1795_Tieck_095_65.txt

zu sehen, wie jeder nach den Fäden greifen will, an denen er regiert wird; ich halte es nicht für unmöglich, sie alle durchzuschneiden, so dass dann der Mensch frei und ungehindert seinen Weg fortgeht. Ew. Wohledlen sind mir auch noch den letzten meiner Briefe schuldig, den Sie mir nach unserm Übereinkommen sogleich hätten zurückschicken sollen. Sie verzeihen, dass ich Sie an diese Zerstreuung erinnert habe, ebenso, dass ich Ihnen mit einem so weitläuftigen Briefe zur Last gefallen bin. Die Zeit eines jeden Geschäftsmannes ist edel und fast unbezahlbar; ich bitte um Vergebung, wenn ich Ihre bessere Gedanken mit meinen schlechten unterbrochen habe; sollte ich aber so glücklich gewesen sein, Ihren Eifer von neuem zur Beschleunigung des Prozesses etwas anzufeuren, so haben wir beide bei diesem kleinen Stillstande gewonnen, und in dieser Hoffnung bin ich

Ihr gönner und Freund Burton.

11

Rosa an Andrea Cosimo

Rom.

Deine Meinung ist auch vollkommen die meinige. Ich finde es so wahr, was Du in Deinem neulichen Briefe sagst, es ist so schwer und wieder so leicht, die Seelen der Menschen zu beherrschen, wenn man nur etwas die Fähigkeit besitzt, sich in die Gesinnungen anderer zu versetzen, ihre Verschiedenheiten zu bemerken, und dann Fassung und Gleichmütigkeit genug zu behalten, um in keinem Augenblicke ihnen sein eigenes Selbst darzustellen. So wie die Sprache nur in konventionellen Zeichen besteht, und jedermann doch mit dem andern spricht, ob er gleich recht gut weiss, dass jener durch seine Worte vielleicht keinen Begriff so bekömmt, wie er es wünscht: ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein. Ich spreche mit dem Franzosen französisch und mit dem Italiener seine Muttersprache; ebenso rede ich mit jedermann nur die Meinungen, die er versteht, das heisst, die ich ihm zutraue; ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrängen, sondern ich locke seine Seele allgemach über seine Lippen, und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt uns so fest und hell, um sie fremden Gemütern aufzudrängen? Und wenn es der Fall sein könnte, wo finde ich Brücken, um sie nach fremden Ufern hinüberzuschlagen?

So ging ich lange Zeit mit Lovell um, ich sprach mich ganz in ihn hinüber, und er erstaunte nicht wenig über die Sympatie unsrer Seelen, und traute mir nun jeden seiner flüchtigsten Gedanken, jede seiner seltsamen Empfindungen zu. Diejenigen, die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte, hielt er bald von selbst für unreif und töricht, dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir auf, und dachte lange über den darin liegenden Sinn. In kurzer Zeit täuschte er sich selbst so, dass er unsre Seelen für verschwistert hielt, nur dass ihm die meinige einige Jahre voraus sei.

Nichts ist dem Menschen so natürlich, als Nachahmungssucht. Lovell ward in einigen Monaten eine blosse Kopie nach mir. Jeder Ausspruch, jedes Wort, das wir für klug nehmen, rückt an der Form unsrer Seele. Er verachtet jetzt tief alle Meinungen, die seinen jetzigen widersprechen.

Die Eitelkeit ist gewiss das Seil, an welchem die Menschen am leichtesten zu regieren sind; sobald man es nur dahin bringen kann, dass sie sich ihrer gestrigen Empfindung schämen, handeln sie morgen gewiss anders; ein Freund oder Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben, was er für gross hält, und morgen suchen sie sich ihm in dieser Grösse unvermerkt zu präsentieren. Die Sucht, sich auszubilden, ist im grund nur die Sucht zu gefallen, und zuerst denen, die uns umgeben; so formt sich der Mensch wider seinen Willen, und steht am Ende seiner Wanderschaft schwer behangen mit einem Trödelkram erlogner Meinungen und Gefühle.

Ich habe Dir meine Auslegung über Deine Ideen zu geben gesucht, und überreiche Dir errötend meine Übung; eine Verbesserung von Dir wird mehr wert sein, als mein ganzer Brief; nur lass mich es wissen, wo ich Dich vielleicht missverstanden habe.

12

Andrea Cosimo an Rosa

Neapel.

Dein Brief hat mir gefallen, weiter kann ich Dir nichts sagen. Nicht eben deswegen, weil ich so ganz Deiner Meinung beiträte, oder weil ich glaubte, dass Du alles, was ich Dir neulich schrieb, ganz so, wie ich es wünschte, gefasst habest, sondern weil ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde. O ihr Menschenkenner! die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht, und dann mit euren armseligen fünf Spezien hineinaddiert und dividiert! Ihr wollt einen Aufriss von einem Gebäude machen, das ihr nicht kennt. Ich habe von je die freche Hand bewundert, die mit dem Rätselhaftesten und Unbegreiflichsten gewöhnlich so umgeht, wie ein Bildhauer mit seinem Marmor; er wird geschlagen und geschliffen, als wenn alle die heruntergerissenen Stücke nun wirklich von dem Wesen getrennt wären, und am Ende ein Bild daraus entstünde, wie man es zu seinem Wohlgefallen, oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte. Wenn nun plötzlich eine lange zurückgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zurückschiesst? O biete denn künste auf, suche die Schleuse, die ihn wieder zurückdrängt! – Dankt Gott, dass der Mensch die Konsequenz nicht hat, auf die ihr eure Berechnungen gründet, denn dadurch allein trifft er oft zufälligerweise mit euern Exempeln zusammen.

Du sprichst über die Eitelkeit gut und richtig, weil Du über Dich selbst sprichst. Es ist gar nicht nötig, dass die Menschen aufrichtig sind, man findet ihre Meinung doch unter dem Wust von Lügen heraus. Aber glaube mir, dass bei Dir nur ein paar Zufälle nötig