meinem Briefe belachst, und mir mit einer neuen, noch frechern Dityrambe antwortest. Aber wenn Du es nun deutlich bemerkt hast, wie vieles, was man wahr und gross nennt, in sich selbst zusammenfällt, wenn man den Grund des Gebäudes untersuchen will; so wage es nun auch, Dich selbst wie ein Mann anzurühren, und den Stoff Deiner eigenen Gedanken näher zu betrachten. Sei aufrichtig gegen Dich selbst, und Du findest dann vielleicht, dass Du in denselben Fehler gefallen bist, den Du so hitzig vermeiden wolltest, dass Du ein eifriger Systematiker bist, indem Du auf alle Systeme schmälst.
Hast Du wohl den wahren Gesichtspunkt, wenn Du jetzt mit so vielem Mutwillen, mit solcher verachtenden Ereiferung über Dein voriges Leben sprichst? Wir sollten doch immer daran denken, dass jede unsrer jetzigen Meinungen mit einer früheren zusammenhängen muss, dass die vorhergehende die spätere erzeugt, und dass aus unsern jetzigen Ideen wieder neue hervorgehen werden und müssen, und dass wir uns so durch unmerkliche Abstufungen endlich wieder einer längst veralteten Vorstellungsart nähern können: – alles dies sollte uns bewegen, nicht immer aus den vorigen Wohnungen unsrer Seelen Ruinen zu schlagen, um aus dem jetzigen Palaste mit lachendem Spotte auf sie hindeuten zu können. Wie den Aufentalt meiner Kindheit, wie meine alten Bilderbücher liebe ich alles, was ich einst dachte und empfand, und oft drängt sich eine Vorstellung aus den frühsten Knabenjahren auf mich ein, und belehrt mich über meine jetzigen Ideen. Der Mensch ist so stolz, sich für vollendet zu halten, wenn er sein ganzes voriges Leben für verworfen ansieht – und wie unglückselig müsste der sein, der nicht mit jedem Tage etwas Neues an sich auszubessern fände, der das schönste und interessanteste Kunstwerk gänzlich aufgeben müsste, mit dem sich die menschliche Seele nur immer beschäftigen kann: die allmählige höchstmögliche Vollendung ihrer selbst.
Was soll ich Dir sagen, William? Ich fühl es, dass alle Worte vergebens sind, wenn sich der Gegner einer eigensinnigen, rechtaberischen Sophisterei ergeben hat, die doch nur einseitig ist. Diese mit der leidenschaft verbunden, ist der Sirenengesang, dem vielleicht kein Sterblicher widerstehen kann, wenn er nicht wie der griechische Held von der Unmöglichkeit zurückgehalten wird. Und es kann sein, dass auch dann die giftigen Töne durch das ganze Leben nachklingen, dass die Seele beständig wie eine versengte Ähre, selbst im Wachstume, die Spur davon behält. – Dein Vater ist sehr krank, und ich fühle, dass ich es auch werden kann, wenn ich recht lebhaft an Dich denke; wir gewöhnen uns so leicht daran, das Unglück, das wir nicht wirklich vor uns sehen, als eine poetische Fiktion zu betrachten, dass alle Jammertöne gleichsam unbefiedert in uns anschlagen. Aber wenn ich mich dann zu Dir hinversetze, wenn mir die Bücher in die Hand fallen, die wir ehemals zusammen lasen, und ich noch einzelne Papierzeichen finde, oder angestrichne Stellen von Dir entdecke – O komm zurück, komm zurück, William! Gedenke der süssen Harmonieen, die Dich sonst umschwebten, ein frommer kindlicher Sinn wohnte Dir im Busen, Du machtest Dir das Kleinste gross, und vergassest darüber das Grosse; ach vergib, dass ich Dich damals so oft dieses zarten Kunstsinns wegen schalt, ich sehe jetzt mit Bedauern ein, dass die Seelen feinere Fühlfäden haben, die sich um Tautropfen und Lilien mit Wohlbehagen legen, als die sich an Felsen ansaugen müssen, um mit einer ungeheuren Masse ein Wesen zu werden, damit sie sich selber interessieren. Ich dachte Dich dahin zu lenken, wo ich zu stehen glaubte, und Du bist nun, wie mit zu stark gewachsenen Flügeln, unwissend über das Ziel hinausgeflogen, das ich Dir setzen wollte.
Wenn Dir jetzt Deine ehemalige Liebe so abgeschmackt erscheint, in welchem Lichte muss dann unsre Freundschaft vor Dir stehen? War sie nicht auch ein Werk jugendlicher Begeisterung, das Bedürfnis einer schönen Eingeschränkteit des Gemütes? War ich nicht etwas eifersüchtig, als ich zuerst Deine Neigung zu Amalien bemerkte? Ach Lieber, untersuche doch ums himmels willen nicht die kleinen Widersprüche, die so oft in unsern edelsten Neigungen und Gefühlen liegen. Es ist der grüne duftlose Stengel der Blume, aber beide können nur zusammen existieren. – Was ist der Mensch nach Deinen Ideen, die sich doch in sich selber widersprechen? Die nichtswürdigste Verbindung seelenloser Glieder – was gibt Dir denn nun diesen feurigen Entusiasmus für Deine Meinung, wenn Du nichts mehr, als diese verworfene Maschine bist? Und könntest Du ihn ohne jene edlere Gefühle haben; so wärst Du eben durch diese trunkene Schwärmerei das verächtlichste unter allen denkbaren Wesen.
Überlege, dass das Leben eines so reizbaren Geistes, als der Deinige ist, nur einer magischen Laterne gleicht, die an der Wand die bunten Gegenstände abspiegelt, die ihr vorgehalten werden; dass es nur Sinnenreiz ist, was aus Dir spricht, nicht die innere, durch Gefühl und Nachdenken gereifte Überzeugung. Gib mir wenigstens zu, dass dies möglich sein kann, und untersuche Dich genauer, und kehre zurück, wenn Du es so findest. – Ach es sind vielleicht nur die wiederholten Sprüche eines kalten, verschlossenen Freundes, der mich aus Deinem Herzen verdrängt hat, dessen Philosophie nichts als ein blendendes Feuerwerk sein soll, das seine Eitelkeit seinen Freunden gibt, und die Du, törichter Jüngling, aus übelverstandener anhänglichkeit in Dein Herz aufnimmst. – – Oh, vergib mir, William, es ist wahrlich nicht Härte, die aus mir spricht, nur