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; an jeder reizenden Form, an jedem Bilde des Dichters weidet sich das trunkene Auge, die Gemälde, vor denen der Entzückte niederkniet, sind nichts als Einleitungen zum Sinnengenuss, jeder Klang, jedes schöngeworfene Gewand winkt ihn dortin; daher sind Boccaz und Ariost die grössten Dichter, und Tizian und der mutwillige Correggio stehen weit über Dominichino und den frommen Raffael.

Ich halte selbst die Andacht nur für einen abgeleiteten Kanal des rohen Sinnentriebes, der sich in tausend mannigfaltigen Farben bricht, und auf jede Stunde unsers Lebens einen Funken wirft. – Da mir die Augen nun darüber geöffnet sind, will ich mich geduldig in mein Schicksal ergeben, ich darf kein Engel sein, aber ungestört will ich als Mensch dahinwandeln, ich will mich hüten, mir selbst um mein Dasein ängstigende Schranken zu ziehen. – So ist mir der Name Amalie fremd geworden; war meine hohe, taumelnde, hingegebene Liebe, etwas anders, als das rohe Streben nach ihrem Besitze? ein Gefühl, das wir uns von Jugend auf verkünsteln, und uns das simple Gemälde unsers Lebens mit unsinnigen Arabesken verderben. – Darum eben verachtet der Greis diese jugendlichen Aufwallungen und wilden Sprünge des Gefühls, weil er zu gut erfahren hat, wohin sich alle diese glänzende Meteore am Ende senken; sie fallen wieder wie Raketen zur Erde und verlöschen. – Aber diese Greise sind zugleich für Künste und Entusiasmus tot, weil die Blüte der Sinnlichkeit für sie abgeblüht ist, die Seele ist in ihnen ausgeloschen, und sie sind nur noch die matte Abbildung eines Lebendigen.

Ich will dem Pfade folgen, der sich vor mir ausstreckt, die Freuden begegnen uns, solange die Spitzen in unsern Sinnen noch scharf sind. Das ganze Leben ist ein taumelnder Tanz; schwenkt wild den Reigen herum, und lasst alle Instrumente noch lauter durcheinanderklingen! Lasst das bunte Gewühl nicht ermüden, damit uns nicht die Nüchternheit entgegenkömmt, die hinter den Freuden lauert, und so immer wilder und wilder im jauchzenden Schwunge, bis uns Sinne und Atem stocken, die Welt sich vor unsern Augen in Millionen flimmernde Regenbogen zerspaltet, und wir wie verbannte Geister auf sie von einem fernen Planeten herunterblicken. Eine hohe bacchantische Wut entzünde den frechen Geist, dass er nie wieder in den Armseligkeiten der gewöhnlichen Welt einheimisch werde!

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William Lovell an Rosa

Rom.

Warum schwärmen Sie schon wieder in Neapel herum, und verlassen Ihren Freund? – Ich mag nicht Ihr Begleiter sein, weil ich Baldern fürchte, sein Anblick und seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz. Ich fühle mich hier in manchen Stunden ausserordentlich einsam, ich gehe aus, um Sie zu sehen und vergesse, dass Sie nicht in Rom sind. Ich habe soeben einen Brief an meinen Freund Eduard gesiegelt und die Tränen stehen mir noch heiss in den Augen; alles, was ich je empfand, kam ungestüm, wie ein Waldstrom in meine Seele zurück; ich unterdrückte dies Gefühl, das immer heftiger in mir emporquoll, und schrieb endlich in einer Angst, in der ich mir selber trotzte, mich einer blinden Sucht zu übertreiben ergab, musste aber den Brief plötzlich abbrechen, weil die Tränen endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in meinen Sessel sank. Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter, alles, was mich aufrecht erhielt, verliess mich treulos; – der Mensch ist ein elendes geschöpf! jetzt von meinen Augen genommen, ich habe mich über meine Empfindungen belehrt, und verachte mich jetzt eben da, wo ich mir einst als ein Gott erschienaber ach, Rosa, ich wünsche mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zurück. Was ist aller Genuss der Welt am Ende, und warum wollen wir die Täuschung nicht beibehalten, die uns auf jedem Felsen einen Garten finden lässt? –

Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Täuschung, als meine vorhergehende? – Mir fällt es erst jetzt ein, dass beide Ansichten der Welt und ihrer Schätze einseitig sind, und es sein müssenalles liegt dunkel und rätselhaft vor unsern Füssen; wer steht mir dafür ein, dass ich nicht einen weit grösseren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe?

Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte, als ich alle Szenen, die mich sonst entzückten, meinen Augen vorübergehen liess, als ich an die Aussichten des Lebens dachte, wie sie damals vor mir lagen – o Rosa, wie eine untergehende Sonne beschien mich der blasse Strahl, ohne mich zu erwärmen; es fiel eine seltsame, rätselhafte Ahndung meine schwankende Seele anich kann Ihnen meinen Zustand unmöglich deutlich machen. – Mir war's, als käme es wie eine göttliche Offenbarung auf mich herab, es gingen die verschlossenen Türen in meinem Innersten auf, und ich schaute in die seltsame verworrene Werkstatt meiner Seele. Wie wüst und ungeordnet lag alles umher, was ich so schön und zierlich aufgepackt glaubte, in allen Gedanken fand ich ungeheure Klüfte, die ich aus trunknem Leichtsinn vorher übersehen hatte, das ganze Gebäude meiner Ideen fiel zusammen und ich erschrak vor der leeren Ebene, die sich durch mein Gehirn ausstreckte. Nun stiegen alle Erinnerungen noch schöner und goldener in mir auf, die Vergangenheit stand noch frischer und lebendiger vor mir, und ich sah nur, wie viel ich verloren hatte, und konnte keinen Gewinn entdecken.

Ist in jeglichem Lebenslaufe nicht vielleicht eine schöne blumenreiche Stelle, aus der sich ein Bach ergiesst, und dem Wanderer durch sein ganzes Dasein frisch und erquickend nachfolgt?