. – Er hat es gewollt, es sei! –
Lebe wohl, teure Seele, unsre Wege nehmen von jetzt eine verschiedene Richtung: der meinige in das wildverwachsene Dickicht des Waldes hinein, wo der Wind aus unterirdischen Klüften pfeift, und der Deine? – Ich wünsche Dir Glück, mag er führen wohin er will! –
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Amalie Wilmont an Emilie Burton
London.
Mein Schicksal ist entschieden! – William hat dem Vater seine Liebe entdeckt, und – ach, Emilie, Tränen sind auf diese Stelle hinabgefallen, die deutlich genug sprechen. – Ein kalter Schauder überfällt mich, wenn ich daran denke, dass es nun entschieden ist; entschieden, was ich immer fürchtete, aber das Endurteil immer noch weit, weit, von einem Monate zum andern hinausschob. Nun ist endlich so plötzlich die Stunde hereingebrochen, die unbarmherzig alles zu Boden schlägt und auch keiner einzigen Hoffnung Raum zum Wachsen übriglässt. – Ach Emilie, Freundin! – Keinen Trost, denn ich verstehe ihn nicht, da Sie nicht meinen Schmerz verstehn, schenken Sie mir eine Träne und mehr will ich nicht. – sehen Sie, dass Sie unrecht taten, mir zuweilen meine schwarzen Ahndungen abzuleugnen! O meine Liebe sah über die Zukunft hinweg und zitterte schon im voraus vor dem fürchterlichen Schlage. – Mortimer will mich trösten; ich sehe sein gutes Herz und seinen guten Willen, aber ich muss doch weinen, wenn es mir einfällt, dass geweint; aber was ist das nun mehr? Fodre ich denn Ihr Mitleid für meine Tränen? Ach mein wundes Herz – wie es langsam und krampfhaft emporzuckt, wenn ich daran denke! – Ach, was kann mir Mitleid helfen? –
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William Lovell an Rosa
Rom.
Ich bin kälter geworden, seit einiger Zeit? – Wahrlich, lieber Freund, wenn dies war, so war es nur, um desto glühender zu Ihnen zurückzukommen. Nein, Ihre Freundschaft ist mir noch immer ebenso teuer, ja teurer als ehemals, lassen Sie uns nicht den Bund zerreissen, den wir geschlossen hatten.
Hoch triumphierend steh ich oben, über dem Leben und seinen Freuden und Leiden erhaben, ich sehe mit stolzer Verachtung in das Gewühl der Welt hinab. – Wer sind jene armseligen Geschöpfe, die so schwer und keuchend an den Bürden der Pflichten und der Tugenden tragen? – Meine Brüder? – Nimmermehr! – Die Willkür stempelt den freien Menschen; von allen Banden losgelassen, rausch ich wie ein Sturmwind dahin, Wälder niederreissend und mit lautem und wildem Geheul über die steilen Gebirge hinfahrend. Mag's hinter mir stürzen und vor mir wanken, was sind mir die Ruinen, die mich in meinem Laufe aufhalten sollten? –
Fliege mit mir, Ikarus, durch die Wolken, brüderunser Verlangen nach Genuss nur ersättigt wird! Wir sind unsre Gesetzgeber und unsre Untertanen: im jugendlichen Rausche wollen wir der Abendröte entgegentaumeln und in ihrem Schimmer untersinken. –
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William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Ich muss Dir schreiben, Eduard, und wär es auch nur der lieben Gewohnheit wegen. Sollte man doch fast schwören, das Leben wäre bei den meisten Menschen nichts weiter, als eine Gewohnheit, so nüchtern unbefangen, so jämmerlich und phlegmatisch schleppen sie sich durch die spannenlange Zeit, die ihnen vom kargen Verhängnisse gegönnt ist.
Dass mein Vater mir meine Bitte abgeschlagen hat, wirst Du wissen; eine Sache, die mir jetzt ganz gleichgültig ist. Es kommt mir manchmal vor, als würde mir überhaupt das sehr gleichgültig werden, was man im gemeinen Leben Unglück nennt. Da ich auf dieser Seite nicht mein Glück habe finden können, muss ich es natürlicherweise auf der andern suchen. Ich will von Stufe zu Stufe klettern, um die oberste und schönste Spitze der Freude zu finden und hoch herab auf alle Trübsale und Demütigungen blicken, womit die Sterblichen in diesem Leben verfolgt werden. Stürz ich schwindelnd von oben hinunter, was ist es denn mehr? Gehirn zum Schwindeln bringen könnte, aber ich bin fast gleichgültig geblieben. Ich fange überhaupt an, wie es mein Vater will, kalt und vernünftig zu werden; ich hoffe es am Ende wohl noch dahin zu bringen, den Entusiasmus in meiner Brust auszulöschen, den er und auch Du so oft an mir getadelt habt. – Doch, ich wollte Dir einen sonderbaren Vorfall erzählen, der sich seltsam genug an die übrigen reiht.
Vorgestern erhielt ich von einem Unbekannten folgendes Billet:
Folgen Sie dem Überbringer, wenn Sie etwas er
fahren wollen, was Ihnen ausserordentlich wichtig
sein muss.
Ich ging mit dem Unbekannten, der mich jenseits Maria Maggiore in die Einsamkeit nach Santa Cruce zu führte; in einem abgelegenen Garten trete ich in ein kleines Häuschen, das an einen alten Tempel gebaut ist; alles war still und einsam; ich öffne die Tür eines Zimmers, und ein Mädchen kommt mir entgegen. Ich dachte ein lustiges Abenteuer zu finden und erschrak etwas, als ich in dem Mädchen den blonden Ferdinand, den Bedienten Rosas erkannte.
Wir setzten uns, ich war betreten und in Verlegenheit.
"Um Gottes willen", fing sie an sehr ängstlich zu sprechen, "ich kann es Ihnen nicht länger bergen, es drückt mir sonst das Herz ab: seit dem ersten Tage, da ich Sie kennenlernte, ward ich unwillkürlich zu Ihnen hingezogen; ich weiss manches, was Sie nahe angeht – hüten Sie sich vor Rosa!"
Sie sagte die letzten Worte mit einer sonderbaren Bedeutung; der fürchterliche Alte