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Hier muss er dann anfangen, sein Glück zu gründen; Liebe, Freundschaft und Wohlwollen wandeln in dieser schönen Gegend, und warten nur darauf, dass er ihre Hand ergreife, um ihn zu begleiten. Wenn nun der Mensch hindurchgeht und nicht auf den Gesang der Vögel horcht, die ihn anrufen, dass er hier verweilen sollewenn er wie ein nüchterner Träumer einen öden Pfad sucht, und der Quelle vorübergehtwenn ihm Liebe und Freundschaft, alle zarten Empfindungen vergebens nachwinken, und er lieber nach dem Gekrächze des heisern Raben hinhorchtach, so verliert er sich endlich in Wüsten von Sand, in verdorrte Gegenden des Waldes; alles hinter ihm ist zugefallen, und er kann den Rückweg nicht entdecken; er erwacht endlich, und fühlt die Einsamkeit um sich her. – –

Lieber Rosa, was sagen Sie zu diesem Briefe und zu Ihrem Freunde? – so weit hatte ich geschrieben, als ich unwillig die Feder niederwarf, und im roten Abendschein durch die Strassen ging. Bald floss mein Blut schneller durch meine Adern, als mir so manche von den bekannten Gesichtern begegneten, als ich unsre Donna Bianca an ihrem Fenster sah. Die Einsamkeit, die engen Wände sind es, die uns verdrüsslich und melancholisch machen; mit der freieren Luft atmet der Mensch eine freiere Seele ein, und fühlt sich wie der Adler, der sich mit regerem Flügelschlag über die finstern Wolken hinaushebt. – Ich komme jetzt eben von der schönen Bianca zurück, und mein Brief ist mir unverständlich. Ich bin oft darauf gefallen, dass man nur immer suchen sollte, recht viele Menschen und ihre Gemütsart und Ansicht der Dinge kennenzulernen, wir verlieren uns sonst gar zu leicht in klägliche Träumereien: aber jedes neue Gesicht und jedes fremde Wort eröffnet uns die Augen über unsre Irrtümer. Ich kann oft einem einfältigen Menschen wie einem Orakel zuhören, weil er mich durch seine Reden in einen ganz neuen Gesichtspunkt stellt, weil ich mich so in ihn hineindenken kann, und dabei zugleich meine eigene Gemütsstimmung vergleiche, dass ich selbst in seinem einfältigsten Geschwätz einen tiefen gedankenreichen Sinn entdecke. Bei Weibern vorzüglich habe ich aus jedem gesprochenen Worte, selbst aus dem unbedeutendsten, etwas gelernt.

Bianca lässt grüssen; sie ist ein liebenswürdiges geschöpf. Wir sprachen heute lange darüber, wie ich sie zuerst durch Sie hätte kennen lernen; ich finde sie jetzt noch schöner als damals, ihr grosses feuriges Auge hat einen Strahl in seiner Gewalt, der bis ins Innerste des Herzens dringt, sie hat alle meine Sinne in Aufruhr gesetzt, und ich habe sie verlassen, auf die schönste glücklichste Art beruhigt.

Ich werde von ihr und von Ihnen träumen antworten Sie mir bald.

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Rosa an William Lovell

Neapel.

Ihr Brief hat mich sehr amüsiert, lieber Freund; er macht so ein wahres Gemälde des Menschen aus, dass ich ihn oft gelesen habe. – Vorzüglich lustig ist die Schwermut, mit der er anhebt; und der Übergang aus diesem Adagio in das gesetzte und feste Andante ist so überraschend und doch so natürlich, dass mir alles so deutlich war, als hätte ich es selbst geschrieben. Ich denke, Sie werden noch öfter ähnliche Erfahrungen an sich machen, und die Klagen werden sich, wenn Sie sonst wollen, ebenso kalt und philosophisch schliessen, wie dieser Brief es tut. Es ist leider ebenso demütigend als wahr, dass bei Ihrer Melancholie nicht die philosophische, sondern die medizinische Untersuchung die richtigere war. Bianca hat Sie von einer Krankheit geheilt, die kein Weiser, kein Dichter, kein Spaziergang, kein Gemälde, keine Musik heilen konnte.

Die klemmende unbekannte sehnsucht, die so oft

den Busen des Jünglings und des aufkeimenden Mädchens zusammenzieht, was ist sie anders, als das Vorihren fröhlichen Qualen und ihren peinigenden Freuden weiter, als das Drängen nach dem Genusse, dem Ziele, nach welchem jeder rennt, ohne es zu glauben? Meinen Sie nicht, dass wenn man den Petrarka in seine Muttersprache übersetzte, seine langweiligen Gedichte die lustigste Lektüre von der Welt sein müssten?

Grüssen Sie Bianca von mir und weihen Sie ihr eine Ihrer feurigsten Oden, denn sie hat es um Sie verdient. Diese Mädchen verdienen nicht nur mit dem Rosenkranze der Liebe, sondern auch mit der eichenlaubigen Bürgerkrone geschmückt zu werden. Dante war gewiss ebenso entaltsam, als Sie, sonst hätte er sein finsteres Gedicht nicht geschrieben, an dessen Existenz wir nichts gewonnen haben: folgen Sie meinem Rate, denn nur der Phlegmatische wird nicht bei einer ähnlichen Art zu leben düster und melancholisch.

Ich sehe die Gegenden um Neapel und die Mädchen der Stadt mehr, als den finstern Balder, der wie eine Mumie in einer Katakombe in seinem Zimmer liegt, und selbst das Licht der Sonne verachtet, weil es ihm ein Bild der Fröhlichkeit ist. – Ich möchte, wenn ich ein Dichter wäre, nichts als lachende Satiren schreiben, ohne Bitterkeit und schiefe Spitzen; wenn man die Menschen genauer ansieht, so gibt es keinen, den man bemitleiden kann, sie erschüttern nur das Zwerchfell und die Tränen sind bei den Menschen nur eine andre Art zu lachen, ebenso wollüstig, ohne traurig zu machen. Beides Schwäche, aber liebenswürdige Schwäche der Muskeln, ein Krampf, ohne den die Gesichter ganz ihre Mannigfaltigkeit verlieren würden. Ihr Shakespeare hat nie so etwas Wahres gesagt, als wenn er den Puck zum Oberon sagen lässt:

Lord, what fools tese mortals be!

Lesen Sie die Stelle und den ganzen Zusammenhang im Midsummernight's