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, du nichtswürdigster teil des Menschen! – Tiere und Bäume sind in ihrer Unschuld verehrungswürdiger, als die verächtliche Sammlung von Staub, die wir Mensch nennen!"

Ich kann mich nicht erinnern, was ich ungefähr weiter gesagt haben mag; aber ich verachtete sie so tief, dass ich sie mit den Füssen hätte zertreten können, dass ich es für eine Wohltat an ihnen selbst hielt, sie zu vernichten. – Als ich zum gewöhnlichen Leben zurückkehrte, fand ich mich von ihren Armen festgehalten, man hatte meine Wut gefürchtet, und man schaffte den überlästigen Redner nach haus.

Könnt ich nur Worte finden, um die Verachtung zu bezeichnen, in der mir alles erscheint, was Mensch heisst! – mein Arzt ist sehr für meine Gesundheit besorgt, weil es sein Gewerbe mit sich bringt. Wenn ich nicht gern vom Wetter mit ihm spreche, findet er meine Umstände bedenklicher, will es mich aber nie merken lassen, dass er mich für wahnsinnig erklärt. Er gibt mir viele kühlende Mittel und behandelt mich wie eine tote Maschine, ob er mir gleich selber so erscheint. Er schüttelt zu allen meinen verwirrten Gedanken den Kopf, weil er sie nicht in seinen Büchern gefunden hat, und im grund bin ich wahnsinnig, weil ich nicht dumm und phlegmatisch bin. Dass Gewohnheit und Dummheit die Menschen so wie ein dicker Nebel umgeben kann, aus dem sie nie herauszuschreiten vermögen! Lag es nicht von Jugend auf wie eine Gewitterwolke in mir, die ich mir selbst mit Armseligkeiten verdeckte, und mir log, ich sei froh? Kündigte sich nicht oft der innerste dunkle Genius durch einen Ton an, dem ich eigensinnig mein Ohr verstopfte? – Ich verstelle mich nicht mehr und bin wahnsinnig! – Wie vernünftig die Menschen doch sind!

O ich muss fort, fort, ich will in wilden Wäldern die Seelen suchen, die mich mehr verstehn, ich will Kinder erziehn, die mit mir sympatisieren: es ist nur nicht Mode so zu denken, wie ich, weil es nicht einträglich ist.

Ich spiele mit den Menschen, die zu mir kommen, wie mit bunten Bildern. Ich gab mir neulich die Mühe, mich zu dem dummen Geschwätze meines Arztes herunterzulassen; wir sprachen über Stadtneuigkeiten, über Anekdoten, die er ungemein lächerlich fand; ich lieh ihm meine Zunge zum Dreinklingen und er fand, dass ich mich ungemein bessere. Mit Selbstzufriedenheit verliess er mich, und ich konnte es nicht unterlassen, ihm nach unsrer feierlichen Unterhaltung ein so lautes Gelächter nachzuschicken, dass er sich erblassend umsah, und wieder alle Hoffnung verloren gab.

Ich habe ehedem einen Menschen gekannt, der taub, stumm und blind war. Keine Seele schien sich in ihm zu offenbaren, und er war vielleicht der Weiseste unter den Sterblichen.

Rosa hält sich für sehr klug, und sieht mich immer mit Mitleid an, und ich möchte nicht er sein; ein Narr, den jeder blick eines Mädchens entzückt, der immer, wenn er spricht, Epigramme drechselt und seine Worte nur für ein dankbares Lächeln verkauft; dessen Lebenslauf kleine Zirkel sind, die er unaufhörlich von neuem durchläuft. Wenn er stirbt, wird ihm die Scham gewiss am meisten weh tun, dass er ordentlich verwesen muss.

Ich wohne jetzt in einem Garten vor dem Tore. Wie auf der See treiben meine Gedanken ungestüm hin und wider, ich fürchte mich vor dem blauen gewölbten Himmel über mir, der dort gebogen wie ein Schild über der Erde steht, unter welchem wir Gewürme wie gefangene Mücken sumsen, und nichts sehen und nichts kennen und fühlen. – Ich mag auch gar nichts mehr denken und ersinnen. – Es geht ein Sturm durch die Wölbung und die fernen Wälder zittern rauschend, die See fürchtet sich und murmelt leise und verdrossen, es donnert fernab im Himmel, als wenn ein Gewitter zurechtgelegt wird, und der Werkmeister unachtsam den Donner zu früh aus der Hand fallen lässt. – –

Ich schreibe beim heftigsten Gewitter. – Es braust mit Hagel und Regengüssen und der Sturmwind und Donner stimmen sich, und einer singt dem andern den tobenden Wechselgesang nach. Wie fliehende Heere jagen Wolken Wolken, und die Sonne flimmert bleich auf fernen Inseln, die ganz weit weg wie goldene Kinderjahre in der Sturmfinsternis dastehen; das Meer schlägt hohe Wogen und donnert in seinem eigentümlichen Ton. – Ich lache und wünsche das Wetter immer lauter und lauter, und schreie dazwischen und schelte den Donner furchtsam: – brause du und stürme wirbelnd, und reisse die Erde und ihre Gebilde zusammen, damit ein andres Geschlecht aus ihren Ruinen hervorgehe!! –

Die Alltäglichkeit kommt wieder, und das Wetter fliegt weiter. Wie eine reisende Komödiantentruppe spielen die Wolken in einer andern Gegend nun dasselbe Schauspiel; dort zittern andre Menschen jetzt, wie vor kurzem hier viele bebtenund alles verfliegt und verschwindet und kehrt wieder, ohne Absicht und Zusammenhang

Ich fürchte mich des Nachts nicht mehr. – Als ich neulich allein um Mitternacht in meinem Zimmer stand und aus dem Fenster den Zug der trüben Wolken sah, und mir alles wie Menschengedanken und Empfindungen am Himmel dahinzog, als ich sichtbarlich in Dunstgestalt manche Erinnerung vor mir fliegen sahund ich zu ruhen und zu sterben wünschteda drehte ich mich plötzlich leise um, wie wenn mich ein Wind anders stellte. Und alle meine Vorfahren sassen still und in Mänteln eingehüllt an meinem Tische, sie bemerkten mich nicht und assen mit den nackten Gebissen von den speisen, heimlich reckten sie die dürren Totenarme