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in seinem dummen einfältigen Herzen den Gedanken an Gott, und den Glauben an ihn so recht warm und kräftiglich fühlt, so fasst man auch recht gut den Sinn von all den irdischen Irrlehrern, die in der Finsternis wandeln, und da aus den Händen ihre Augen machen müssen. – – Aber wir sind besser dran, Tomas, die wir vom Herrn erleuchtet sind; wir sehen mit unsern eigenen Augen, wir fühlen mit unserm eigenen Herzen, die Gott uns mit auf die Welt gab und seinen Stempel dreinsetzte: sie haben nachgemachte Herzen, die im Sturm und Ungewitter nicht ausdauern, die in der Hitze zergehen und in der Kälte zusammenschrumpfen; Gott hat mir einen Glauben gegeben, der für alle Tage in der Woche aushält, und des Sonntags schenkt er mir zuweilen noch eine fromme christliche Erleuchtung, dass es mir wie ein Morgenrot durch meine Seele geht, und sie wieder jung und frisch macht: nicht solche Erscheinungen, Tomas, die bei uns manche närrische Leute haben; so eine sanfte stille Wärme, wie das erste Tauwetter im Frühjahr. – Darum könnt ich mich auch immer noch trösten, wenn das ganze Unglück nicht grade meinen Herrn beträfe, den ich so ausserordentlich von ganzer Seele liebhabe, dass ich für ihn sterben könnte, wenn es sein müsste: aber er macht sich aus dieser Liebe gar nichts mehr: ich würde gegen einen Hund, der aus meiner Hand lieber als von einem andern sein Stückchen Brot ässe, mehr anhänglichkeit haben. Die Mädchen und Weiber hier mit ihrem gezierten und hochfahrenden Wesen sind ihm lieber, so ein Herr Rosa, der nicht an Gott und Ewigkeit glaubt, ist sein Herzensfreund, solche Leute, die ihren Verstand für turmgross halten, wenn sie den Himmel mit allen seinen Sternen nicht sehen wollen, und sich einbilden, sie könnten dies alles auch so und noch besser machen, wenn sie nur Zeit und Handwerkszeug hätten. Gott mag ihnen vergeben und ein Einsehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen den Mond an, und wenn der Mond so denkt wie ich, so nimmt er es ihnen gewiss nicht übel.

Ein Traum, sagt man freilich wohl, ist nur ein Schaum; aber ein Schiffer hat mir doch einmal erzählt, dass es auf dem Meere einen gewissen kuriosen Schaum gebe, der ordentlich Sturm und Schiffbruch voraus prophezeie! – Könnt es denn nicht auch mit manchen Träumen dieselbe Bewandtnis haben? – So hatte ich schon in Frankreich einen gar bedenklichen Traum, damals als der gute Herr Mortimer von uns wieder nach England zurückreiste. Wir alle standen nämlich unten an einem hohen, hohen Berge, ich, mein Herr, Herr Mortimer, Herr Balder und der Italiener Rosa; oben wollten sie alle gerne hinauf, aber Herr Mortimer wurde müde und setzte sich unten an einer schönen grünen Stelle nieder. Mit einem Male war ich weg und ich konnte gar nicht klug daraus werden, wo ich geblieben wäre; die drei übrigen gingen den Berg hinauf, und Herr Balder hatte einen sehr wunderlichen gang; als sie fast oben waren, fiel Herr Balder herunter, und aus dem Italiener ward ein ganz fremder, unbekannter Mensch. Jetzt ging nun ein schwarzer, alter Pudel dicht hinter meinem Herrn, hielt immer den Kopf nahe über der Erde, und ging so recht aufmerksam und liebreich; Du kennst wohl die närrische Art an den Pudeln, Tomas, wenn sie so zutraulich und gesetzt hinter einem hergehen. Oben stand Herr William und sah so recht dreist in den tiefen fürchterlichen Abgrund hinein, als wenn er da in den Steinklippen zu haus gehörte: ich kann es nicht leiden, Tomas, wenn ein Mensch so recht oben auf einer Felsenklippe nicht etwas schwindlicht wird, denn es liegt in der natur und es ist eine Art von Frechheit, sich nicht da oben ein bisschen zu fürchten. Nun, wie gesagt, Herr William tat das gar nicht, sondern grade umgekehrt, er bückte sich noch so recht mutwillig über. Der Hund, der mein Gemüt haben musste, fasste ihn beim Rockschoss, um ihn festzuhalten; Herr William sah sich so mit seinen grossen Augen um, und gab dem redlichen Pudel einen tüchtigen Stoss mit dem fuss, dass der Hund sich zusammenkrümmte, umkehrte und mit einem recht kläglichen Gewinsel den Berg hinuntertrabte, so langsam, als wenn er zur Leiche ginge. In der Mitte sah sich der Hund noch einmal um, und so, wie ich es vorausgedacht hatte, fiel der Herr William jetzt plötzlich in das Felsental hinunter. –

Nun, Tomas, möchte ich wohl ein gross Stück Geld darauf wetten, dass niemand anders als ich der Pudel gewesen ist. Herr Mortimer wollte auf diesen Traum damals gar nicht achten; aber er ist mir heute wieder recht lebhaft eingefallen. –

Wie gesagt, ich wollte, ich könnte nach England zurückreisen; gebe Gott, dass sich bald dazu eine gelegenheit findet, denn es gefällt mir nun in den fremden Ländern hier gar nicht mehr. – Vielleicht geht aber noch alles wieder gut: lebe recht wohl, lieber Bruder, und bleibe Du mein guter Freund, ich bin gewiss zeitlebens

der Deinige.

2

William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Dein Brief, lieber Freund, der mich trösten, der mir den Zusammenhang der Dinge im wahren Gesichtspunkte zeigen sollte, ist zu spät gekommen. Ich war vielleicht schon ruhig, als Du die Feder ansetztest, um mich zu beruhigen. Es ist so etwas Jämmerliches in allen Bekümmernissen dieser Sterblichkeit, dass