niemand weiss wohin. Dass so viele von den Leuten, die ich gekannt habe, schon begraben sind! dass sich schon so manche dem Verderben in die arme geworfen haben! Was ist es überhaupt für ein armseliges Ding um das, was man gewöhnlich Ausbildung nennt. In den meisten Fällen ist es nur Veränderung. Wie weise habe ich mich so oft in meinem zwanzigsten Jahre gefühlt, dass ich mich über manche Narrheiten des Menschengeschlechts erhaben fühlte: und jetzt rücken mir manche der Torheiten so nahe, dass sie sich, wenn das Verhältnis so fortschreitet, bald mit meinem innersten Selbst vereinigen werden. Du wirst bemerken, dass ich hier vorzüglich von meiner Liebe zu Amalien spreche. Eine Liebe, die sie einst beglückte. Er hat sie vergessen, und fühlt sich grösser; ich habe meine Unempfindlichkeit abgelegt, und fühle mich edler. Sie ist mir weit ergebener als ehemals, aber es tut mir sehr leid, dass sie für meinen Verstand achtung, eine viel zu übertriebene achtung empfindet. Alle Gefühle, die ich ihr zeige, hält sie nur für Spiele meines Witzes, und sie behält sich daher beständig in ihrer Gewalt. Auch sie hat den leichtsinnigen William etwas mehr vergessen; nur sehe ich, wie zuweilen die alten Erinnerungen in ihrer Seele wieder aufwachen, und sie dann meinen Umgang plötzlich fade und abgeschmackt findet.
Die Seelen sind viel wert, die sich noch nicht ganz der Mode und der sogenannten Lebensart zum Opfer gebracht haben. Sie sind sehr selten, und man sollte sie darum köstlich achten.
Grüsse Eduard Burton, und komme bald nach London.
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Der Baron Burton an den Advokaten Jackson
Bondly.
Ich bin Ew. Wohledlen für die Nachrichten, die mir Dieselben durch den jungen Fenton haben zukommen lassen, ausserordentlich verbunden. Ich freue mich sehr über den Eifer und über die Tätigkeit, womit Sie unaufhörlich zu meinem Besten beschäftigt sind; ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung meiner ewigen unveränderlichen Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, dass Ihre Bemühungen nun bald sichtbarere Folgen haben werden, die bis jetzt ein ungünstiger Zufall immer noch zurückgehalten hat. Eilen Sie aber, damit meine Hoffnungen nicht immer nur Hoffnungen bleiben, damit ich endlich aufhöre, mit jedem Tage wieder meinen Genuss auf viele Tage aufzuschieben. Ich bin alt, und nicht mehr so für Hoffnungen gemacht, wie der jüngere Mann; die Unentschiedenheit ängstigt mich, und je gewisser ich meiner Sache zu sein glaube, um so mehr Einwürfe und Zweifel fallen mir wieder ein: alles dies beschäftigt meine Seele zu sehr, und macht sie unruhig. Das Alter kann diese Wogen nicht so leicht in Ruhe legen, als der Jüngling. Vor und zugleich unterhalten haben; aber jetzt kann ich nur in dem entscheidenden Moment einen freudigen Moment erblicken. Sie sehen, wie fest ich darauf vertraue, dass sich alles zu meinem Vorteile entscheiden wird, aber Sie sehen auch zugleich, wie nötig es ist, dass Sie meinen Besorgnissen so früh als möglich ein Ziel setzen. Denn ich finde es sehr natürlich und billig, dass Sie in Ihrer Lage durch Aufschub und Verlängerung meine Dankbarkeit verlängern und meine Verbindlichkeit vermehren wollen. Sie glauben, dass ich jetzt in einer gewissen Abhängigkeit von Ihnen existiere, bei der Sie unvermerkt einen teil meiner Schwächen nach dem andern für sich erobern können. Ich finde an dieser Klugheit nichts zu tadeln, sondern sie ist lobenswürdig, und der ist ein Tor, der in dem verworrenen Wechsel des Lebens nicht die wiederkehrende Flut geschickt benutzt, um sein Fahrzeug flottzumachen. Sie sehen, wie sehr ich Ihren Verstand schätze; nur muss ich Ihnen sagen, dass Ihre Klugheit bei mir unnütz ist, der ich mich Ihnen ausserordentlich verbunden erkenne, wenn der Prozess auch morgen geendigt ist, und der ich Sie grade ebenso belohnen würde, als wenn das Endurteil noch einige Jahre hindurch von einem Tage zum andern aufgeschoben würde. Sie können auf die Art alle Interessen, die Sie gewinnen wollen, auf eine weit schnellere und entschiedenere Art zusammenziehn, als wenn Sie auf ein langweiliges Sparen ausgingen, das am Ende denn doch ungewiss sein dürfte. Für Ihre Sorgfalt mir den jungen Fenton zu schicken, muss ich Ihnen Dank sagen; nur gestehe ich Ihnen zugleich, dass ich die notwendigkeit dieser Abgesandtschaft nicht eingesehen habe. Durften Sie alle diese nicht ausserordentlich bedeutenden Nachrichten keiner Post vertrauen? In diesem Falle treiben Sie die Besorglichkeit zu weit, und kein Mann handelt gut und richtig, wenn er ängstlich handelt. Sie dürfen also nur künftig dreister verfahren, und nicht einen Mitwisser unsers Geheimnisses erschaffen, der uns beiden auf jeden Fall zur Last fällt. Wenigstens kommt es meinem verstand so vor, und ich denke, auch Sie werden mir darin vollkommen recht geben, denn jeder andre, als ich, würde dadurch in Ihrer Hand stehen, und einem so billigen mann, wie Sie, muss es weh tun, wenn man auch nur auf einen Augenblick einen solchen Gedanken von ihm hegen könnte. Ich würde mich aber auf keinen Fall abhalten lassen, so zu handeln, wie ich mir zu handeln vorgesetzt habe. Ich habe schon oft mit meinen Freunden über den Satz gestritten, dass es so gut wie unmöglich sei, einem mann, dem seine Plane ernst sind, das Kleinste oder das Grösste in den Weg zu legen, das er nicht wieder fortschaffen, oder selbst zu seinem Vorteile brauchen könnte. Ich habe schon manchen meiner Verfolger mit seinen eigenen Waffen geschlagen; denn nichts ist dem mann von Kopf unerträglicher, als