aus den schwarzen Gewändern hervor, um kein Geräusch zu machen, und nickten gegenseitig mit den Schädeln. Ich kannte sie alle, aber ich weiss nicht woran. Als ich meinen Vater bemerkte und daran dachte, wie vielen Kummer, wie vielen Verdruss ich ihm gemacht hätte, musste ich weinen, dass er jetzt so abgehärmt und jämmerlich aussah, und verschämt das nackte Gerippe mehr verdeckte als die andern. Sie hörten mich schluchzen und gingen still, wie mit bösem Gewissen zur Tür hinaus, aber doch so langsam und gesetzt, dass sie glauben mussten, ich hätte sie nicht bemerkt. – Wenn wir ohne Schauder unter unsern Möbeln sitzen, warum wollen wir uns denn vor Totengerippen fürchten? Aus den Knochen der Tiere arbeiten sich die Menschen Putz heraus, und entsetzen sich vor den näher verwandten Gebeinen.
Ich durchstrich noch in derselben Mitternacht das tote Gefilde, und rief alle Gespenster herbei und gab ihnen Gewalt über mich. Ich rief es in alle Winde, aber ich ward nicht gehört. – Die Glocken schlugen aus der Ferne, und sprachen so langsam und feierlich wie betende Priester; Wälder und Winde sangen Grabgesang, und prophezeiten allem, was da lebt, den unausbleiblichen Tod, aber alle Geschöpfe schliefen fest und hörten nichts davon, der Mond sah weinend in die verschleierte Welt hinein; – es gibt nichts mehr, das mich entsetzt; und das macht mich betrübt. Der menschliche Geist kann alle Ideen sehr schnell erschöpfen, weil er nur wenige fassen kann. Er hat wie ein Monochord nur sehr wenige Töne.
Lebe wohl, wenn es in dieser Welt möglich ist; sei recht glücklich, mag ich nicht hinzufügen, weil es kein Glück gibt, als zu sterben, und ich weiss, dass Du den Tod fürchtest. – Ich habe schon oft heimliche Verwünschungen ausgestossen und grässliche Sprüche versucht, um die Gegenstände um mich her in andre zu verwandeln. Aber noch hat sich mir kein Geheimnis entüllt, noch hat die natur nicht meinen Bezauberungen geantwortet: es ist grässlich, nichts mehr zu lernen, und keine neue Erfahrung zu machen, ich muss fort – in die Wildnisse der Apenninen und Pyrenäen hinein – oder einen noch kürzern Weg in das kalte würmervolle Grab.
6
William Lovell an Rosa
Rom.
Die kleinen Bitterkeiten in Ihrem Briefe habe ich recht gut verstanden, und ich gebe zu, dass Sie im ganzen recht haben mögen. Der Scherz eines Freundes kann auf keine Weise beleidigen.
Balder hat mitten in den Ausbrüchen seines Wahnsinns einen Brief an mich geschrieben, in dem mir manche Ideen dunkel sind; er ist entweder seiner Heilung nahe, oder gefährlicher krank als je. Was ich in seinem Briefe verstanden habe, hat mich betrübt. Lassen Sie doch ja etwas Acht auf ihn geben, er scheint die idee zu haben, sich von Neapel zu entfernen. Er gewinnt freilich wenig, wenn man ihm das Leben erhält, aber es sollte mir leid um ihn tun, wenn er ganz zugrunde ginge. –
7
Rosa an William Lovell
Neapel.
Balder ist fort, niemand weiss wohin. Ob er entflohen ist, ob er sich ermordet hat, alles ist ungewiss. – Er ist in den letzten Tagen zuweilen bis auf die höchste Stufe der Raserei gekommen; in einer Gesellschaft von Fremden hat er neulich alle mit den verächtlichsten Reden beschimpft, geschmäht und endlich bewusstlos mit dem Messer nach ihnen gestochen. – Er ist zu beklagen, sein Tod wäre Gewinn für ihn. – Grüssen Sie Bianca und Ihre übrigen schönen Freundinnen von mir, nur keine von den spröden Tugendhaften, die uns so oft zur Last gefallen sind. Leben Sie recht wohl, und suchen Sie den Unglücklichen zu vergessen.
8
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Du wunderst Dich gewiss über diesen Brief, besonders wenn Du bemerkst, von wo er datiert ist. Wundre ich mich doch selbst darüber, ich kann es Dir also nicht übelnehmen. Du hast mich nun gewiss spätestens in diesen Tagen in London vermutet; auch ich selbst war fest überzeugt, dass ich morgen dort sein würde, und nun sitz ich plötzlich hier auf Burtons Gut und fange einen Brief an Dich an, der eine Entschuldigung, Erzählung, wie es gekommen, und das Versprechen, dass Du mich nun ehestens sehen wirst, entalten soll.
Die Entschuldigung, Mortimer, magst Du mir erlassen. – In Glasgow sass ich wochenlang in dem haus eines alten Onkels, ohne zu wissen, wie ich die Zeit hinbringen sollte. – Wie wir uns verändert haben! Ich dachte unaufhörlich an Emilien und an die Zukunft. Man wollte mich gern lustig haben, aber ich hatte alle Elektrizität verloren, und war dumm und gefühllos; selbst der Wein konnte nur auf einzelne Minuten meine frohe Laune zurückbringen.
Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle, denn bis Schmerzen des Körpers und der Seele beschäftigen doch den Geist, der Unglückliche bringt doch die Zeit mit Klagen hinweg, und unter dem Gewühl stürmender Ideen verfliegen die Stunden schnell und unbemerkt: aber so wie ich dasitzen und die Nägel betrachten, im Zimmer auf und nieder gehen, um sich wieder hinzusetzen, die Augenbraunen reiben, um sich auf irgend etwas zu besinnen, man weiss selbst nicht worauf; dann wieder einmal aus dem Fenster zu sehen, um sich nachher zur Abwechselung aufs Sofa werfen zu können – ach, Mortimer, nenne mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme, der nach und nach die Zeit verzehrt, und wo man Minute vor Minute misst,