Freunde nicht unverständlich. Ist es nicht endlich einmal Zeit, dass ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse?
Freilich kann alles, was ich ausser mir wahrzunehmen glaube, nur in mir selber existieren. Meine äussern Sinne modifizieren die Erscheinungen, und mein innerer Sinn ordnet sie, und gibt ihnen Zusammenhang. Dieser innere Sinn gleicht einem künstlich geschliffenen Spiegel, der zerstreute und unkenntliche Formen in ein geordnetes Gemälde zusammenzieht.
Geh ich nicht wie ein Nachtwandler, der mit offenen Augen blind ist, durch dies Leben? Alles, was mir entgegenkommt, ist nur ein Phantom meiner inneren Einbildung, meines innersten Geistes, der durch undurchdringliche Schranken von der äussern Welt zurückgehalten wird. Wüst und chaotisch liegt alles umher, unkenntlich und ohne Form für ein Wesen, dessen Körper und Seele anders, als die meinigen organisiert wären: aber mein Verstand, dessen erstes Prinzip der Gedanke von Ordnung, ursache und Wirweil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann. Wie mit einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen die feindseligen Elemente zusammen, alles fliesst zu einem hellen Bilde ineinander – er geht hindurch und sein blick, der nicht zurücke kann, nimmt nicht wahr, wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt.
Willkommen, erhabenster Gedanke,
Der hoch zum Gotte mich erhebt!
Es öffnet sich die düstre Schranke,
Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht, da er zum ersten Male lebt,
Was das Gewebe seines Schicksals webt.
Die Wesen sind, weil wir sie dachten,
In trüber Ferne liegt die Welt,
Es fällt in ihre dunkeln Schachten
Ein Schimmer, den wir mit uns brachten:
Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt?
Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht hält!
Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wüstenei.
Ich lasse Welten sich bewegen,
Die Element' in Ordnung legen,
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu.
Den bangen Ketten froh entronnen,
Geh ich nun kühn durchs Leben hin,
Den harten Pflichten abgewonnen,
Von feigen Toren nur ersonnen.
Die Tugend ist nur, weil ich selber bin,
Ein Widerschein in meinem inneren Sinn.
Was kümmern mich Gestalten, deren matten
Lichtglanz ich selbst hervorgebracht?
Mag Tugend sich und Laster gatten!
Sie sind nur Dunst und Nebelschatten!
Das Licht aus mir fällt in die finstre Nacht,
Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht.
So beherrscht mein äussrer Sinn die physische, mein innerer Sinn die moralische Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür, jede Erscheinung, jede Handlung kann ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängt an den Ketten, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich selbst bin das einzige Gesetz in der ganzen natur, diesem Gesetz gehorcht alles. Ich verliere mich in eine weite, unendliche Wüste – ich breche ab.
24
Willy an seinen Bruder Tomas
Rom.
Du hast lange keinen Brief von mir bekommen, lieber Bruder, und das macht, weil ich Dir gar nichts zu schreiben hatte. Uns allen hier, ich meine, mir, meinem Herrn und seinen Freunden, uns allen geht es hier recht wohl, ausser dem Herrn Balder, der in Neapel krank liegt, weil er einen Anstoss vom Fieber bekommen hat. Man erzählt sich allerhand von ihm; so sagt man unter andern, er habe in manchen Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich, da rede er denn wunderlich Zeug durcheinander. – Wenn ich so etwas höre, Tomas, so danke ich Gott oft recht herzinniglich, dass mir so etwas noch nicht begegnet ist: vielleicht aber auch, Tomas, dass, um verrückt zu werden, mehr Verstand dazu gehört, als wir beide haben; ich meine nämlich, wenn man nur immer so viel Versrand hat, als man zur höchsten Notdurft braucht, so kann man ihn ohne sonderliche Mühe in Ordnung halten. Wer aber zu viel hat, dem wird das Regiment saurer, und da geht dann manchmal alles bunt übereck. – Ich denke, es muss ungefähr so sein, tasche bei sich trägt, ist meistenteils ein guter Wirt; wer aber so viel Geld hat, dass er es nicht gleich im kopf zusammenrechnen kann, der gibt oft so viel aus, dass er noch Schulden obendrein macht.
Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen. Er kommt mir vor, wie ein Religionsspötter, von denen ich schon manchmal in unserm vaterland habe erzählen hören; solche Leute können kein gutes Herz haben, weil sie nicht auf die Seligkeit hoffen, und wer darauf nicht hofft, Tomas, der hat keinen festen Grund, worauf er seinen Fuss setzen kann, und das hiesige Leben kommt mir doch immer nur als eine Probearbeit vom künftigen vor; sie machen also ihre probe sehr flüchtig und nachlässig, und tun Gott und allen Menschen so vielen Schabernack, als sie nur immer können. Ich weiss nicht, Tomas, wie es diesen Leuten künftig ergehen wird; im Himmel würden sie doch nur die Ruhe und Einigkeit stören; – mag's sein, wie es will, ich will nichts mit ihnen zu tun haben.
Aber der Herr William lässt sich jetzt viel mit diesem gefährlichen Menschen ein. Sie sind jetzt recht vertraut und der Herr William kommt mir manchmal ganz kuriose vor, es ist manchmal gar nicht