wären, um Dich aus Deiner Philosophie, oder Überzeugung oder Stimmung (nenn es wie Du willst) herauszuwerfen. Die meisten Menschen gehören gern zu irgendeiner Schule, alle Vorzüge und Vortrefflichkeiten ihrer Vorgänger ziehen sie dann stillschweigend auf sich, weil sie den Namen ihrer Anhänger tragen: sie haben es gern, wenn sie alle Meinungen und Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben, dass sie in vorkommenden Fällen nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen dürfen, um nicht im Zweifel zu bleiben, daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren Überzeugungen herauszuschrecken.
Bei Lovell magst Du übrigens im ganzen recht haben, aber er ist auch unter den Menschen einer von denen, die ich die Scheidemünze nennen möchte. Er gehört nicht zu den freien Geistern, die jede Einschränkung der Seele verachten, er verachtet nur die, die ihm grade unbequem ist, und seine Verachtung ist dann Hass. Er findet sich und alles was er denkt, viel zu wichtig, als dass es nicht sehr leicht sein sollte, auch seine innersten Gedanken von ihrem Trone zu stossen. Wenn er die Menschen aber wie vorübergehende Bilder, und ihre Gesinnungen, wie das zufällige Kolorit ansähe, dann sollte es Dir gewiss unmöglich werden, irgend etwas auf ihn zu wirken.
Jeder Mensch ist im grund gescheiter wie der andere, nur will dies keiner von ihnen glauben. Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so entsteht die seltsame Maschinerie, die wir das menschliche Leben nennen. Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn: alles eine blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle, deren Gesause in der Ferne wie artikulierte Töne klingt. Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus dem wahren Standpunkte zu betrachten, weil er selbst irgendwo als umgetriebenes und treibendes Rad steckt.
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Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Liebe Freundin, wenn ich doch bei Ihnen wäre, oder Sie bei mir sein könnten! Das ist die wiederholte Klage in allen meinen Briefen; ich sehne mich, wenn ich allein bin, mit einem unbeschreiblichen Gefühle nach Ihrem Garten hin, ich gehe in Gedanken durch alle Gänge spazieren, und höre Ihr angenehmes und unterrichtendes Gespräch. Ach, in Ihrer Gesellschaft würde ich gewiss fröhlicher sein, denn Sie würden mir zeigen, wie ungereimt mein Schmerz ist, es würde mir manches gleichgültiger werden, was mir jetzt so ausserordentlich wichtig vorkömmt. An Ihrer Seite habe ich im vorigen Jahre so viel gelernt; ich würde gewiss ruhig werden, und Sie würden viele meiner Zweifel auflösen, die mich jetzt ängstigen.
Lovell hat mich vergessen, ich muss es mit jedem Tage mehr glauben, und alle Nachrichten von ihm bestätigen es. Und es ist auch recht gut, dass ich nicht eine Ursache mehr werde, seinem kranken Vater Kummer zu machen. Er kommt mir jetzt nur vor, wie ein Bild aus einem Traume der Kindheit, schön und
Mortimer spricht oft über alle diese Gegenstände sehr klug, und überredet mich manchmal auf ganze Tage; nur sagt er denn zuweilen wieder etwas, das meiner Seele ganz fremd und zuwider ist. In den recht verständigen Menschen liegt zuweilen eine zurückstossende Kälte. Man schämt sich oft etwas zu sagen, was man für wahr hält, weil man nicht gleich die passendsten Worte dazu findet. Ich glaube, dass Mortimer mir nur in manchen Sachen recht gibt, um mir nicht zu widersprechen, weil er mich für zu einfältig hält, ihn ganz zu verstehen. Sein Herz ist nicht warm genug, er hat zu sehr die Welt und die Menschen kennengelernet. Und doch fühl ich mich ihm zuweilen so geneigt, dass ich meine, ich habe ihm mit diesem Gedanken das grösste Unrecht getan. Wenn mir nur nicht immer wieder so manches von meinen vorigen Empfindungen zurückkäme! dann ist mir, wie wenn man von grossen Schätzen träumt, und plötzlich in der stillen dürftigen Nacht aufwacht: man sucht mit den Händen nach den Perlen und Diamanten, und stösst sich an der harten Wand.
Bin ich nicht töricht? Was sagen Sie dazu, liebe, nachsichtige Freundin? Ich bin ein Kind, nicht wahr, das ist Ihre ganze Meinung? –
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder Stillstand fort. Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung, und alles vor meinen Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann über das Leben am richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fähig ist. – Mein Blut fliesst unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer.
Mit der ersten gelegenheit denke ich meinen Willy nach England zurückzuschicken; mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten Überklugheit fällt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein, und es möchte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergässe. Als ich neulich spät in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem fröhlichsten Rausche nach haus kam, hielt er mir eine patetische Rede, und verdarb soll geschehn. –
Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu geniessen, und jetzt sind Sie zurückgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in Ihrer Gesellschaft geniesse, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben bei unsrer Signora Bianca gewesen,