der Gram schon von selbst verschwindet, wenn man ihn nur genauer ins Auge fasst. Sollt ich jammern und klagen, weil nicht jeder meiner übereilten Wünsche in Erfüllung geht? Da müsst ich mein ganzes Leben verklagen und ich wäre ein Tor. Das Flehen der Sterblichen schlägt gegen die tauben Gewölbe des himmels, weil alles sich in einem nichtigen schwindelnden Zirkeltanz dreht, nach Genüssen greift, die nur der Widerschein von wirklichen Gütern sind, und so jeder fühlt, wie ihm sein geträumtes Glück aus den Händen entschwindet. Wer aber vorher weiss, welche Gerichte er an dieser Tafel findet, der wählt klug aus, und kostet von jedem, wenn die Nachbarn hungrig vom Tische gehen, indem sie auf eine Lieblingsspeise warteleicht, den Küchenzettel von diesem Leben zu erhalten?
Du wirst mir schon nach diesem Tone meines Briefes glauben, dass ich völlig getröstet bin; ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Partien dieses Lebens überblicken zu können, dass mich keine Anlage dieses seltsam geordneten Parks überrascht, dass ich es weiss, wenn ich durch krumme Labyrinte auf meine Fussstapfen zurückgekehrt bin, und den Zaun recht gut bemerke, der sich hinter Gebüsche verstecken soll. Ich bin sogar seitdem in eine mutwillige Laune gefallen, in einen gewissen humoristischen Rausch, in welchem mir die Freuden und Leiden dieses Lebens weder wünschenswürdig noch verabscheuungswert erscheinen; es ist alles um mich her ein breiter, mühsam erfundener Scherz, der, wenn man ihn zu genau beobachtet und anatomiert, nüchtern erscheint: aber wenn man sich auf dieser Maskerade dem lachen und der guten Laune gutwillig hingibt, so verfliegt der Spleen, und wir fühlen es, dass wir auch im lachen weise sein können.
Ist denn überhaupt nicht alles auf dieser Erde ein und ebendasselbe? Wir drücken uns selbst die Augen fest zu, um nur nicht diese Wahrheit zu bemerken, weil dadurch die Schranken einfallen, die Menschen von Menschen trennen. Ich könnte hier viel wiedererzählen, was ich vordem meinem guten Mortimer nicht glauben wollte, denn bloss durch diesen Eigensinn unterscheiden sich die Charaktere der Menschen; wir würden alle einen Glauben haben, wenn wir uns nicht von Jugend auf ein Schema machten, in das wir uns nach und nach mühsam hineintragen, das Gerüst und Sparrwerk eines Systems, und daraus unsere eingebildete Wahrheit herausschreien, und dem Nachbar gegenüber nicht glauben wollen, der in einem andern Käfig steckt und eine andre Lehre predigt. Frei stehe der kühnere Mensch, ohne Stangen und Latten, die ihn umgeben, in der hohen natur da, aus Baumwipfeln und Morgenrot ziehe er seine Philosophie, und schreite wie ein Riese über die Zwerge hinweg, die gleich Ameisen zwischen seinen Füssen kriechen und sich mit kläglicher Emsigkeit mit Sandkörnern schleppen, um den gewaltigen Bau aufzuführen, den ein einziger Fusstritt aus seinen Wurzeln hebt.
Was wollt ich nur mit mir selber, als ich jene Briefe an Dich und an meinen Vater schrieb, in welchen ich so flehentlich um Amalien bat? – Bin ich denn in diesem Namen, in diesem laut eingekerkert, dass meine Seele nach ihrem Besitz und nach Freiheit schmachtet? Weiss ich doch nicht, ob ich sie durch den Besitz nicht mehr verloren hätte, als jetzt, denn meine schönsten Gefühle können sich mit den Erinnerungen dieses Namens vermählen, ewig reich und klar kann sie mir im Herzen wohnen, da ich im Gegenteil oft genug wahrgenommen habe, dass die meisten Ehen nur eine Entweihung der Liebe sind.
Freilich ist Wollust das grosse Geheimnis unsers Wesens, freilich will auch die reinste inbrünstigste Liebe sich in diesem Brunnen kühlen; sie soll eben sterben, damit wir fühlen, dass wir Menschen sind, dass wir von täuschenden Phantomen erlöst werden, die uns als Engelsgestalten besuchen, und doch Furien werden, wenn sie das glänzende Gewand fallen lassen. Denn schläft nicht die wildeste Verzweiflung, die grässlichste Angst, der blutigste Hass, Selbstmord und alle Greuel im inneren dieses Gefühls? Erwachen, treten sie nicht hervor aus ihrem Dunkel diese entsetzlichen Gestalten, wenn ewig unbefriedigt dieser Trieb des bewegten Herzens in sich selber kreiset, wenn die glutaugige Eifersucht mit dem Schlangenhaar dazwischenheult? Nur Leichtsinn, nur das erkennen der Täuschung kann uns retten, und darum ist mir in diesem Sinne, in welchem ich sonst nach der Geliebten strebte, Amalie verlorengegangen, seit ich weiss, dass Poesie, Kunst, und selbst die Andacht nur verkleidete, verhüllte Wollust ist, die von innen heraus ihren Glanz ausstrahlt und ungekannt der Menschensinn in allen seinen Kräften zu sich ruft.
Ich muss über mich und meinen Zustand lachen, wenn ich länger fortfahre, mir ihn deutlich zu entwikkeln. – Dass wir Sinnlichkeit haben, ist keineswegs verächtlich und kann es nicht sein – und doch streben wir unaufhörlich, sie uns selber abzuleugnen und sie mit unserer Vernunft in eins zu schmelzen, um nur in jedem der vorüberfliegenden Gefühle uns selbst achten zu können. Denn freilich ist nichts als Sinnlichkeit das erste bewegende Rad in unserer Maschine, sie wälzt unser Dasein von der Stelle, und macht es froh und lebendig; ein Hebel, der in uns hineinreicht, und mit kleinen Gewichten grosse Lasten zieht. Alles, was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste, alle Wünsche der Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mücken um das brennende Licht. Schönheitssinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen, sie bezeichnen nichts weiter, als den Trieb des Menschen zur Wollust