einem Porträt in unserm haus so ähnlich ist. – Ich sah mich ängstlich im Zimmer um, es war niemand zugegen, aber er muss ihn kennen, Eduard – o wer weiss, wie wunderbar sich die Fäden meines Schicksals ineinanderfügen!
Lächle nicht über mich, Eduard; noch ehe Du diesen Brief zu Ende gelesen hast, wirst Du einsehn, dass Du keine Ursache hast. Du wirst mir recht geben und das Grauen des Freundes mitempfinden.
Balder erregte mein tiefes Mitleid; ich betrachtete ihn, wie einen, der ohne es zu wissen, mit meinen innersten Gedanken zusammenhinge; ich konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beschreibung hatte das Bild jenes seltsam schrecklichen Greises wieder gar zu lebhaft in meiner Phantasie erweckt.
Ich fühlte, dass Balders Krankheit für mich anstekkend sein könnte; ich reiste also schon gestern nach Rom zurück. Es war gegen Abend, als ich in die Nähe der Stadt kam, die Sonne ging sehr schön unter, und ich liess den Wagen fahren, um durch einen Umweg nach dem Tore zu kommen. Ich gehe seitwärts, und entferne mich immer mehr von der grossen Strasse; plötzlich sehe ich in einiger Entfernung von mir zwei Gestalten in einem tiefen gespräche vorübergehn – o Eduard! und ich wünschte, der Boden möchte unter mir brechen – es war Rosa, Rosa am arme jenes fürchterlichen Ungeheuers! jenes entsetzlichen Gespenstes, das hohl und leise hinter mir geht und sich der Fäden bemeistert hat, an denen es mein Schicksal lenkt. – Es ist kein Mensch, Eduard, denn so hat noch nie ein Mensen ausgesehn – und Rosa, Rosa der Vertraute meines Herzens, dem ich meine Seele aufzubewahren gegeben hatte – an seinem arme! im vertrauten freundlichen gespräche mit ihm! – Meine Liebe und mein Abscheu gehen mir Arm in Arm vorüber und die Zukunft öffnet sich mir, wie mit einem gewaltigen Risse, und ich sehe tief, tief hinunter nichts als Unglück und Grässlichkeiten.
O Eduard! wer könnte dabei kalt und gelassen bleiben? Von diesem Augenblicke ist mir Rosa ein fremdes Wesen geworden, Rom ist mir seitdem verhasst, der Himmel über Italien trübe und verderbenschwanger; wie ein verirrtes Kind sehen ich mich nach meiner Heimat zurück.
Ja, Eduard, nun will ich, nun muss ich nach meinem lieben Englande zurückkehren! Ich muss mich von den Fesseln losmachen, die man mir anlegte, indes ich schlief. O wie schmachte ich nach der Freude des Wiedersehens an Deiner Brust! Eine wehmütige Wonne macht meine Hand erzittern, wenn ich an Amalien und ihre Liebe denke. Mit einem frischen Glanze übergossen, kommt mir mein künftiges Leben entgegen, ich atme froh und frei, und mein Herz fühlt sich leicht bei dieser Aussicht. – Schicke die Einlage an meinen Vater und schreibe ihm selbst einige Worte, denn er hat viel Vertrauen zu Dir; er muss mir seine Einwilligung zu meinem Glücke geben, er muss Amaliens Hand in die meinige legen, ach und er tut es gewiss. Bange sehe ich der Antwort entgegen, furchtsam schleicht bis dahin die Zeit: öde und finster, verworren und lästig ist mir die Gegenwart. – Wenn aber jener Sonnenstrahl, auf den ich hoffe, durch die Verwüstung bricht – wenn ich nun das Siegel von dem erwünschten Briefe löse, wenn ich keinen Freund hier habe, dem ich mein Entzücken mitteilen kann – o so will ich weinend auf die Kniee fallen, und jenem unbekannten fernen Freunde meine kindische Freude, meine Wonnetränen zum Opfer bringen, dass er es verstattet, dass ich wieder zu meinen frühern frommen Empfindungen zurückwandeln darf. – Beneide mich, Freund, um diesen glückseligen Augenblick meines Lebens!
Und wenn er nicht kommt! – Wenn kalte Worte meine Verzweiflung und mein Entzücken gleich stark zu Boden schlagen. – Kalte Tränen treten mir bei dem Gedanken in die Augen. – Ach, Freund, es mag immerhin etwas Kindisches sein, manche abenteuerliche Gespenstergeschichten, die man mir in meiner Jugend erzählte, fallen mir jetzt täglich ein, und ich finde immer Anwendungen darin auf mich. Kennst Du das Märchen, in welchem ein Knabe unaufhörlich von einem grässlichen Unholde verfolgt wird? ihm immer entflieht und von neuem in die arme läuft?
Du hast kein Gefühl dafür, wie seltsam mir alles vorkömmt; seit gestern betrachte ich jeden Gegenstand mit starren Augen, als wenn ich allentalben ein Wunder erwartete: mir ist jetzt nichts unwahrscheinlich. Ich bin eingeschlossen, um nicht von Rosa überrascht zu werden, ich könnte bei seinem Eintritte wie beim Anblicke eines Basilisken erschrecken.
Ich denke jetzt daran, wie Ferdinand, Rosas Bedienter, seit einiger Zeit ein so geheimnisreiches Wesen hat, dass ich schon oft über ihn nachgedacht habe. Er drängt sich bei allen Gelegenheiten an mich, es scheint, als wollte er mir etwas eröffnen, wobei er doch seinen Herrn fürchte. – Wohin ich sehe, reckt sich mir aus der Dunkelheit etwas entgegen: ich stehe vor einem Rätsel, dessen Sinn sich mir gewiss mit Schrecken auftun wird. –
Es klopft jemand. – Es ist gewiss Rosa. Ich kann nicht aufmachen, ich denke recht lebhaft an Dich, um des Grauens loszuwerden, das sich zu mir hinanschleicht. – O Freund, er ging an seinem arme! –
Er ist fortgegangen und ich bin wieder frei. – O wenn ich doch erst wieder die Küste meines Vaterlandes begrüsste! – Ich hoffe bald.
27
William Lovell an seinen Vater (Einlage des vorigen
Briefes)
Rom.
Das lange Stillschweigen