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mehr derselbe gute Herr, der er wohl vor zeiten war. Wenn der Italiener ihn nur nicht verführt! Ich könnte mich darüber zu tod grämen. Der ganze Himmel mit aller seiner Seligkeit würde mir künftig nicht gefallen, wenn ich meinen lieben Herrn anderswo (Du weisst wohl, Tomas, wo ich meine) wissen sollte.

Du siehst, lieber Bruder, dass ich jetzt viel an den Tod und über die Unsterblichkeit der Seele denke: das macht, weil ich jetzt fast beständig so betrübte Gedanken habe, dass ich mich nicht zu lassen weiss. An allem ist mein Herr William schuld; er ist nicht mehr so freundlich gegen mich, wie sonst, er bekümmert sich wenig um mich, ja, Tomas, er lacht mich sogar manchmal aus, ob ich doch gleich um viele Jahre älter bin, als er. Du wirst gewiss nicht sagen können, dass er daran recht tut. Neulich kam mir das Weinen in die Augen, dass ich es nicht verstecken konnte, und da lachte er noch weit mehr. Mag ihm das Gott vergeben, so wie ich es ihm vergeben habe. Auch ist hier keine rechte Kirche für unsereinen, das ist schlimm, mein Herr geht oft in die Messe, doch hoffe ich immer noch, er tut es mehr der Weiber wegen, denn wenn er gar Andacht da hätte und katolisch würde, nein, Tomas, das könnt ich nimmermehr verwinden. Und es ist ein verführerisches Wesen mit dem Singsang und den prächtigen Kleidern; ja, lieber Bruder, ich habe mich wohl auch hinein verleiten lassen, und habe einoder zweimal (erschrick nur nicht), selbst eine Art von Andacht gespürt. Das darf nicht wieder kommen. Ei, wenn ich meine rechtgläubige, englische Gottesfurcht nicht wieder ganz heil und gesund mit mir zurückbrächte, was würdest Du oder jeder Christ von mir denken müssen?

Ich will nur zu schreiben aufhören, um Dir nur nicht noch mehr vorzuklagen. Aber ich wünschte, ich sässe bei Dir in unserm frommen England; wenn es anginge, möchte ich wohl zurückreisen: wie froh wollt ich Dich in meine alten arme nehmen und mit einer Freude, wie ein kleines Kind, ausrufen: Gottlob, dass ich wieder da bin, dass ich Dich wiederhabe! – Nun so lebe wohl, gebe der Himmel nur, dass wir uns noch einmal wiedersehn!

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Balder an William Lovell

Neapel.

Rosa will nach Rom zurückreisen; wenn Du noch einiges Mitleids fähig bist, so leiste mir einige Tage über Gesellschaft. Ich bin in einer fürchterlichen Lage, meine Krankheit, (wenn ich es so nennen kann) nimmt mit jedem Tage zu, alle Freuden und Hoffnungen verlassen mich, in einem kalten Trübsinne sehe ich der Leere jedes folgenden Tages entgegen. Mein Gehirn ist wüst, eine heisse Trockenheit brennt in meinem kopf, alles flieht, ich kann keinen Gedanken festalten: alles saust mir vorüber, kein Ton dringt mehr in meine Seele.

Mir ist zuweilen, als stehe ich auf dem Scheidewege, um vom Leben Abschied zu nehmen, oft ist mir sogar zumute, als wenn schon alles in einer weiten, weiten Ferne läge, wie von der Spitze eines Turmes sehe ich mit trübem Auge in die Welt hinunter und vermag keinen Gegenstand deutlich zu unterscheiden. Zuweilen aber werde ich wieder zurückgerissen, meine Sinne tun sich den Eindrücken wieder auf, und die Seele kommt zu ihrem Körper zurück. – Komm ich vielleicht eine bestimmtere Existenz, entweder ich komme ganz wieder zu den Menschen hinüber, oder ich werde jenseits in ein dunkles, chaotisches Gebiet geschleudert, das sich dann vielleicht meinem geist entwickelt: dass ich dann mit der Seele einheimisch bin, wohin mir kein Gedanke der übrigen Sterblichen folgt.

Ja, Lovell, ich bin immer noch in Zweifel darüber, was aus mir werden würde, wenn die Leute mich wahnsinnig nennen; o ich fühle es, dass ich in vielen Augenblicken diesem Zustande so nahe bin, dass ich nur noch einen einzigen kleinen Schritt vorwärts zu tun brauche, um nicht wieder zurückzukehren. Ich brüte oft mit anhaltendem Nachdenken über mir selber; zuweilen ist's, als risse sich eine Spalte auf, dass ich mit meinem Blicke in mein innerstes Wesen und in die Zukunft dringen könnte; aber sie fällt wieder zu, und alles, was ich fesseln wollte, entflieht treulos meinen Händen. – Als Kind stand ich oft mit Ehrfurcht und ahnender Seele vor dem Klavier meiner Eltern und betrachtete stumm und unverwandt den künstlich ausgeschnitzten Stern des Resonanzbodens; ich sah scheu durch ihn in die Dunkelheit hinein, weil ich wähnte, dort unten wohne der Genius des Gesanges, der leise mit den Flügeln rausche, wenn die Tasten angeschlagen wurden. Ich sah ihn oft in meinen Gedanken emporsteigen, wie er leise schwebend von seinen süssen Tönen getragen wird und immer höher und höher steigt und ein glänzendes Gewimmel von Harmonieen sich um ihn versammelt, dann wieder still und langsam in seine Tiefe hinabsinkt und schweigend unten wohnt. – Als ich älter ward, dachte ich oft mit Lächeln an diese seltsame idee meiner Kindheit und fühlte mich, wunder wie klug! – Aber verstand ich darum die Entstehung und seltsame wirkung der Töne?

So kommen mir jetzt mehr Ideen aus meinen frühesten Jahren wieder; ich sehe ein, dass ich jetzt ebenso mit ahndender, ungewisser Seele vor dem Rätsel meiner Bestimmung und der Beschaffenheit meines Wesens stehe. – Vielleicht, dass das Kind, das im ersten Augenblicke den Lichtstrahl des