Tages erblickte, klüger ist als wir alle. Die Seele weiss noch nicht die ihr aufgeladenen Sinne und Organe zu gebrauchen, die Erinnerung ihres vorigen Zustandes steht ihr noch ganz nahe, sie tritt in eine Welt, die sie nicht kennt und die ihrer Kenntnis unwürdig ist; sie muss ihren höhern eigentümlichen Verstand vergessen, um sich mühsam in vielen Jahren in die bunte Vermischung von Irrtümern einzulernen, die die Menschen Vernunft nennen. – Vielleicht, dass ich wieder dahin zurückkommen kann, wo ich war, als ich geboren ward.
Vergib mir mein Geschwätz, das Dir vielleicht überdies unverständlich ist; aber komm zu mir, komm! o lass mich nicht vergebens bitten.
Ich habe schreckliche Träume, die mir alle Kräfte rauben, und fürchterlich ist es, dass ich auch im Wachen träume. Heere von Ungeheuern ziehen mir vorüber und grinsen mich an, wie ein heulender Wassersturz fallen Grässlichkeiten auf mich herab und zermalmen mich. Ich schlafe nicht und kann nicht wachen; wenn ich schlafe, ängstigt mich meine boshafte Phantasie, ich wache dann auf und kann nicht erwachen, sondern setze meine Träume fort. – Heulende Orkane jagen hinter mir her, und betäuben mich mit ihrem Brausen; ich fahre erbleichend zusammen, wenn ich meine Hand aufhebe: wer ist der Fremdling, frage ich erschrocken, der mir den Arm zum Grusse entgegenstreckt? – Ich greife ängstlich darnach und ergreife schaudernd meine eigne, leichenkalte Hand, wie ein fremdartiges Stück, das mir nicht zugehört. – Phantome jagen sich mir vorüber, die all mein Blut in Eis verwandeln. Fürchterliche Gesichter drängen sich aus der Mauer, und wenn ich hinter mich sehe, streckt sich mir ein schneebleiches Antlitz entgegen, und begrüsst mich mit wehmütig entsetzlichem Lächeln. – Komm, William, und rette mich – je nun, so komm, komm doch! hörst Du nicht das ängstliche Geschrei Deines armen Freundes? – Du lachst? O wehe Dir und mir, wenn Du mich verspottest; dann schicke ich Dir einst alle Gespenster zu, dass sie Dir auch den Schlaf und die Ruhe wegquälen. – Vergib mir, aber komm.
Eine blinde Wut könnte mich ergreifen, wenn ich das armselige Geschwätz der Ärzte von Fieberhitze und Paroxysmus höre. Die Narren! weil ihre Sinnen erblindet und betäubt sind, so halten sie den für töricht, der mehr sieht, als sie. – O ich höre recht gut das leise schauerliche Rauschen, von den Flügeln meines Schutzgeistes, ich sehe recht gut die Hand, die mich ernst hinüberwinkt. – Lebe wohl, William! Ich folge, und werde nie zu Dir zurückkehren.
26
William Lovell an Eduard Burton
Rom.
Du klagst darüber, dass ich Dir und meinem Vater in so langer Zeit nicht geschrieben habe? Du siehst, dass ich in diesem Briefe meinen Fehler wieder gutzumachen suche; besorge die Einlage an meinen Vater.
O ja, teurer Freund, ich fürchte selbst es ist schon lange, dass ich Dir nicht geschrieben habe. Alles hier hat mich verwickelt und verstrickt, eine Gesellschaft, eine Zerstreuung hat mich der andern aus dem arme genommen; ich bin in ein Labyrint hineingeraten, in welchem ich mich nur an Deiner Hand, durch Deine hülfe wieder ans Tageslicht finden kann. O mir ist, als säss ich in eisernen Banden und träumte vergebens von Befreiung; alles umher, was ich ansehe, wird mir zu einem Geheimnisse, ganz Italien kommt mir wie ein Kerker vor, in welchem mich ein böser Dämon gefangenhält: darum will ich zu Dir, zu Dir und Amalien zurück.
Amalie! o dass ich diesen süssen Namen wieder nennen kann! – Wie geht es ihr? Denkt sie noch an mich? – Erinnerst Du Dich noch so oft, wie sonst, Augenblick die Feder niederlegen; meine Seele ist zu voll, meine Hand zittert.
Ich fange wieder an zu schreiben, nur muss Dir bis hieher dieser Brief wie ein Rätsel vorkommen. Ach, Eduard, Deiner Freundschaft muss ich von neuem das Bekenntnis meiner Schwäche ablegen, verzeihe mir wiederum, denn nach jeder probe komme ich mit erneuerter Liebe zu Dir zurück.
Seit Mortimers Abreise ward Rosa mein vertrauter Freund, diese Freundschaft wuchs mit jedem Tage. Unsre Seelen wurden immer inniger aneinandergefesselt, hundert neue Gedanken und Vorstellungen gingen aus ihm in meinen Geist über; in kurzer Zeit war ich sein Schüler, der Schüler einer egoistischen, sinnlichen Philosophie. Er war jetzt meine liebste und häufigste Gesellschaft; allentalben wo ich war, traf ich auch ihn, und allentalben wünschte ich ihn zu treffen.
Balder war indes in Neapel krank geworden; seine Melancholie, die durch ein Fieber verstärkt worden, artete zuweilen in völlige Verrückung aus. In dringenden Briefen bat er mich, ihn zu besuchen: ich reiste endlich ab.
Ich fand ihn entstellt, bleich, mit tiefeingesunkenen Augen, einem irren Blicke und allen Spuren einer gefährlichen Seelenkrankheit. Als ich in sein Zimmer trat, war sein Geist abwesend, und er erkannte mich nicht, er kämpfte mit Phantomen seiner Einbildungskraft, die ihn ängstigten, er sah Gespenster um sein Bette stehen, seine scheuen Augen funkelten auf eine entsetzliche Art, er sprach einen zusammenhängenden Unsinn, dessen seltsame und fürchterliche Bilder mich oft erschreckten. – Eduard, er beschrieb in seiner Phantasie einen Alten, der vor seinem Bette stehe, und – o denke Dir mein Entsetzen! – seine Beschreibung passte Zug für Zug auf den fürchterlichen Greis, von dem ich Dir neulich erzählt habe, der