zu begrüssen, den wir so oft miteinander geträumt haben; natur und Kunst, Menschen und herrliche Städte empfangen Dich und nur meine herzlichsten Wünsche, meine Gebete können Dich begleiten.
Ja könnt ich selbst Dein Begleiter sein! Aber ich habe diese, einst meine liebste Hoffnung, schon seit lange aufgegeben; mein Vater würde die Zeit, die ich auf diese Art anwendete, für verloren ansehn, und abtrotzen möchte ich ihm seine Einwilligung nicht. Er hasst die Begeisterung, mit der ich zuweilen von den Heroen des Altertums, oder der Göttlichkeit eines Künstlers spreche, er sieht mit Verachtung auf diese kindischen Aufwallungen des Bluts hinab, wie er jeden Entusiasmus nennt; an die hohen Gefühle der Freundschaft glaubt er nicht, alles, was in Dir so gut und heftig ist, belächelt er, und prophezeit aus seinem sogenannte Freundschaft nur betrübt für uns beide endigen könne. Er liebt Menschen, die sich nie aus den Gegenständen, von denen sie umgeben werden, verlieren können, er spottet über alles, was man Erhabenheit der Gedanken und Gefühle nennt. Es gibt vielleicht wenig Menschen, welche die Vorurteile und Begriffe der Konvention so tief in ihr ganzes Dasein haben verwachsen lassen. – Ist dies Menschenkenntnis, die aus ihm spricht, o so beneide ich sie ihm nicht, doch muss er sie teuer erkauft haben, da er sie für so richtig hält – Aber wir glauben so oft einen blick in die Seele anderer getan zu haben, wenn wir bloss das Flüstern unsers eignen Geistes vernommen hatten.
Er verzeihe mir die Bitterkeit, die zuweilen und jetzt eben in mir aufsteigt, aber ich muss zu oft von seiner Kälte leiden. Er ist älter als ich, er kann oft betrogen sein, die schönsten Gefühle sind vielleicht an ihm meineidig geworden, er hat wohl mit Mühe alles aus seinem Busen vertilgt, was ehemals so schön und herrlich blühte; aber er soll nicht verlangen, dass ich seinen Erfahrungen ungeprüft glaube, oder wenn ich sie bestätigt finde, dass ich darum ein Harterziger werde und den Glauben an jeden harmonischen Klang verliere, weil alle Tangenten, die ich anschlage, auf zersprungene saiten treffen – nein, er soll in mir einen Sohn erziehen, der einst die Schuld bezahlt, die er mir zum Erbteile lässt – es tut mir weh, denn er ist mein Vater – aber glaube mir, William, ich werde manchen Armen zu trösten und mancher Waise zu erstatten haben.
Zu Dir und zu niemand anders darf ich also sprechen. – Wie beneid ich Dich Glücklichen! Du gehst Raffaels und Michelangelos Gebilden entgegen, allen grossen Erinnerungen aus der geschichte – indes ich eingekerkert hier in Bondly sitze.
8
Amalie Wilmont an ihren Bruder Karl Wilmont
London.
Ich bin gestern in London angekommen, das Gewühl der Stadt, das Geräusch der Wagen und die lärmende Munterkeit kontrastierte sehr mit der Ruhe des Landes, die ich soeben verliess. Es war traurig, wieder in die Strassen hineinzufahren, die ich so freudig verlassen hatte, mir war es, als wären es die Mauern eines grossen Gefängnisses.
Seitdem hab ich oft an Dich und an meinen schönen Aufentalt in Bondly gedacht. Die Gegend war so reizend, die kleine Gesellschaft so traulich, alle machten gleichsam nur eine Seele – und alles das im Glanze der Frühlingssonne – ach, ich bin vielleicht in sehr langer Zeit nicht wieder so glücklich.
Grüsse Lovell und danke ihm für seine freundliche Begleitung.
London kommt mir, ungeachtet der vielen Menschen, sehr einsam vor, meine Zimmer sind mir ganz fremd geworden, alles ist so eng und düster, man sieht kein Feld, keinen Baum; und wenn ich dagegen die reizenden Hügel und schönen Gebirge denke, an jene und an das mannigfaltige Leben der natur, so möchte ich gleich wieder umkehren, um dieses vielfach bewegte, aber tote Chaos wieder hinter mir zu haben.
Unsre Eltern sind wohl, sie freuten sich recht herzlich, mich wiederzusehn. –
Lieber Bruder, weiter hätt ich Dir nun nichts mehr zu sagen, ausser dass Du Lovell grüssen sollst – doch das hab ich ja schon einmal gesagt, das widerwärtige Lärmen auf den Strassen hat mich verwirrt gemacht.
9
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Warum ich Dir so lange nicht geschrieben habe? Du solltest Dich doch schon daran gewöhnt haben, dass es in dieser Sterblichkeit eine Menge von Vorfällen, Wirkungen, Handlungen, und Unterlassungen ohne Ursache gibt. – Es gibt Leute, die bei einem Allegro weinen können, oder die beim schmelzendsten Adagio einen unwiderstehlichen Beruf zum Tanzen fühlen, wer wird hier nach den Ursachen fragen? Ebenso habe ich zu gewissen zeiten Perioden von Trägheit, wo mir jede Feder zuwider ist, wo mich ein Billet, was ich schreiben soll, in Schrecken setzen kann; ich bin aber noch nie darauf gefallen, tiefsinnige philosophische Betrachtungen darüber anzustellen, ob die Seele oder der Körper daran schuld sei, von welchen Mittelideen und Kombinationen diese Sache abhängen möge.
Wir wollen also ganz davon abbrechen, erwarte keine Entschuldigungen, denn ich habe keine, ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten, denn ich weiss, Du hast es nicht übelgenommen; nur soviel will ich Dir zur Entschädigung sagen, dass diese Trägheit Zeit abgewöhnen will.
Deine Mutmassung ist übrigens nicht ganz unrichtig, dass ich, wenn Du es durchaus so nennen willst, ernstafter geworden bin. Mit Dir verliess uns der Geist unsrer lustigen Gesellschaften, und man darf nur etwas aufrichtig gegen sich selbst sein, so liegt so etwas