus verehrt, ja fast angebetet haben. Der nüchterne Schwindel, der dann durch unsern Kopf fährt, die Nichtswürdigkeit, in der wir uns selbst erscheinen, alles dies und Reue und Missbehagen, alle üble Launen in einem trüben Strome, alles stürzte auf mich Alles, was ich empfunden und gedacht hatte, ging wie in einem alles verschlingenden Chaos unter; alle Kennzeichen, an denen ich mich unter den gewöhnlichen Menschen heraushob, gingen wie Lichter aus, und plötzlich verarmt, plötzlich zur Selbstverachtung hinabgesunken, war ich mir selbst zur Last, und Himmel und Erde lagen, wie die Mauern eines engen Gefängnisses, um mich.

Ich erinnerte mich jetzt der trübseligen augenblicke, die mich so oft im heftigsten Taumel der Sinne ergriffen hatten; der widrigen Empfindungen, die so oft schon mein Herz zusammenzogen, so vieler Vorstellungen, die mich unablässig wie Gespenster verfolgt hatten. – Wozu bin ich so umständlich? Bloss um Ihnen zu zeigen, wie aufrichtig ich bin; ich weiss, Sie werden meine Schwäche verachten, aber dem Freunde muss man keine Torheit verbergen. Heilen Sie mich von meinen Albernheiten, und beweisen Sie dadurch, dass ich Ihnen nicht gleichgültig bin.

Doch ich eile zu einer Begebenheit, die wichtiger ist, und die mich im grund schon alles hat vergessen lassen. Ich durchstreifte in der Dämmerung die Stadt; mir fiel ein, wie sehr ich mich in meiner Kindheit und Jugend hiehergesehnt hatte; mit diesen Empfindungen begrüsste ich die Kirchen und Plätze, und verlor mich aus der belebten Stadt in die einsamen unangebauten Gegenden. So ging ich durch die stille Flur und geriet endlich an die Porta Capena, oder Sebastiana. Ich ging hindurch.

Träumend verfolgte ich meinen Weg. Da stand ich vor dem runden Grabmal der Cäcilia Metella, das schauerlich im Dunkel leuchtete; dahinter die vielfachen Ruinen, wie eine zerstörte Stadt, wo durch die Sträucher, die zwischen Fenster und Türen gewachsen waren, Wolken von Feuerwürmchen schwärmten. Hinter Hügeln versteckt lag eine kleine Hütte, in welcher die Fenster hell und freundlich brannten. Ich hatte einen unwiderstehlichen Trieb nach diesem haus hin, und fand einen kleinen Fusssteig. – Die Töne einer Laute kamen mir silbern durch die stille Nacht entgegen, und ich wagte nicht, den Fuss hörbar aufzusetzen. Bäume flüsterten geheimnisvoll dazwischen, und vor dem haus goss sich ein goldner Lichtstreif durch das kleine Fenster auf den grünen Rasen. Jetzt stand ich dicht vor dem Fenster, und sah in eine kleine, nett aufgeputzte stube hinein. Eine alte Frau sass in einem abgenutzten Lehnstuhle, und schien zu schlummern; ihr Kopf, mit einem reinen weissen Tuche umwickelt, nickte von einer Seite zur andern. Auf einem niedrigen Fussschemmel sass ein Mädchen mit einer Laute; ich konnte nur das freundliche Gesicht sehen, die kastanienbraunen Locken, die unter einer Kopfbinde zurückgepresst waren, die freundlichen hellen Augen, die frische Röte der Lippen

Ich stand wie bezaubert, und vergass ganz, wo ich war. Mein Ohr folgte den Tönen, und mein Auge jeder Bewegung des Mädchens. Ich sah wie in eine neue Welt hinein, und alles kam mir so schön und reizend vor, es schien mir das höchste Glück in dieser Hütte zu leben, und dem Saitenspiele des Mädchens zuzuhören, dem Geschwätze der Alten und den kleinen Grillen in den Wänden. – Das Mädchen stand auf, das Licht zu putzen, das heruntergebrannt war, und ich ging scheu zurück, denn sie trat dicht ans Fenster. – Der schlankeste Wuchs, die Umrisse, wie von dem Busen der Grazien