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ging meiner Seele wieder vorüber, ein kalter Schauer schlich über meinen rücken hinab. – In demselben Augenblicke trat Rosa herein, der eben von Neapel kam. Er war anfangs verlegen, mich hier zu finden, und entdeckte mir endlich das Geheimnis, das er mir schon lange habe eröffnen wollen, dass nämlich sein Bedienter Ferdinand ein artiges Mädchen sei, das er schon aus Paris mitgenommen habe.

Seitdem habe ich das Mädchen nicht wiedergesehn; die Szene hat meiner Vertraulichkeit gegen ihn Schaden getan, und er bemerkt es recht gut. – Wir suchen oft beide zu einer Erklärung zu kommen, und brechen wieder ab. –

Hüten Sie sich vor Rosa! – Was hat man mit mir vor? – Diese Frage würde manchen an meiner Stelle sehr beschäftigen. – Je nun, es ist ja das Spielwerk des Lebens, dass sich die Menschen betrügen; alles ist maskiert, um die übrige Welt zu hintergehn, wer ohne Maske erscheint, wird ausgezischt: was ist es denn nun mehr? –

Viertes Buch

1

Willy an seinen Bruder Tomas

Rom.

Gottes Segen möge zu Dir kommen, lieber Bruder, so wie er mich nun ganz verlassen hat. Wenn Du in Deinem Herzen noch an den armen Willy denkst, so bete für mich, dass ich bald unser gutes englisches Ufer wiedersehe, und Dich mitten drin im schönen gottesfürchtigen land, wo alle Menschen meinen frommen, einfältigen Glauben haben, und die ganze Christenheit einen stillen, einträchtigen Wandel führt. Hier scheint zwar die Sonne schöner und wärmer, weil es Gottes gnädiger Wille ist, dass sie auch über die Gottlosen scheinen soll: aber nach meiner Einsicht tut er daran gar nicht ganz recht.

Du bist noch immer beim alten Herrn Burton, nicht wahr, Tomas? – Der Garten in Bondly ist noch schön und frisch, und der Fischer Peter spielt noch jeden Abend auf der Schalmei? – Ach mir ist, als könnt ich Dich jetzt so mit Deinen übereinandergeschlagenen, krummen Beinen vor dem Tor des Hofes sitzen sehen, wo ich sonst immer ehemals sass, und den lustigen Schalmeiklang anhörte, der alle Bauern und der Weide zurückkam: – hier sitz ich jetzt in meinem kleinen, dunkeln Kämmerchen, und weine, dass ich nicht bei Dir bin. Nun, Gott wird alles zum Besten lenken.

Du wirst mir abmerken, dass ich in der Fremde gar nicht mehr so vergnügt bin, wie ehemals; lachen hat seine Zeit und Weinen hat seine Zeit. Freilich wohl! Aber es ist doch nicht recht, dass man einen alten Mann so zur Betrübnis zwingt, der sich wegen der Seelen anderer Menschen abhärmt, dass ihm kein Bissen Brot und kein Tropfen Wein mehr schmeckt. Wir sind hier jetzt so lustig, Bruder, dass wir sogar auf dem rand von Felsen tanzen und springen; – ich sah einmal einen Jungen, der aus purem lieben Mutwillen in einen tiefen Brunnen fiel und elendiglich ersaufen musste. Ich kann nicht schwimmen, Tomas, ich bin zu alt, um jemand wieder aus dem wasser ans Tageslicht zu ziehen. Was Herr William denkt, kann ich nicht wissen, aber Gott mag ihm beistehn, wenn er ganz verlassen ist.

Du wirst aus meinen Jammerliedern nicht recht klug werden können, lieber Bruder! – Ach, wohl dem mann, dem das Elend eine wallisische Mundart spricht, und der nicht sitzet, wo die Spötter sitzen, noch wandelt den Weg der Gottlosen, den ich jetzt alle Tage mit meinem Herrn gehen muss. Er ist nicht mehr derselbe, er ist völlig ausgetauscht, er bringt sein Geld durch, als wenn er die Schatzkammer hätte; – aber das Geld ist doch am Ende immer nur ein irdisches Gut, an dem Gott keinen Wohlgefallen hat; aber seine Seele, Tom, seine Seele, die er von Gott geliehen bekommen hat, und die er ihm dereinst wieder bezahlen sollte, verschwendet er auch, als wenn Seelen nur so auf allen Jahrmärkten zum Kaufe ständen. – Wenn er sich nicht bald wieder ändert, wird es mit seiner Rechnung an dem grossen Wechseltage übel aussehen. Doch richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.

Ja, Bruder, unsre Heilige Schrift ist jetzt noch mein einziger Trost in meinen trüben Jammerstunden; Du glaubst gar nicht, was für Kraft in dem buch steckt. Ich packte es so sorgfältig mit in meinen Koffer ein, und ich sitze nun oft ganze Stunden und lese so andächtig, als wenn ich bald vor Gott geführt und ein Engel aus mir gemacht werden sollte. Man kann nicht wissen, wie schnell sich manchmal etwas fügt; es ist noch nicht aller Tage Abend, und sollte ich den grossen Schritt tun müssen, so denke ich in meinem Examen nicht ganz schlecht zu bestehen.

Sage mir einmal, lieber Bruder, warum manche Menschen so dumm, und bei allem ihrem eingebildeten verstand vor Dummheit ordentlich wie vor den Kopf geschlagen sind? dass sie die grosse breite Heerstrasse des göttlichen Worts durchaus nicht sehen wollen, die ihnen vor den Füssen steht, und sich lieber durch einen dichten wildverwachsenen Wald einen Weg hauen, sich immer in dem Gesträuche reissen und stechen, und sich weismachen, sie haben die schönste Chaussee von der Welt vor sich! Mein Herr und Herr Rosa bilden sich immer ein, ich verstehe ihre hohen freigeisterischen Reden gar nicht, die sie manchmal führen, wenn ich dabei bin, – Ach, ich verstehe alles recht gut, wie sie es gerne meinen wollen; wenn man