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nichts wissen. – Am liebsten aber begleite ich irgendeines der vorüberstreifenden Mädchen, oder besuchte eine meiner Bekanntinnen und träume mir, wenn mich ihre wollüstigen arme umfangen, ich liege und schweige an Amaliens Busen. – Nichts macht mir dann meine eingebildete, alte schwärmerische Liebe so abgeschmackt und lächerlich, als dieser vorsätzliche Betrug.

Wie seltsam wird mir oft, wenn ich einem Mädchen nachfolge, die mich in ihre finstre enge wohnung führt, wo ein Kruzifix über dem Bette hängt, und die Bilder der Madonne und von Märtyrern neben Schminktöpfen und schmutzigen Gläsern mit Schönheitswassern; oder wenn ich im Gedränge von Lazzaronis und Handarbeitern in einer Herberge hinter einer andern stehe, und mit ebenso vieler Andacht den pöbelhaften Spässen eines Pulicinello zuhöre, mit der ich ehedem den Shakespeare sah. – Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art geniesst; der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände, und färbt auch die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer. – Amalie ist auch nur einer von den wandelnden Schatten, die Zeit ergreift sie ebenso, wie mich, und wirft das abgenutzte, veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen, in die kein Auge dringt, und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung aufgehäuft übereinanderliegen.

Leben Sie wohl, und kommen Sie nach Rom, es ist endlich Zeit, kommen Sie gleich nach Empfang dieses Briefes; ein wiederkehrender Freund erregt eben die Empfindung in uns, wie dem kind der wiederkehrende Frühling.

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Willy an seinen Bruder Tomas

Rom

Jetzt muss ich fort, Tomas, ich muss nach England, oder der Gram macht, dass ich mich hier in dem fremden, fatalen land muss begraben lassen. Ach, wer hätte das wohl noch vor einem Jahre gedacht! Wer mir es gesagt hätte, den hätte ich für einen Lügner gescholten, oder ihn wohl gar geschlagen, wenn es sich sonst hätte tun lassen. Aber kein Mensch kann auf solche Sachen fallen, das ist gewiss, weil bei der ganzen geschichte der böse Feind sein Spiel haben muss, das glaube ich nunmehr gewiss und ganz festiglich. Ach Tomas, wenn man jetzt noch nach Dir schlagen und stossen wollte, Leute, die Du hast gross werden sehen, es würde mir wie kalt wasser durch die ganze Seele gehen, ja, und so muss Dir nun auch als einem redlichen Bruder zumute werden, wenn Du so was von mir hörst, da ich noch älter bin, als Du bist. – Mein Herrdenke Dir, letzt kam er ganz betrunken nach haus, wie er fast alle Tage oder Nächte tut, und ich hatte die ganze lange kalte Nacht auf ihn warten müssen; ich dachte an seinen alten kranken Vater, und Augen. Ich stellte ihm also seinen ganzen Lebenswandel vor, und dass er sich bessern und ändern solle, ich sagte ihm so alles recht aus meinem alten ehrlichen Herzen heraus, und da, Tomas, lachte er mich aus, wie ein wahrer Heide. Da wurde ich denn auch hitzig, denn ich bin auch nur ein Mensch, lieber Bruder, und jetzt schon alt und schwächlich, gebrechlich und baufällig, ich fuhr mit so etlichen gottselichen Redensarten und Kernsprüchen heraus, und dalieber Bruder, seit der Zeit ist mir, wie einem armen Sünder zumute, da schlug er mit dem kleinen Stocke nach mir, den er noch aus unserm lieben England mitgenommen hat, mit demselben Stocke, den ich ihm noch in London gekauft habe; hätt ich das wohl damals denken können!

Nun lässt es mir hier keine Ruhe mehr, ich habe viel geweint, denn ich bin einmal etwas weibisch, ich kann es immer nicht vergessen, und der junge Lovell kommt mir nun ganz anders vor; ich kann ihn nicht mehr mit derselben Liebe ansehn, ich bin so kleinmütig und so gedemütigt, als wenn ich jemand ermordet hätte, welches Gott zeit meines Lebens verhüten möge.

Und sollt ich zu Fuss nach England gehen, so muss ich jetzt fort, und sollt ich heimlich wie ein Schelm fortlaufen, so kann ich nicht hierbleiben. Ach Bruder, stirb mir ja nicht vorher, denn sonst hätt ich gar keine Freunde auf dieser Erde mehr, sondern lebe im Gegenteil recht wohl, bis Dich mündlich wiedersieht

Dein armer Bruder Willy.

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Eduard Burton an William Lovell

Bondly.

Deine Briefe, so wie der Gedanke an Dich betrüben mich seit einiger Zeit ausserordentlich. Ach William, ich möchte Dir alles schicken, was Du mir ehemals geschrieben hast, dann solltest Du Dich selbst wie in einem Gemälde betrachten, und Dich fragen: Bin ich diesem Bilde noch ähnlich? Aber ich fürchte, Du wirfst alles ungelesen ins Feuer, obgleich die Tat wahrlich ein Mord an der Liebe zu nennen wäre.

Durch Deine Abtrünnigkeit von unserm Bunde bin ich gedemütigt, ich fühle mich verstossen und enterbt, und sehe, indem ich schreibe, über die Wiese nach der mittägigen fernen Gegend, als wenn Du dort vom Hügel herunterkommen müsstest, als wenn dann die ganze ehemalige Zeit wieder da wäre. –

Sollten wir denn aber wirklich ganz voneinandergerissen sein? Ach ja, es ist, denn ich erkenne in Deinem Briefe den Lovell nicht wieder, den ich ehemals liebte. Damals war Dein Leben und Deine Art zu fühlen, wie ein sanfter Bach, den meine Wellen mit einer stillern und unmusikalischern Melodie begleitetenschrocken aus dem Wege trete.

Eine schwarze Ahndung geht mir durch die Seele, dass Du vielleicht den altväterischen lahmen Ton in