wo die Tage so lang und der Stunden so viel sind, und man dann noch nach einem Monate überrascht ausruft: "Mein Gott, wie flüchtig ist die Zeit! Wo sind denn diese vier Wochen geblieben?"
Oft ärgerte ich mich, dass ich noch in Schottland war, und machte doch nicht die kleinsten Anstalten zur Abreise; ich führte mit meinen Verwandten das elendeste und platteste Leben von der Welt; ein Viehverkäufer geniesst es auf eine gesundere Art; ja ein Mensch, der mit einem armseligen Schattenspiel von einem dorf zum andern wandert und in jedem seine elenden Spässe wiederholt, beschäftigt sich geistreicher, als ich in dieser ganzen unermesslich langen Zeit getan habe. Mein Blut war so träge und phlegmatisch, dass ich manchmal meine Finger gegen die Tischecke schlug, um mir nur Schmerz zu machen, mich zu ärgern und zu erhitzen, denn nichts ist widriger, als wenn in der Sanduhr unsers Körpers so recht gemach ein Tropfen nach dem andern langsam und zögernd unser Leben abmisst, je mehr die Ströme des Bluts durcheinanderrauschen, und freilich die Maschine etwas mehr abnutzen, um so heller und deutlicher lebt der Mensch – Ich wünschte oft in Glasgow mit sehnsucht, dass ein Gezänk oder Schlägerei auf der Gasse vorfallen möchte, damit ich nur etwas hätte, wofür ich mich interessieren könnte; es ward mir am Ende wichtig, wenn der dicke Mann im benachbarten haus einen andern Rock als gewöhnlich trug. Ich schäme mich noch jetzt dieses Lebens, so qualvoll und langsam, so schleichend und doch so ohne Ruhe, wie eine Schnecke leben muss, die bei ihren Wanderungen ihr Schalenhaus verloren hat, und es im heissen Sonnenschein wieder sucht.
Endlich dachte ich an Dich und an London, an die Zerstreuungen dort, an alle die philosophischen gespräche, die wir miteinander führen könnten: ich unterdrückte es gewaltsam, wenn mir auch diese Aussicht manchmal langweilig vorkommen wollte. Ich entschloss mich kurz, nahm von allen meinen Freunden und Bekannten zärtlichen Abschied, setzte mich zu Pferde, und ritt mit frischem Leben erfüllt davon.
Mein Herz schlug immer gewaltiger, je mehr Meilen ich auf englischem Boden zurücklegte. Ei! dachte ich, ein paar Tage mehr oder weniger! und beschloss dicht vor Bondly vorüberzureiten, aber ja niemand da zu besuchen; es könne doch von ungefähr sein, dass ich Emilien durch das Gartentor erblickte. Ich machte gar keinen Plan, wie ich mich nehmen würde, wenn dies der Fall sein sollte, denn ich handle sehr gern aus dem Stegreif, und habe mich von jeher besser dabei befunden; denn meine dümmsten Streiche waren immer die, die aus einem weitläuftigen, recht vernünftigen Plan entstanden.
Ich ritt so in Gedanken vertieft hin und näherte mich dem Landhause Burtons früher als ich geglaubt hatte. Ein junger Mensch zu Fuss fragt mich plötzlich, wo der Weg nach Bondly gehe, er sei bis zur nächsten Stadt gefahren und habe sich nun verirrt. Ich führte ihn auf den Weg und ritt gedankenvoll neben ihm hin. Warum sollt ich nicht den jungen Burton auf einen halben Tag besuchen dürfen? sagt ich zu mir selbst. Am Ende sieht mich selbst der Vater gern. Und könnte mich nicht jemand von ungefähr durch das Dorf reiten sehen, Emilie es erfahren und für die grösste Gleichgültigkeit auslegen? – Ich könnte überdies zum Alten sagen, dass ich deswegen einen kleinen Umweg genommen hätte, um den Boten, der ihn sprechen wollte, gewiss und sicher nach Bondly zu bringen. – Ach ich hatte noch hundert andre Vorstellungen, tausend Stimmen in mir, die alle laut riefen: ich solle und müsse im schloss absteigen! – Ich gehorchte, denn was tut man nicht alles, um nur eines solchen Lärmens loszuwerden?
Ich sprach den jungen Burton, den Vater und Emilien. – Sie ist doch sehr schön, und so gut, so liebenswürdig! Ist es hier Sünde, wenn man wünscht? – Alle Federn meines Wesens haben neue Spannkraft erhalten, ich denke mit Schrecken an meinen Aufentalt in Schottland. Hier lebe ich doch, noch hab ich nicht ein einzigmal gegähnt; die Stunden verfliegen mir wie Minuten, und ich erobre ein Lächeln, einen freundlichen blick nach dem andern von Emilien! – Eduard hat mir seltsame Sachen von Lovell erzählt, er muss sich sehr geändert haben; indes ich gebe auf diese Änderungen nicht viel; je mehr er auf der andern Seite übertreibt, um so eher kann er zu seiner vorigen Torheit zurückkommen. Und ist er denn überhaupt ein Tor gewesen? Damals glaubt ich es; jetzt glaube ich, dass ich ihn verkannt habe.
Emilie scheint sehr auf sich achtzugeben; ich kann manchmal nicht klug daraus werden, ob diese Kälte und Zurückgezogenheit erzwungen oder natürlich ist.
Schreibe mir ja, denn sonst habe ich noch einen Vorwand länger hierzubleiben, als ich sollte, weil ich dann noch auf Deinen Brief warten würde. – Eduard lässt Dich grüssen; er ist ein vortrefflicher, herzensguter Mensch, und der Vater ist wieder ganz freundlich gegen mich, aber dann wieder plötzlich fremde, abwechselnd wie Herbstwetter; ich habe schon diese Gesichter bei mehreren reichen Leuten gefunden, sie setzen mich leicht in Verlegenheit. – Lebe wohl und antworte bald.
9
Mortimer an Karl Wilmont
London.
Wenn Du noch nicht bald des seltsamen Herumtreibens überdrüssig bist, so weiss ich nicht, was ich von Dir denken soll. Manches stimmt mich melancholisch; der alte Melun ist in Paris an einer Auszehrung gestorben, die Comtesse mit ihrem Liebhaber entlaufen,