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des Sohnes hat dem zärtlichsten Vater Kummer gemacht? – das muss nicht öfter kommen; Ihr Sohn muss nicht neuen Gram zu jenen Sorgen hinzufügen, von denen Sie gedrückt werden. – Sie haben gefürchtet, ich hätte irgendein Unglück erlitten? O lieber Vater, lassen Sie sich von diesem Briefe beruhigen und beruhigen Sie dafür Ihren Sohn, der Ihnen eine Bitte vorzutragen hat, an deren Erfüllung das Glück seines Lebens hängt.

Der Gedanke, dass mein Wohl Sie unaufhörlich bekümmert, macht mich heute zu einem Geständnisse dreist genug, das ich bis jetzt nie gewagt habe: aber Ihr zärtlicher Brief hat mein Herz ganz eröffnet: auch keinen Wunsch, nicht einen Gedanken will ich vor Ihnen verborgen halten.

Ich wünsche nach England zurückzukommen und Sie wieder in meine arme zu schliessen: ich wünsche meine Reise geendigt, von Ihren teuren Lippen wünsche ich die Einwilligung zu meinem Glücke zu

Ich liebe, mein Vater! O wenn ich es doch vermöchte, Ihnen alles das zu sagen, was ich Ihnen sagen müsste, um Sie von meiner Liebe zu überzeugen! Lassen Sie Ihr Herz für mich sprechen und ersparen Sie mir Worte, die doch nur Dunst und Nebel gegen das Feuer sind, das rein und hell in meiner Seele brennt. – Amalie Wilmont heisst meine Geliebte, jetzt beruht mein Glück auf dem Ausspruche Ihres Mundes. O lassen Sie mich glücklich werden!

Mein Genius ängstigt mich fort aus Italien, er treibt mich nach meiner Heimat zurück; o um aller väterlichen Liebe willen, nehmen Sie mich gütig auf! Ich weiss alles, was Sie gegen diese Verbindung sagen könnten, ich habe alles lange und reiflich überlegt. Sie wünschen und suchen vielleicht mein Glück auf einem andern, auf einem glänzenderen Wege; aber kehren Sie zurück, wenn sie Ihren einzigen Sohn lieben.

O Gott, mein Vater, welch ein armseliges, dürftiges Gewebe ist unser Leben! Grob und ungeschickt sind alle Farben aufgetragen: alle Freuden sind nur Langeweile, die etwas weniger drückt, alles verrinnt und verfliegt; wie Bettler stehen wir am Ende unsrer Wanderschaft, die unterwegs schon alle die dürftigen Almosen verzehrt haben, die sie gesammelt hatten, sie sind ebenso arm, als indem sie ihren Weg antraten. – Ach nur ein Glück geleitet uns über den dürren Pfad und bestreut ihn mit Blumen; alle Erscheinungen, die uns entgegenkommen, grüssen uns und gehen flüchtig vorüber; nur die Liebe allein ergreift herzlich unsre Hand, und begleitet uns treulich durch das Leben. Um dieser Liebe willen, um der Liebe willen, mit der Sie einst meine Mutter liebten, geben Sie Ihre väterliche Einwilligung in mein Glück. Glauben Sie nicht, dass es eine vorübergehende Torheit ist, die mich zu dieser Bitte bewegt; an Amaliens Seele ist die Kette meines Lebens und meiner Tugend befestigt, das fühle ich unwidersprechlich im Innersten meines Herzens; wenn Sie uns auseinanderreissen, so zerschneiden Sie mein Glück, mein Leben, meine Tugend. Nur in diesem Kreise sind alle meine Wünsche und Glückseligkeiten gelagert; o mein Vater, erwärmen Sie Ihr väterliches Herz so, dass es die Vorteile der Welt und ihre Glücksgüter vergisst: ich beschwöre Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. – Könnten Sie sich in meinen Geist versetzen, wahrlich, Sie würden mit zitternder Hand eilen, den Brief zu schreiben, der mich meiner Seligkeit versichert; Sie würden keinen Augenblick anstehn und sich bedenkendenn rasch rennen die Stunden vorüber, die Blüten der Freude verwelken schnell. – O nein, mein Vater, ich fürchte Ihre Antwort nicht, ich habe keine Ursache, sie zu fürchten. Sie sind bekümmert und haben schlaflose Nächte, weil Sie mich krank glauben; o Sie werden nicht mit einem harten Federzuge mein Unglück entscheiden. – Leben Sie wohl und glücklich! Ich wünsche diesem Briefe Flügel und dem Ihrigen die Schnelligkeit des Windes.

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Walter Lovell an seinen Sohn William

London.

Ich habe Deinen Brief, William, zugleich mit einem andern Deines Freundes Burton erhalten. Ich bin froh darüber, dass ich ohne Ursache bekümmert gewesen bin; doch, was sag ich ohne ursache? Soll der Leichtsinn eines Sohnes dem Vater nicht ebensoviel Gram machen, als es eine Krankheit tun würde? Und Leichtsinn, William, war es denn doch wohl, was Dich so lange vom Schreiben zurückhielt, und Leichtsinn, jugendlicher Leichtsinn, was Dich Deinen letzten Brief schreiben hiess. – Ich kann mir denken, dass Du jetzt den Erstaunten spielst, dass Du Dich in Deiner leidenschaft so weit vergissest, Deinen Vater, dessen zärtliche Liebe gegen Dich ohne Grenzen ist, herabzusetzen und seine Liebe Eigennutz zu schimpfen; aber ich vergebe Dir im voraus, William, eben weil ich Dich liebe. Aber meine Liebe macht mich nicht blind für Dein wahres Glück, darum schreibe ich mit väterlichem wohlwollenden Herzen eine abschlägige Antwort nieder.

Wenn Du Dir nur nicht anmassen wolltest, zu beohngefähr gegen Deinen Antrag einzuwenden haben möchte. Dass ihr jungen Leute doch so gar leicht glaubt, die Ideen eines alten erfahrnen Mannes zu erschöpfen: ihr seht nur mit einem Blicke der Phantasie in die Verhältnisse der Welt hinein, wenn ihr glaubt, mit dem verstand alles reiflich und von allen Seiten überlegt zu haben. Du weisst nicht, was ich für Dich tun will und zum teil schon getan habe; Du siehst nicht die Umstände, die sich günstig vereinigen, um Dir die Bahn zum Glücke zu ebnen: was Dein Vater seit Jahren mühsam zusammenträgt, darfst Du nicht wie ein